Winfriedpreis an Nino Haratischwili

Hoffnungslosigkeit können wir uns nicht leisten

Nino Haratischwili wurde mit dem Winfriedpreis der Stadt Fulda ausgezeichnet
Fotos: Marvin Myketin

13.09.2026 / FULDA - Ob Dr. Heinz G. Waider 2001 ahnte, welche Bedeutung der von ihm gestiftete Winfriedpreis einmal haben würde? Sah er voraus, dass das friedliche und offene Miteinander der Europäer erneut von außen (Diktatoren) und innen (Ignoranz) bedroht werden würde? Es hätte keine bessere Preisträgerin geben können als Nino Haratischwili, die sich so klar für die europäischen Werte positioniert. Und die längst, wie sie in ihrer Dankesrede sagte, von der Schriftstellerin und Regisseurin zur politischen Aktivistin geworden ist.

Die europäische Dimension

"Das Anliegen Dr. Waiders ist heute drängender als jemals zuvor", so Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld. Gerade in Deutschland hätten wir vieles verdrängt oder ignoriert. Europas Errungenschaften hätten nicht von allein Bestand, sondern brauchten den Einsatz von uns allen. Mit Nino Haratischwili wird eine der bedeutendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur ausgezeichnet, "nicht mit einem literarischen, sondern einem politischen Preis". Ihr Buch "Europa, wach auf!" macht ehrlich und schonungslos klar, dass wir alle gefordert sind.


Im Fürstensaal begrüßte der Oberbürgermeister neben der Preisträgerin, ihrer Mutter Tamara und ihrem Verleger Joachim Unseld die Stifterfamilie mit Christine Waider, Bettina Langer und Stefanie Waider. Unter den Gästen: Vertreter des Bistums, das auch im Kuratorium des Winfriedpreises sitzt, Stadtverordnetenvorsteherin Margarete Hartmann und einige Träger städtischer Ehrenauszeichnungen. Auch Michael Brand, MdB, hatte es sich nicht nehmen lassen, an diesem Tag in seinem Wahlkreis zu sein. Wie in jedem Jahr waren auch diesmal wieder viele Fuldaer zur Preisverleihung gekommen.

Selbstbeweihräucherung und Illusionen

Laudator Reinhard Veser, FAZ-Journalist und Osteuropa-Fachmann, ging von einem Foto aus, das im März 2023 in Tiflis aufgenommen wurde und um die Welt ging: Menschen, die sich mit wehender Europafahne der Staatsgewalt in Form eines Wasserwerfers entgegenstellen. Ein Bild, das an Eugène Delacroix’ "Die Freiheit führt das Volk" erinnere. In Westeuropa, so Veser, wäre ein solches Foto unmöglich: "Hier geht kaum einer mit Europafahne auf die Straße und die Staatsmacht würde nicht gegen solche Demonstranten vorgehen."

So weit, so gut – schlecht allerdings, dass hier immer mehr Wähler für Parteien stimmten, die der EU und der europäischen Einigung geringschätzig oder feindselig gegenüberstehen. Haratischwili dagegen nehme Europas Errungenschaften als etwas wahr, das nicht naturgegeben sei, sondern immer wieder erkämpft und verteidigt werden müsse. Das hätte uns spätestens am 24. Februar 2022 klar werden müssen, als die ersten russischen Bomben auf Kiew niedergingen. Doch große Teile der deutschen Gesellschaft verschlössen sich bis heute der Realität oder schauten weg. Nicht so Nino Haratischwili. Sie halte den Europäern ihre guten Absichten und hohen Werte vor – und das Sich-Einlullen in Illusionen über die Welt.

Klarer Blick für die Härten der Welt

Ihre Texte bezogen ihre Kraft und Eindringlichkeit aus ihren Erfahrungen in Georgien: einem Land, das schwer an den Verwüstungen durch die sowjetische Diktatur trage und politisch zu jenem Europa gehören wolle, dessen Teil es kulturell längst sei. Die Menschen seien erschöpft vom Kampf gegen die erneute Machtübernahme durch Russland. Dieser Kampf hat dieselben historischen Wurzeln wie der in der Ukraine. Doch Westeuropa habe die Warnungen vom Baltikum bis Georgien nicht wahrhaben wollen: "Putins Russland ist kein vertrauenswürdiger Partner, sondern eine Gefahr für die Freiheit des ganzen Kontinents".

