Viel Frühling im leeren Becken
Tim Frühling: Eine begeisternde Lesung zwischen Dorfpolitik, Dialekt und Mord
Fotos (3): T. Grimmel
11.08.2026 / ALSFELD -
Ein restlos ausverkauftes Hallenbad, ein Ortsvorsteher mit einer Mistgabel im Rücken und ein Autor, der aus einer Lesung beinahe Theater macht: Tim Frühling stellte bei der BäderKultur im Alsfelder Erlenbad seinen neuen Rhön-Krimi "Ploatzlich tot" vor. Eine sonntägliche Matinee über Mord, menschliche Marotten und die erstaunliche Komik kommunaler Wirklichkeit.
Anja Kierblewski, Vorsitzende des veranstaltenden Fördervereins Badefreunde und künstlerische Leiterin der BäderKultur, hatte für die ungewöhnliche Ortswahl eine schlüssige Erklärung: Einen Autor, der bereits einen Krimi mit dem Titel "Der Kommissar in Badeshorts" geschrieben hat, endlich einmal in einem Schwimmbad lesen zu lassen, sei schlicht literarische Konsequenz. Jener Kommissar ermittelt zwar auf den Kanaren, dem erklärten Lieblingsurlaubsziel Frühlings; für sein jüngstes Buch "Ploatzlich tot" zieht es den Autor nun allerdings zurück nach Hessen und in die Rhön.
Die Komik beginnt dort, wo einem manches bekannt vorkommt
Besonders stark wurde der Vormittag dort, wo Frühlings erfundene Welt auf eine Wirklichkeit traf, die im Publikum offenbar nicht völlig unbekannt war: Im Mittelpunkt einer der gelesenen Szenen steht eine Bürgerversammlung zu einem geplanten Solarpark. Und plötzlich war Obersolzrod, der fiktive Ort des Romans, gar nicht mehr besonders weit von irgendeinem beliebigen deutschen Dorf entfernt. Befürworter reden gegen Gegner an, unmittelbar Betroffene gegen jene, die vor allem grundsätzlich betroffen sind. Menschen haben Argumente, andere haben Überzeugungen, und nicht immer muss zwischen beidem ein zwingender Zusammenhang bestehen.Man lachte im Hallenbad. Vielleicht auch deshalb so herzlich, weil gute Satire selten vollkommen erfinden muss. Frühling überspitzt, aber er denunziert seine Figuren nicht. Genau darin liegt eine Qualität seiner Krimis. Hinter den schrulligen Positionen und menschlichen Eitelkeiten bleibt stets die Ahnung, dass Wirklichkeit komplizierter ist als die einfache Einteilung in vernünftig und unvernünftig, fortschrittlich und rückständig, richtig und falsch. "Ploatzlich tot" bewegt sich damit zwar im Genre des Cozy Crime, begnügt sich aber keineswegs mit gemütlichem Morden vor hübscher Landschaft. Die Konflikte, die Frühling seinen Figuren zumutet, sind bemerkenswert gegenwärtig: Energiewende, Dorfpolitik, unterschiedliche Lebensentwürfe, gesellschaftliche Verhärtungen und die Frage, wie Menschen miteinander reden, wenn jeder längst sicher ist, recht zu haben. Dass dies leicht daherkommt, ist gerade die Kunst.
Ein Autor, der seine eigenen Vorlieben mitverarbeitet
Zwischen den gelesenen Passagen gewährte Frühling immer wieder Einblicke in seine Wort-Werkstatt. Er erzählte von Recherche, von Entscheidungen für bestimmte Szenen und davon, dass natürlich auch eigene Vorlieben und Abneigungen ihren Weg in einen Roman finden. Manches davon ist bedeutender, manches musikalischer Natur. So erfuhr das Publikum unter anderem, dass Frühling mit Queen wenig anfangen kann. Für einen Mann, der morgens Radio moderiert, ist das beruflich nicht ganz unproblematisch. Dort wird die britische Rockband schließlich durchaus gespielt. Dann müsse er eben so tun, als gefalle ihm das. Er bekomme schließlich Geld dafür. Wieder Gelächter.Überhaupt war dies ein auffallend heiterer Vormittag für eine Veranstaltung, bei der ein Mann mit einer Mistgabel im Rücken eine zentrale Rolle spielte. Das liegt sicherlich am Frühlingsgenre. Vor allem aber liegt es an ihm selbst. An seiner Fähigkeit, zwischen präziser Beobachtung und Selbstironie zu wechseln, an seinem Spiel mit Sprache und Dialekt und an jener unangestrengten Präsenz, mit der er ein Publikum nicht nur unterhält, sondern sehr schnell zu Komplizen seiner Geschichten macht. So wurde aus der Lesung eine Matinee, die weit mehr bot als ausgewählte Kapitel aus einem neuen Buch. Frühling erzählte auch von dem, was zwischen den Zeilen liegt: wie eine Figur entsteht, warum eine Szene funktioniert und weshalb das vermeintlich Nebensächliche häufig das eigentlich Interessante ist.
Kierblewskis humorvolle Moderation setzte diesem Vormittag den passenden Rahmen – und ließ den Gast am Ende dennoch nicht ganz ohne Verpflichtung ziehen. Denn da wäre noch eine offene Rechnung: Als sie Frühling bereits im vergangenen Sommer während der Alsfelder Kulturtage auf die BäderKultur angesprochen hatte, war zumindest die Hoffnung im Raum gewesen, Alsfeld könne vielleicht irgendwann selbst zum Schauplatz eines seiner Krimis werden. Diesmal ist es die Rhön geworden. Gut. Alsfeld wartet. An Material sollte es laut Kierblewski nicht scheitern. Die romantische Fachwerkstadt an der Deutschen Märchenstraße bietet Spazier- und Wanderwege, genügend verwinkelte Gassen, Dörfer ringsum und ganz sicher auch jene menschlichen Eigenheiten, ohne die kein ordentlicher Kriminalroman auskommt.
So bleiben das Hoffen und eine Erinnerung. Seit Sonntag eine an einen Vormittag, an dem ein Hallenbadbecken restlos voll war, obwohl kein Wasser darinstand. Dafür aber mit reichlich Frühling. (pm/jk) +++