Ein Jahr Löwenherz
Sammeln, tauschen, zocken: Fuldas Nerd-Paradies
Fotos: Mathias Schmidt
06.10.2026 / FULDA -
Vor rund einem Jahr begann für das Team rund um Alexander Schulz ein Abenteuer, bei dem niemand so recht wusste, wie es ausgehen würde. Ihr Ziel: den ehemaligen Regio Point in der Löherstraße in ein kleines Nerd-Paradies zu verwandeln. Mittelalter-Flair, Sammelkarten, Spieltische und jede Menge Leidenschaft gehörten zur Grundausstattung. Ob ihr Konzept am Ende genügend Mitspieler finden würde?
Das wussten die beiden ehemaligen Gummi-Mitarbeiter damals im Interview mit OSTHESSEN|NEWS selbst nicht so genau. Ein Jahr später dürfte diese Quest als erfolgreich absolviert gelten: An manchen Samstagen ist das Löwenherz inzwischen so voll, dass selbst für weitere Abenteurer kein Platz mehr ist.
Vom Kartenladen zum Treffpunkt
Dabei ist etwas entstanden, das weit über einen klassischen Sammelkartenladen hinausgeht. Vor allem Jugendliche haben das Löwenherz für sich entdeckt. "Wir sind schon so eine Art Jugendreff geworden", erzählen die "Abenteurer". Besonders die Altersgruppe zwischen zwölf und 20 Jahren komme regelmäßig. Manche schauen direkt nach Schulschluss vorbei, machen im Laden sogar ihre Hausaufgaben und bleiben anschließend bis zum Abend.Wichtig dabei: Wer ins Löwenherz kommt, muss nichts kaufen. Die Spieltische können kostenlos genutzt werden. Genau das gehörte schon vor der Eröffnung zur Idee: Das Löwenherz sollte nicht nur Verkaufsfläche, sondern vor allem ein Treffpunkt für die Community sein. "Die Leute kommen hier rein und werden begrüßt. Viele sind mittlerweile auch wie Freunde", beschreibt das Team die Atmosphäre. Man kenne die Interessen der Stammgäste, unterhalte sich, mache Späße und habe längst gemeinsame Insider. Einige Besucher sprechen deshalb vom "Wohnzimmer-Feeling".
Das Inventar wächst und wächst
Auch beim Blick in die Vitrinen zeigt sich, wie viele neue Items das Löwenherz innerhalb eines Jahres eingesammelt hat. Pokémon, Magic: The Gathering, Yu-Gi-Oh! und Star Wars Unlimited gehören weiterhin zum festen Repertoire. Neu hinzugekommen sind unter anderem One Piece und Riftbound, das Sammelkartenspiel aus dem League-of-Legends-Universum. Vor allem die Auswahl ist deutlich gewachsen. "In Sachen Einzelkarten sind wir bestimmt zehnmal so groß wie vor einem Jahr", heißt es aus dem Team. Besonders deutlich zeigt sich das bei Pokémon: Zum Start habe man gerade einmal rund zehn Einzelkarten gehabt. Inzwischen schätzen die Betreiber allein den Wert ihres Pokémon-Einzelkartensortiments auf etwa 30.000 bis 40.000 Euro. Im Lager schlummern zudem mehrere Hunderttausend günstigere Karten. Nächste große Quest: die eigene Kartenmesse!
Die Pläne sind ambitioniert: Mehrere Händler, Turniere unter anderem aus dem Magic- und Pokémon-Bereich sowie weitere Programmpunkte sollen die Veranstaltung zu einer Mischung aus Kartenmesse und kleiner Convention machen. Auch ein bekannter Magic-Künstler soll nach Möglichkeit eingeladen werden. "Wir rechnen schon mit einer vierstelligen Besucherzahl. Wenn es gut ankommt, wollen wir das auch regelmäßig wiederholen."Dabei geht es den Freunden nicht nur um den eigenen Laden. "Wir sind definitiv der Meinung, Fulda muss mehr gesehen werden. Sie ist eine wunderschöne Stadt." Mit einer überregionalen Veranstaltung wolle man auch die Domstadt stärker auf die Karte der Szene bringen. Warhammer im Keller und ein eigener Webshop
Und die Messe ist nicht die einzige Quest, die vor ihnen liegt. Auch der Gewölbekeller, der bereits vor der Eröffnung Teil der Planungen war, soll endlich Form annehmen. Damals war dort ein eigener Bereich für Warhammer und Pen-&-Paper-Rollenspiele vorgesehen. Im ersten Schritt soll nun ein Warhammer-Bereich mit zusätzlichen Spieltischen entstehen. Später könnte der Raum auch für Rollenspiele genutzt werden. Bevor die ersten Miniaturen in die Schlacht ziehen können, müssen allerdings noch Fragen rund um den Brandschutz geklärt werden. Parallel steht die digitale Erweiterung des Löwenherz-Universums an: Ein eigener Webshop soll das stark gewachsene Sortiment künftig auch überregional verfügbar machen. Auf eBay ist das Team bereits aktiv, zudem soll der bislang ruhende Cardmarket-Bestand wieder stärker angegangen werden. Auch auf Social Media will man jetzt mehr Präsenz zeigen und wieder angreifen. "Weg vom Bildschirm" - Mission erfüllt?
Bei all den wirtschaftlichen und baulichen Plänen ist dem Team eine andere Entwicklung mindestens genauso wichtig. Schon vor der Eröffnung hatten sie sich vorgenommen, Menschen wieder stärker zusammenzubringen: weg vom Bildschirm, hin zum gemeinsamen Hobby. Nach einem Jahr glauben sie, dieses Ziel erreicht zu haben. "Der Großteil kommt wirklich hierher, spielt aktiv und sitzt gar nicht mehr am Handy oder am Tablet." Stattdessen wird gespielt, geredet, getauscht und gemeinsam am nächsten Deck getüftelt. Wie groß die Szene inzwischen ist, überrascht dabei selbst Menschen, die mit Trading Card Games bislang wenig anfangen konnten. Die drei erzählen von Besuchern, die einen kleinen Hobbyladen erwartet hätten - und dann nahezu sprachlos vor einem voll besetzten Geschäft standen. Aus dem Duo wurde ein Trio
Auch die eigene "Party" ist inzwischen gewachsen. Mittlerweile arbeiten drei Vollzeitkräfte und ein Minijobber im Löwenherz. Vor einem Jahr waren es noch zwei. Der Dritte im Bunde ist Sadi Kontosoglu. Für ihn ist damit ebenfalls ein Traum wahr geworden: Aus dem Hobby wurde ein Beruf - und aus Kollegen längst mehr als das. "Das war eines der schönsten Gefühle, die ich in den letzten Jahren erleben durfte. Die sind wie Familie für mich mittlerweile." Zwar bleibe inzwischen weniger Zeit, selbst zu spielen. Dafür könne er jeden Tag erleben, wie andere Menschen zusammenkommen und ihre Leidenschaft teilen. "Man lernt jeden Tag was Neues dazu. Man sieht jeden Tag neue Gesichter."
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