Der Stadtpfarrer bei O|N
Stefan Buß: Der Gedenktag des heiligen Vinzenz von Paul
Fotos: Stefan Buß
26.09.2026 / FULDA -
Vinzenz von Paul ist kein Heiliger, den man nur aus der Ferne bewundern sollte. Seine Botschaft beginnt mit einer einfachen, aber bis heute unbequeme Frage: Siehst du den Menschen, der deine Hilfe braucht?
Vinzenz lebte in einer Zeit großer Gegensätze. Paris war eine Stadt des Reichtums und der Macht – und zugleich eine Stadt der Bettler, Kranken, Findelkinder, Gefangenen und Alten. Vinzenz sah diese Not. Aber er blieb nicht beim Mitleid stehen. Er fragte: Was können wir tun? Wie können wir helfen? Und wie können wir Hilfe so organisieren, dass sie wirklich bei den Menschen ankommt?
Ein Satz, der Vinzenz zugeschrieben wird, bringt dieses neue Verständnis wunderbar zum Ausdruck: "Das Kloster der Schwestern sollte dort sein, wo die Kranken sind; ihr Kreuzgang sollten die Straßen der Stadt sein." Der Glaube muss auf die Straße gehen. Und genau das macht diesen Heiligen so aktuell.
Die Frage des heiligen Vinzenz lautet deshalb heute: Wo sind die Armen unserer Zeit? Und vielleicht müssen wir noch genauer fragen: Wen sehen wir nicht mehr?
Denn das ist die große Gefahr: dass wir uns an die Not gewöhnen. Dass wir vorbeigehen, weil wir denken: "Dafür ist doch der Staat zuständig. Dafür gibt es die Caritas. Dafür gibt es soziale Einrichtungen."
Vinzenz würde vermutlich antworten: Ja, wir brauchen Strukturen. Wir brauchen Organisationen. Wir brauchen professionelle Hilfe. Aber Nächstenliebe darf niemals delegiert werden.
Der Staat kann unterstützen. Eine soziale Einrichtung kann beraten. Die Caritas kann helfen. Aber niemand kann uns die persönliche Begegnung abnehmen. Das freundliche Wort. Den Besuch. Das Zuhören. Das Wahrnehmen eines Menschen, der sonst übersehen wird.
Und deshalb beginnt christliche Nächstenliebe immer mit dem Hinschauen.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Botschaft des heiligen Vinzenz für uns: Wir müssen nicht die ganze Welt retten. Aber wir dürfen auch nicht sagen: "Ich kann ja doch nichts tun." Denn alles beginnt mit einem Menschen.
Vinzenz von Paul hat nicht große Programme geschrieben. Er hat Menschen zusammengebracht und sie in Bewegung gesetzt. Vielleicht brauchen wir heute wieder etwas mehr von diesem vinzentinischen Geist. (Stefan Buß)+++