In seiner so "unbequemen wie anspornenden Laudatio", wie Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld sie beschrieb, zitierte Veser aus "Europa, wach auf!", das Warnung und Liebeserklärung zugleich sei: "Das, was Du für einen guten Ton hältst, Europa, das findet er lächerlich. Er lacht Dich aus, Europa, und den Preis für dieses sarkastische, alles vernichtende Lachen – zahlen wir, liebes Europa, wir, die dazu verdammt sind, an deinen Rändern, aber am Fuß des Goliaths zu leben."

Die Gretchenfrage lautet: Wie weit bist du bereit zu gehen, um Gleichgesinnte zu schützen? "Deutschland und Europa brauchen Stimmen wie die Haratischwilis", so Veser. Aus ihrer Erfahrung als Migrantin wisse sie, dass sie weder im einen noch im anderen Land ganz dazugehöre. Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit zu akzeptieren, sei Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt, damit man gegen die "Eindeutigkeit der Tyrannei" bestehen könne.

Unfreiwillige Aktivistin

"Das Leben ist politisch, Gefühle sind politisch, und ich bekenne mich als Bürgerin und Mensch zu Dingen, die mir wichtig sind", so Haratischwili in ihrer Dankesrede. Unfreiwillig sei sie in den Aktivismus gerutscht. Sie habe erlebt, was es bedeute, wenn die Werte verletzt würden, für die sie einstehe. Ein verlässliches "Nie wieder" könne es nicht geben, denn niemand wisse, was geschehen werde. Der Zombie einer Vergangenheit, mit der man nicht abschließen könne, lauert immer irgendwo im Dunkeln.

Zum Schluss zitierte sie aus ihrer 2025 in Leipzig gehaltenen "Rede zur Demokratie": "Ich will nicht verzweifeln, aber ich tue es, und doch, doch weiß ich, dass es keine Alternative gibt, dass ich meinen Glauben wiederfinden muss, dass ich diesen Glauben, wenn nötig, wieder heranzüchten muss, indem ich mich auf all das besinne, was für mich ebendieser Westen irgendwann einmal darstellte. Die Trennlinie zwischen Wir und Sie aufheben, Ost und West, Mann und Frau, Schwarz und Weiß, Muslime und Christen. Zum Menschsein zurückkehren."

Ihre starke Schlussbotschaft an uns alle war: "Wir müssen es uns wieder zutrauen, mehr zu lieben als zu hassen. Wir müssen uns daran erinnern, dass die europäische Idee stärker ist, als wir es ihr manchmal zutrauen." Das Publikum dankte ihr mit Standing Ovations, die Nino Haratischwili sichtlich gerührt entgegennahm.

Melancholisch-schwermütige Musik

Erik Oldenburg (Piano) und Mahina Chalcou-Freier (Cello), beide aus der Musikschulklasse von Maksim Fedcenko-Pietsch, setzten ein denkwürdiges musikalisches Licht – mit ihren europäischen Herkunftsländern ebenso wie mit ihrer Musikauswahl: Erik Saties elegischer "Gymnopédie Nr. 1", dem wehmütig-getragenen, immer wieder von Dissonanzen zerrissenen georgischen Wiegenlied "Iavnana" von Sulkhan Tsintsadze und Richard Wagners sanft-innigem "Lied an den Abendstern" aus dem "Tannhäuser".

Nach der Preisverleihung durch den Oberbürgermeister und die Stifterfamilie Waider trafen sich alle im Oberen Vestibül zur Eintragung ins Ehrenbuch der Stadt und zum Gespräch bei einem guten Glas "fuldischen" Weins – dessen 250-jährige Geschichte, wie der Oberbürgermeister augenzwinkernd anmerkte, zwar nicht ganz mit der 8.000 Jahre alten Weinkultur Georgiens mithalten könne, der aber doch äußerst trinkbar sei. +++Jutta Hamberger+++

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