Vortrag im Geschichtsverein
Gleichschaltung der Kultur: Der Fuldaer Heimatbund in der NS-Zeit
Dr. Thomas Heiler sprach über den Fuldaer Heimatbund in der NS-Zeit.
Fotos: Jutta Hamberger
11.09.2026 / FULDA -
Heimatkunde, Heimatliebe und Heimatvertriebene – beim Begriff "Heimat" denkt vermutlich jeder an etwas anderes. Zumindest viele Boomer konnten sich angesichts der NS-Vergangenheit nie wirklich damit anfreunden. Die jüngere Generation sieht das inzwischen anders. Und die Erforschung der eigenen Heimat und Region hat längst richtig Aufschwung genommen.
Kultur als zentraler Hebel der Gleichschaltung
Im Vortrag Dr. Thomas Heilers ging es an diesem Abend um ein düsteres Stück deutscher Heimatkunde – den Fuldaer Heimatbund in der NS-Zeit. Schon 1933 war die Reichskulturkammer mit dem Ziel einer "systemkonformen Kultur" gegründet worden. Sie unterstand Propagandaminister Joseph Goebbels. Dass sie massiv auf Film, Musik, Literatur, Rundfunk, Theater, Presse und Kunst einwirkte, dürfte den meisten geschichtsbewussten Menschen klar sein. Weniger bekannt ist, dass sie auch in die kommunale Selbstverwaltung eingriff. Während die Gleichschaltung auf nationaler Ebene gut dokumentiert ist, sieht es für Kunst und Kultur in der Provinz meist anders aus.
Auch in Fulda, aber es tut sich etwas: Im November wird eine Ausstellung die Ergebnisse der Provenienzforschung zum Fulda-Porzellan dokumentieren. Und, so darf man hoffen, weitere Bereiche werden folgen.
1934 vereinbarte die Stadt Fulda mit der NS-Kulturgemeinde, dass diese gegen städtische Zuschüsse Konzert- und Theaterveranstaltungen im nationalsozialistischen Sinne durchführen sollte. Dafür wurde heftig geworben, war Kultur doch dem verhinderten Künstler Adolf Hitler ein besonderes Anliegen. Erfolgreich war die NS-Kulturgemeinde in Fulda nicht: der Ortsverband wurde 1937 liquidiert. Die Verantwortung übernahm fortan "Kraft durch Freude" (KdF), ein Bereich von Robert Leys "Deutschen Arbeitsfront". 1941 gründeten KdF und Stadt die "Kunstgemeinde", außerhalb derer die Stadt keine Kulturveranstaltungen mehr unterstützen sollte. Es gab Oper, Operette und Schauspiel, meist als Gastspiele, außerdem Lesungen und Vorträge. Mit den Luftangriffen vom 11./12. September 1944 war es dann allerdings vorbei mit dem Spielbetrieb.
Noch im Krieg dachte man darüber nach, in jeder Stadt ab 20.000 Einwohnern ein Theater- und Konzertgebäude zu bauen. Für Fulda hielt der damalige OB Dr. Danzebrink einen Neubau mit 800 Plätzen für nötig – entweder auf dem ehemaligen Jüdischen Friedhof an der Rabanusstraße oder auf dem Platz der SA (Universitätsplatz).
Die Rolle Karl Maurers
Das Städtische Museum war in den 1930er Jahren der einzige institutionell verankerte Träger und Vermittler von Kunst und Kultur. Die Arbeit erfolgte ehrenamtlich, Museumsleiter Vonderau war bereits 76 Jahre alt. Ziel der Nationalsozialisten war es, das Museum auf ihre völkische Heimatideologie zu bürsten. Dieser Prozess ist eng mit Karl Maurer verbunden. Der Lauterbacher Realschullehrer war 1933 als SPD-Mitglied aus dem Schuldienst entlassen worden. Eine berufliche Katastrophe für den gerade einmal 43-Jährigen. 1937 trat er in die NSDAP ein. "Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass einer, der aus politischen Gründen sein Amt verliert, der nationalsozialistische Oberzampano der Kultur in Fulda wird", so Heiler.
Im Oktober 1939 stellte Maurer Oberbürgermeister Danzebrink seine Ideen für die Weiterentwicklung des Museums vor. Er lobte Vonderaus Arbeit, betonte aber, die Neuausrichtung müsse dem "Ideengehalt des Dritten Reichs" entsprechen. Einige seiner Vorschläge waren wegweisend, etwa der Aufbau einer naturwissenschaftlichen Abteilung, Ausstellungen deutscher Künstler oder Dichter- und Komponistenabende. Danzebrink ließ sich mit der Antwort Zeit. Als Maurer im April 1940 nachfragte, übergab er den Vorgang an NSDAP-Kreisleiter und Bürgermeister Karl Ehser. Der schaute sich Maurers Wirken in Lauterbach an und war beeindruckt: Zum 1. Januar 1941 wurde Maurer die nebenamtliche Museumsleitung übertragen.
