Die Meinung anderer aushalten
"Fulda spricht Tacheles" – Meron Mendel und Saba-Nur Cheema
Fotos: Jutta Hamberger
06.09.2026 / FULDA -
Das Kanzlerpalais war restlos ausverkauft, und längst nicht alle auf der Warteliste konnten beim jüngsten "Fulda spricht Tacheles" dabei sein. Die Idee ist einfach – und schwieriger, als sie klingt: Menschen zusammenbringen, die in unterschiedlichen Blasen leben und sehr verschiedene Ansichten haben. Ihnen ermöglichen, einander zuzuhören. Und andere Meinungen auszuhalten.
Für ihre Debattentour hatten Meron Mendel und Saba-Nur Cheema genau drei Termine: Kassel, Wetterau und Fulda. Ein echter Glücksfall, wie Moderator Jochen Kohlert vom Welcome In feststellte. Ebenso, dass das Land Hessen die Veranstaltung förderte. Mendel und Cheema hatten ihr neues Buch "Die Empörungsfalle" im Gepäck. Darin greifen sie vieles von dem auf, was an diesem Abend zur Sprache kam. Auch Sozialministerin Heike Hofmann (SPD) nannte es ein Geschenk, "dass wir heute so ins Gespräch kommen können".
Mendel, Cheema und Hofmann waren sich darin einig, dass wir offenes Streiten wieder lernen müssen. Paradoxerweise habe gerade eine Übersensibilisierung dazu beigetragen, dass dies schwerer geworden sei. "Das hat zu Verwässerung und inflationärer Verwendung geführt", sagte Cheema. Sprache sei dafür ein gutes Beispiel: Viele Korrekturen blieben kosmetisch, weil sie keine strukturellen Veränderungen auslösten. Es sei leicht, auf alle möglichen -ismen aufzuspringen, weil das kognitiv einfach sei. "Aber mit erhobenem Zeigefinger gewinnt man nur die, die ohnehin schon überzeugt sind."
Viel gewonnen wäre, wenn Diskussionen fair, inhaltsschwer und respektvoll verliefen, wünschte sich Hofmann. Cheema betonte, im Dialog gehe es nicht um ein Ziel, sondern um Austausch und die Fähigkeit, ehrlich zuzuhören. Mendel stellte die vielleicht entscheidende Frage: "Was kann ich besser machen, was kann ich tun, damit sich schlechte Trends nicht fortsetzen?"
Nach der Pause wurde nicht mehr nur auf dem Podium gesprochen. Alle im Saal konnten fragen, mitdiskutieren und miteinander ins Gespräch kommen. Jedes Thema war zugelassen. Entsprechend bunt und weit war der Bogen, entsprechend unterschiedlich waren Wissen und Meinungen der Diskutierenden.
Manche wünschten sich mehr Empörung – aber an den richtigen Stellen. Andere verwiesen auf Privilegien, die nicht durch Migration oder Nicht-Migration entstehen, sondern durch Zugänge zu Bildung. Gefragt wurde nach Doppelstandards in der Politik: Mal gelte das Völkerrecht, mal nicht. Ob man die Brandmauer nicht endlich beerdigen solle. Wie oft man die Frage nach der eigenen Herkunft noch beantworten müsse. Nicht die Krakeeler seien die Mehrheit, sondern die anderen. Deutschland habe viel zu bieten und viel zu verlieren.
Die Antwort kann nur mit der vielbeschworenen Gleichzeitigkeit gegeben werden: ja und nein. Ja, weil der Umgang miteinander respektvoll blieb. Nein, weil bei der Fülle an Themen und Fragestellern alles sehr kursorisch abgehandelt werden musste. Ja, weil viele zu Wort kamen. Nein, weil weder Fragende noch Antwortende sich sonderlich kurzfassten.
Wiederholen: unbedingt. Aber beim nächsten Mal eher mit einem klareren thematischen Fokus. Das ließe mehr Zeit für Antworten und die Gedanken, die sie auslösen. Denn "ehrlich zuhören" kann nur, wer dem Gesagten auch Zeit lässt.
(Jutta Hamberger)+++