Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen
"Unreflektiertes Infotainment von früh bis spät" – Dr. Nass klärt auf
Symbolfoto: Ralston Smith, Unsplash
29.10.2026 / ANZEIGE -
Laut einer Studie von DAK-Gesundheit verbringen Jugendliche im Schnitt zweieinhalb Stunden oder mehr täglich auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder WhatsApp. Problematische Nutzung fängt da an, wo es weit über diese Durchschnittswerte hinausgeht und Schlaf, Nahrungsaufnahme, Schule und Sozialkontakte leiden. Dr. Oliver Nass, leitender Psychotherapeut der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda, sieht eine besorgniserregende Zunahme der Fälle.
"Ich sehe soziale Medien und ihre Nutzung nicht per se als kritisch an. Aber das Suchtverhalten ist es: Unreflektiertes Infotainment vom frühen Morgen bis spät in die Nacht wirkt sich massiv auf die Entwicklung aus", sagt Dr. Nass. Die Inhalte sozialer Medien sind nicht reguliert, sie bieten im ersten Schritt keinerlei Mehrwert. Dazu kommt, dass die Plattformen in ihrem Design auf permanente Einbindung der Nutzer*innen ausgelegt sind. Selbst Erwachsenen fällt es oft schwer, die App zu schließen – Kinder und Jugendliche können sich aufgrund ihres Entwicklungsstands (die Hirnreifung lässt erst ab dem 16. Lebensjahr zu, sich abzugrenzen) kaum gegen die forcierte Einbindung wehren. Zudem kann die häufig geschürte "FOMO" ("fear of missing out", also die Angst, etwas zu verpassen) den pathologischen Medienkonsum noch verschärfen, den Dr. Nass als Therapeut behandelt.
Mechanismen hinter den sozialen Medien verstehen
"Dr. Nass hat mit dem Thema nun schon seit 20 Jahren zu tun", erklärt Chefarzt Priv.-Doz. Dr. med. Frank M. Theisen, wie lange das Thema Suchtverhalten in Bezug auf digitale Geräte die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda schon beschäftigt."2010 haben wir hier die erste Arbeitsgruppe gebildet, 2015 habe ich angefangen, über das Thema zu promovieren", ergänzt Dr. Nass. "Ich will das Thema gerne etwas differenzieren: Bei neuen Medien gibt es oft zwei Lager. Die einen verteufeln sie, die anderen sind hellauf begeistert. Wir müssen in der kritischen Auseinandersetzung die Mitte finden – nichts anderes versuche ich in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern."
Er erklärt, dass die Apps in erster Linie auf die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen abzielen. Denn "Attention" (also die häufige Nutzung der App) ist die Währung, die über die Werbetreibenden Geld einbringt. Dementsprechend ist das gesamte Design der verschiedenen Social-Media-Plattformen darauf ausgelegt, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Nutzer zu bekommen, möglichst lange zu halten und nach Verlust sofort wieder zu erlangen. Besonders aufmerksamkeitsstarke Inhalte werden bevorzugt ausgespielt, und je kürzer die Inhalte sind, desto wahrscheinlicher entscheiden sich Nutzer*innen, diese weiter oder erneut anzusehen. Dazu kommt der nie endende persönliche Feed – der fortlaufende Strom von digitalen Inhalten und personalisierten Beiträgen, der sich unendlich scrollen lässt und der das Gefühl generiert, immer weiter schauen zu müssen, weil das Ende noch nicht erreicht ist.
Und genau da setzt das pathologische Verhalten ein: "Das Problem bei Social Media ist, dass es zu einer Zeitausdehnung kommt. Die Haupttätigkeit am Tag ist dann das Gucken diverser, auf persönliche Vorlieben abgestimmter Inhalte, die die Menschen nicht fördern, nicht weiterbilden, sondern wirklich einfach nur Infotainment, das letztendlich die Zeit stiehlt. Wir haben da zwei Probleme. Erstens entsteht eine verzerrte Wahrnehmung der Realität, beispielsweise durch Filter, die die Fotos verfälschen, zum Beispiel weil alle gefühlt immer im Urlaub sind, da sie nur genau das posten. Das zweite Problem ist die zeitliche Ausdehnung, die zunimmt. Der Tag reicht nicht mehr, es geht weiter bis in die Nacht, der Schlaf wird weniger bis zu dem Punkt, an dem der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann. Das geht leider fließend über von intensiver Nutzung über eine Störung bis hin zur Sucht." Pathologischer Medienkonsum zeigt sich häufig in einer Tag-Nacht-Umkehr, depressiven Entwicklungen und einer Zunahme von Schulabwesenheiten. Das kann so weit gehen, dass die jungen Menschen aus Gründen der Kindeswohlgefährdung zur Behandlung gerichtlich untergebracht werden müssen, da keine Krankheitseinsicht besteht.
