Leid sichtbar machen
Missbrauch in der Kirche: "Schmerzpunkt" mahnt zur Aufarbeitung
Fotos: Bistum Fulda / Burkhard Beintken
07.10.2026 / FULDA -
Mit einem sichtbaren "Schmerzpunkt" erinnert das Bistum Fulda künftig an Menschen, die sexualisierte Gewalt und Missbrauch geistlicher Autorität in der katholischen Kirche erfahren haben. Die Kunstintervention von Susanne Wagner wurde am Mittwoch im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt und anschließend an der Außenmauer des Bischofshauses entlang des Weges von der Pauluspromenade zur Michaelskirche sichtbar gemacht.
Stephan Auth aus dem Betroffenenbeirat und Bischof Dr. Michael Gerber machten in ihren Beiträgen deutlich, dass ein sichtbares Zeichen allein nicht genügt: Entscheidend sind der konkrete Umgang mit Betroffenen und die Auseinandersetzung mit systemischen Ursachen.
"Auf die Haltung kommt es an"
Stephan Auth aus dem Betroffenenbeirat richtete den Blick darauf, was aus dem sichtbaren Zeichen im konkreten Umgang mit Betroffenen folgt. "Auf die Haltung kommt es an. Und die zeigt sich nicht im Akt des Anbringens eines Schmerzpunktes, sondern in den vielen kleinen Entscheidungen, Begegnungen und Gesprächen, in denen Betroffene als Menschen und als Gegenüber ernst genommen werden."Entscheidend sei damit nicht allein die heutige Symbolhandlung: "Der Wert dieses Schmerzpunktes entscheidet sich nicht daran, dass er heute angebracht wird, sondern daran, was heute und morgen geschieht."
Schmerzpunkt als Ausrufezeichen
Bischof Dr. Michael Gerber griff in seinem Beitrag die medizinische Bildsprache des Kunstwerks auf. Eine verantwortliche Diagnostik betrachte Schmerzpunkte nicht isoliert, sondern frage nach den dahinterliegenden Ursachen. Schmerz sichtbar machen
Ausgangspunkt der Kunstintervention ist die aus dem medizinischen Bereich bekannte Markierung einer schmerzenden Stelle durch einen roten Punkt. Susanne Wagner überträgt dieses Motiv in den kirchlichen Kontext. Beim Aufbringen der roten Fläche bleibt die Form eines Kreuzes ausgespart; anschließend erscheint das Kreuz als Leerstelle innerhalb des "Schmerzpunkts".Der "Schmerzpunkt" kennzeichnet keinen konkreten Tatort. An kirchlichen Orten angebracht, erinnert er an erlittenes Leid und verweist zugleich auf institutionelle Verantwortung. Das Kunstwerk entstand 2025 und wurde im Rahmen eines künstlerischen Wettbewerbs für den Deutschen Katholikentag 2026 in Würzburg ausgewählt. Dort war die Intervention an 15 Kirchen und kirchlichen Einrichtungen präsent. Das Konzept ist darauf angelegt, den "Schmerzpunkt" auch darüber hinaus an weiteren kirchlichen Orten sichtbar zu machen.
Teil einer fortdauernden Aufarbeitung
Im Bistum Fulda steht der "Schmerzpunkt" im Zusammenhang mit der weiteren Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Im Juni 2025 hatte die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Fulda ihren Abschlussbericht vorgelegt. Die Veröffentlichung markierte einen wichtigen Abschnitt der Aufarbeitung, nicht deren Abschluss.Parallel arbeitet eine interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe an einem dauerhaften Erinnerungsprojekt im oder am Fuldaer Dom. Der "Schmerzpunkt" an der Außenmauer des Bischofshauses ist nicht dieser geplante dauerhafte Erinnerungsort. Er ist ein eigenständiges sichtbares Element innerhalb der längerfristigen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt, ihrer Aufarbeitung und der Erinnerung an das Leid Betroffener.
Zum Abschluss der Veranstaltung gingen die Teilnehmenden gemeinsam von der Michaelskirche zum "Schmerzpunkt". Begleitet von Percussion endete die Veranstaltung dort in Stille. (js/pm)+++