✕

Baroque Academy spielt auf dem Hinterturm

Barock über den Dächern – bis der Regen den Takt angibt

Barock über den Dächern auf dem Hinterturm
Fotos: Christoph Blum

02.10.2026 / SCHLITZ - Die Bühne befand sich in diesem Fall zunächst hoch oben auf dem Hinterturm und das Publikum verteilte sich über die gesamte Altstadt. Zum Auftakt schallte über Schlitz (Vogelsbergkreis) ein vertrautes Lied in einer ziemlich ungewöhnlichen Besetzung. Mit Barockoboen, Barockfagotten und Unterstützung des "singenden Turmführers" Udo Keilwerth eröffnete die International Baroque Academy am Donnerstagnachmittag ihr Turmblasen. Das "Schlitzer Lied’ sollte gleich zweimal erklingen – und das Konzert zwischendurch umziehen.



Rund 30 Menschen lauschten auf dem Kirchplatz. Die meisten Zuhörer aber hatten sich andere Logenplätze gesucht: auf umliegenden Terrassen, an Fenstern und sogar einige hundert Meter Luftlinie entfernt am Burgenblick, wo sich ebenfalls kleine Gruppen zum Zuhören zusammenfanden. Ein Konzert, für das man nicht unbedingt vor der Bühne stehen musste. Es kam gewissermaßen nach Hause.

Das Versprechen des Turmführers

Dass die internationalen Gäste ausgerechnet das Schlitzer Lied auf ihren historischen Instrumenten spielten, hat eine Geschichte. Die Academy ist seit 2023 in der Landesmusikakademie zu Gast, das Turmblasen kam ein Jahr später hinzu. Wie Organisatorin Jeanine Krause erzählt, waren damals amerikanische Oboenprofessoren früher als erwartet angereist. Bis zum Kursbeginn blieb Zeit für einen Stadtbummel. Dabei lernten sie Udo Keilwerth kennen, der ihnen die Noten des Schlitzer Heimatliedes gab und versprachen, mit weiteren Musikern wiederzukommen.

Aus der Begegnung wurde ein gemeinsamer Auftritt und daraus ein enger Kontakt. Keilwerth und Krause blieben in Verbindung und beschlossen, das Ganze zur Tradition zu machen. Mittlerweile erkenne sie schon manche Schlitzer Gesichter wieder, erzählt die in Hofheim am Taunus lebende gebürtige amerikanische Musikerin.

Diesmal hatte allerdings auch das Wetter einen Programmbeitrag vorbereitet. Nach dem Schlitzer Lied setzte Regen ein. Also ging es vom Turm in die Stadtkirche, wo das Konzert mit Instrumentalsätzen aus Marc-Antoine Charpentiers Oper "Médée" fortgesetzt wurde.

Barock Spielen und tanzen – fester Bestandteil des Workshops

Hinter dem Auftritt steht kein festes Tournee-Ensemble. Für die Kurswoche vom 27. September bis zum 2. Oktober kommen rund 20 Teilnehmende, unter anderem aus Australien, Kanada und Argentinien, sowie sechs Dozenten zusammen. Drei unterrichten Oboe, je eine Fagott, Cembalo und Tanz. Die Academy findet bereits zum sechsten Mal statt, zum vierten Mal in Schlitz.

Gemeinsam ist den Lehrenden, die sich aus unterschiedlichen musikalischen Zusammenhängen kennen, die Leidenschaft für Barockmusik und deren Vermittlung.

Krause geht es um musikalisches Können und Gemeinschaft. Zur Erklärung bemüht sie das Bild großer Erntekörbe: Die Teilnehmenden sammeln Wissen und Erfahrungen, von denen sie noch lange zehren können. Ein fertiges Konzertprodukt sei nicht das Ziel der Woche. Ein besonderes Element: Barocktänze werden wirklich auch getanzt. Die Hälfte der Gruppe spielt, die andere lernt dazu die Schritte. Dann wird gewechselt. So erfahren die Musiker am eigenen Körper, was hinter den Rhythmen und Bewegungen der Musik steckt. Hinzu kommen Ensemblespiel, Einzelunterricht und das Handwerk rund um Rohrblätter und Instrumente.

Wenige Klappen, eigener Charakter

Was unterscheidet die Barockinstrumente von ihren modernen Nachfolgern? Besonders sichtbar ist die Mechanik: Barockoboen besitzen meist nur zwei oder drei Klappen, Barockfagotte typischerweise drei oder vier. Viele Tonlöcher werden unmittelbar mit den Fingern geschlossen. Moderne Instrumente verfügen dagegen über ausgefeilte Klappensysteme, die das Spiel in unterschiedlichen Tonarten erleichtern. Auch Bohrung und Rohrblätter unterscheiden sich und prägen den Klang. Die Oboe übernimmt die höheren Stimmen, das deutlich größere Fagott das tiefe Fundament. Die historische Aufführungspraxis will damit der Musik und ihren Ausdrucksmöglichkeiten zur Entstehungszeit näherkommen.

Zum Schluss der Veranstaltung schloss sich der musikalische Kreis: Noch einmal erklang das Schlitzer Lied, diesmal in der Kirche und mit Unterstützung des mitsingenden Publikums. Aus den Zuhörern wurden Mitwirkende. Und aus einem Konzert internationaler Gäste ein Stück gemeinsam gesungene Heimat. (Christoph Blum) +++

X