Zusammenarbeit mit Experten der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Am Anfang der Zusammenarbeit steht häufig eine zeitliche Aufstellung, die mit den Eltern gemacht wird. Festgehalten wird, wie viel Zeit die Kinder und Jugendlichen am Tag in der Schule verbringen. Dann werden die Zeiten mit Handy, Gaming, Streaming und Fernsehen zusammengerechnet und dem gegenübergestellt. Oft sieht man dann schon, dass der Umgang mit digitalen Medien in der zeitlichen Ausdehnung genauso wichtig oder noch wichtiger als die Schule ist. Die Eltern wie auch die Jugendlichen merken dann selbst schnell: Das passt so nicht.Dr. Theisen ergänzt: "Genau da sehe ich den großen Wert der Diskussion rund um Social-Media-Bans. Verbotsdrohungen zwingen die Industrie dazu, Konsumverführungsstrategien dahingehend zu verändern, dass sie ausbalancierter sind."
Miteinander ins Gespräch kommen, Vertrauen aufbauen
Dass Eltern oft einem pathologischen Medienkonsum eher hilflos gegenüberstehen, klar nachvollziehbar. Die meisten Kinder und Jugendlichen sprechen nicht offen über das, was sie in den sozialen Medien sehen und angezeigt bekommen. Das alltägliche News-Rauschen auf Social-Media-Plattformen konfrontiert Nutzer*innen – besonders Kinder und Jugendliche – mit extremen Inhalten. Von Exekutionen über Pornografie bis hin zu Cybergrooming und Mobbing geht die Bandbreite der täglichen Nachrichtenflut. Technische, KI-gestützte Prüfverfahren der Plattformen können nicht alles abfangen. Über verstörende Inhalte können die jungen Menschen nicht sprechen, sie können sie nicht einordnen. Und Eltern wissen meist auch nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Denn Verbote führen in der Regel dazu, dass weniger miteinander gesprochen wird, sie zerstören das vielleicht vorhandene Vertrauensverhältnis. Auch an diesem Punkt arbeitet Dr. Nass mit den Jugendlichen und den Eltern gleichermaßen. Eltern müssen Interesse für das digitale Erleben ihrer Kinder aufbauen und lernen, Vertrauen und Interesse zu vermitteln. Die Jugendlichen müssen lernen, dieses Vertrauen zu haben und Eltern als kompetente Ansprechpartner wahrzunehmen. Er schlägt ganz konkret vor: "Danebensetzen, zeigen lassen, erklären lassen, was da spannend ist. Das ist wichtig. Eltern müssen sich damit auseinandersetzen."Langsamer Aufbau eines reflektierten Umgangs
Neben ambulanten Therapien werden Kinder und Jugendliche aber auch stationär aufgenommen, um die Mediensucht zu behandeln. Dann sind die Regeln klar: Erst einmal gibt es keinen Zugang zum Internet. Handys, Smartwatches und Tablet-PCs sind nicht erlaubt. Stattdessen stehen Gespräche, Sport und kreative Angebote auf dem täglichen Stundenplan. Abhängig von der persönlichen Entwicklung werden dann nach und nach langsam digitale Geräte wieder erlaubt, stundenweise, unter Aufsicht. Denn hier ergeben sich ergänzende Therapieansätze: Apps können helfen, zu heilen. Dr. Nass kennt die aktuelle Studienlage: "Verbringen Menschen weniger Zeit in ihrer digitalen Bubble und bewegen sich wieder mehr im echten Leben, ändert sich ihr Realitätssinn. Gehen junge Leute wieder in die Schule, interagieren mit Gleichaltrigen im analogen Alltag, sehen sie sich selbst anders, reflektieren kritisch. Der soziale Austausch macht das wieder möglich. Und das persönliche Befinden bessert sich."Was Dr. Nass als Therapieansatz für Eltern und Kinder nutzt, kann in jeder Familie umgesetzt werden. Denn Kinder lernen immer noch viel von ihren Eltern und deren Vorbild. Werden digitale Endgeräte zu Hause gemeinsam eingerichtet, über Sicherheitseinstellungen, Zugänge und dergleichen gesprochen, erwerben Kinder und Jugendliche ganz nebenbei im Alltag durch die gemeinsame Einrichtung schon eine Basiskompetenz im Umgang mit digitalen Geräten. Interessieren sich Eltern für das, was die Kinder im digitalen Raum tun, kann gemeinsam ein souveräner Umgang mit sozialen Medien und Spielen aufgebaut werden. Dazu gehören Interesse und gegenseitiges Vertrauen – und Geduld. Denn Kinder lernen schneller und erschließen sich den Umgang mit Geräten und Software schneller und unvoreingenommener als ihre Eltern – die dafür einen besseren Blick für Risiken und Gefahren haben.
Weitere Informationen zur Arbeit von Dr. Theisen und Dr. Nass finden sich auf der Website der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda. +++