Damit hatte Maurer das einzige Amt von kultureller Bedeutung in Fulda inne. Und: In dieser Rolle war er prädestiniert, auch den Fuldaer Heimatbund zu leiten. In diesem waren verschiedene Verbände zwangsverheiratet worden, etwa der "Verein für Naturkunde in Hessen" und der "Fuldaer Geschichtsverein". Haltung und Sprachduktus des Heimatbundes waren von Anfang an von der NS-Ideologie durchdrungen.
Auch das Museum wurde ausgebaut. Ostern 1941 öffnete es nach der Winterpause in den renovierten Räumen des Stadtschlosses. Im Juni folgte die erste Fuldaer Kunst- und Kunsthandwerkausstellung, die das Fehlen einer Abteilung für aktuelle Malerei ausgleichen sollte. Die Namensliste las sich wie ein "Who’s who" der zeitgenössischen fuldischen Kunst, zusätzlich zeigten Kunsthandwerkerinnen "aus dem Volk kommende Kunst".
NS-Raubkunst im Museum
Repressionen hatte es gegen den Franziskanerorden gegeben; 1940 wurde das Kloster auf dem Frauenberg geschlossen und die Gestapo beschlagnahmte den Besitz. Ihr Treuhänder Oswald Milker, zugleich langjähriger Präsident des Rhönclubs, verwaltete das Klostervermögen. Auf Maurers Drängen durfte das Museum Gegenstände vor der Versteigerung besichtigen und "übernehmen".
Ein besonders düsteres Kapitel ist die Beraubung der Fuldaer Juden. Ein Beispiel dafür ist die Familie Braunold, die eine umfangreiche Fayencen-Sammlung besaß. Wie viele andere Fuldaer Juden wurden Berta und Friedrich Braunold am 8. Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort mutmaßlich ermordet. Ihr Sohn Joseph kam mit einem Kindertransport nach London.
Erst 1946 wurden die Gegenstände der Betreuungsstelle für die Verfolgten des NS-Regimes und dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Max Gerson übergeben. Vonderau schrieb am 12. November 1946 an Karl Maurer: "Die aus jüdischem Besitz geborgenen Stücke sind wir glücklich wieder los, leider dabei auch allerhand Ärger." Empathie klingt anders, Schuldgefühl auch.
Erstes städtisches Kulturamt und Auflösung des Heimatbundes
Im Januar 1944 mündeten Karl Maurers Zentralisierungsbestrebungen in die Gründung eines städtischen Kulturamts, dessen Leiter er wurde. Damit war Maurer auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen. Zum 1200-jährigen Stadtjubiläum verfasste er die Festschrift, in der er Fuldas Geschichte nationalsozialistisch uminterpretierte.
Das Ende des Heimatbundes kam mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 1./2. April 1945. Maurer bat Oberbürgermeister Erich Schmidt, die Militärbehörde auf das unpolitische Wirken des Heimatbundes hinzuweisen – ein eklatanter Widerspruch zu dessen tatsächlicher Arbeit. Schmidt erwirkte die Auflösung nach Vereinsrecht, so dass das Vermögen nicht beschlagnahmt, sondern den ursprünglich selbständigen Vereinen zur Verfügung gestellt wurde.
Nur eine Randnotiz?
Ist der Fuldaer Heimatbund, der gerade einmal vier Jahre existierte, also nur eine Randnotiz der fuldischen Geschichte? Das Beste, was man über ihn sagen kann, ist, dass die zwangsintegrierten Vereine sowie Museum und Stadtarchiv keine irreparablen Schäden erlitten und Jugendmusikschule und Volksbücherei sogar zukunftsweisend waren. Aber, so Dr. Thomas Heiler: "Es kann keine richtige Kulturpolitik in falschen Systemen geben." Das Beispiel des Heimatbundes und der Dominanz von Maurer und Ehser mache klar, wie gefährlich es sei, wenn der städtischen Kulturpolitik die Rückendeckung der politisch Verantwortlichen fehle. Dr. Heilers ebenso spannender wie tiefsinniger Vortrag zeigte, wie viel es in der vermeintlich so vertrauten Heimatgeschichte und in den Regionalmuseen noch aufzuarbeiten gibt. (Jutta Hamberger) +++