Kleine Flucht aus dem Alltag
Kaffeekanne wird Kunst: Markus Wachtel öffnet ungewöhnliches Museum
Markus Wachtel sammelt Kaffeekannen. Viele. Sehr viele. Mittlerweile sind es mehr als 500. Nun stellt der Architekt, Sammler und Künstler seine ungewöhnliche Sammlung aus.
Fotos: Jürgen Böthig
21.09.2026 / BAD HERSFELD -
Markus Wachtel sammelt Kaffeekannen. Viele. Sehr viele. Mittlerweile sind es mehr als 500. Nun stellt der Architekt, Sammler und Künstler seine ungewöhnliche Sammlung aus und zeigt dabei, dass eine Kaffeekanne weit mehr sein kann als ein Gefäß für das Lieblingsgetränk der Deutschen.
Es gibt Menschen, die sammeln Briefmarken. Andere Münzen, Schallplatten oder Bierdeckel. Dann aber gibt es Markus Wachtel. Der Architekt sammelt Kaffeekannen. Mehr als 500 Exponate umfasst seine Sammlung inzwischen. Eine Zahl, bei der selbst die Frage erlaubt sein dürfte, ob man noch sammelt oder bereits ein eigenes kleines Kaffeekannen-Museum betreibt.
Man könnte jetzt schmunzeln. Sollte man vielleicht sogar. Denn seien wir ehrlich: Eine Kaffeekanne gehört normalerweise in die Küche. Sie steht auf dem Frühstückstisch, wartet auf Besuch oder wird irgendwann – leicht angeschlagen und mit einem Rest Kaffee darin – zurück ins Spülbecken gestellt. Bei Wachtel ist das anders. Hier bekommt die Kaffeekanne ihren großen Auftritt.
Bei der Vernissage am Samstag stehen die guten Stücke nicht einfach herum. Sie werden betrachtet, entdeckt, miteinander verglichen. Formen, Farben, Materialien und Designs erzählen plötzlich Geschichten. Manche Kanne wirkt vertraut, andere eigenwillig, manche beinahe wie ein kleines Kunstobjekt. Irgendwann ertappt man sich bei einem Gedanken, der zunächst fast ein wenig anmaßend klingt: Warum eigentlich nicht?
Denn was macht Kunst eigentlich zur Kunst? Der Preis? Der Ort? Die Signatur? Oder vielleicht doch der Blick des Betrachters? Markus Wachtel lädt mit seiner Ausstellung genau zu diesem Perspektivwechsel ein. Seine Kaffeekannen, Milchkännchen oder Zuckerdosen sind Alltagsgegenstände und gleichzeitig kleine Zeitzeugen. Sie erzählen von unterschiedlichen Epochen, Geschmäckern und Vorstellungen davon, wie ein gedeckter Tisch aussehen kann.
Mit Sammelleidenschaft und Kunst gegen den Leerstand
Doch die Ausstellung ist mehr als eine ungewöhnliche Sammlung. Sie setzt auch ein kleines Zeichen gegen den fortschreitenden Leerstand in der Stadt. Wo Schaufenster dunkel bleiben und Geschäfte verschwinden, kann Kunst Leben in Räume bringen. Sie öffnet Türen, schafft Begegnungen und sorgt dafür, dass aus einem vermeintlich verlorenen Ort wieder ein Ort des Austauschs wird.
Wachtel ist dabei nicht nur Architekt und leidenschaftlicher Sammler. Er ist auch selbst Künstler und beschäftigt sich mit Malerei. Abstrakt naiv sind seine Bilder, farbenfroh und für ihn teilweise mit Erinnerungen verbunden. Architektur, Kunst und Sammelleidenschaft treffen bei ihm auf eine durchaus eigenwillige Weise aufeinander.
Vielleicht ist genau das der Charme dieser Ausstellung: Hier wird nicht versucht, das große Kunst-Rad neu zu erfinden. Stattdessen wird dem scheinbar Alltäglichen Aufmerksamkeit geschenkt. Natürlich erzählen die Kannen auch vom Kaffee. Jenem Getränk, das Menschen zusammenbringt, Gespräche verlängert, Gedanken in Gang bringt und so manche Begegnung überhaupt erst möglich macht. Eine Kaffeekanne ist schließlich selten nur eine Kaffeekanne.
Sie steht für Pause, Begegnung und Gastfreundschaft. Für das berühmte: "Setz dich doch noch kurz." Wobei dieses "kurz" bekanntlich eine ausgesprochen flexible Zeiteinheit sein kann. Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz dieser Sammlung. Markus Wachtel sammelt nicht einfach Gegenstände. Er sammelt Geschichten, Erinnerungen und Formen. Dinge, die andere längst aussortiert oder übersehen hätten, bekommen bei ihm eine zweite Bühne.
Die Ausstellung wird damit auch zu einer Einladung, genauer hinzuschauen. Auf das scheinbar Banale. Auf Gegenstände, die uns täglich begegnen und gerade deshalb unsichtbar geworden sind. Eine Kaffeekanne muss eben nicht nur Kaffee enthalten. Sie kann Design sein. Erinnerung. Nostalgie. Handwerk. Zeitgeschichte. Oder schlicht ein ziemlich gutes Argument dafür, dass Sammeln eine höchst kreative Form des Weltordnens sein kann.
Während die Besucher durch die Ausstellung gehen, dürfte bei dem einen oder anderen vielleicht sogar eine ganz persönliche Erinnerung aufsteigen: die Kanne der Großmutter, das gute Porzellan von früher oder das Modell aus der ersten eigenen Wohnung. Kunst muss schließlich nicht immer laut sein. Manchmal steht sie einfach auf dem Tisch. Und manchmal hat sie einen Deckel.
Bei Markus Wachtel hat sie vor allem eines: einen guten Grund, genauer hinzusehen. Vielleicht auch um anschließend einen Kaffee zu trinken. Die Ausstellung von Markus Wachtel ist noch bis zum 18. Oktober zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils freitags bis sonntags von 11 bis 16 Uhr. (Jürgen Böthig) +++