40 Sprachen, 150 Sprachmittler

Wenn jedes Wort zählt: Notfall-Dolmetscher können im Vogelsberg Leben retten

Staatssekretärin Katrin Hechler informierte sich in der Vogelsberger Kreisverwaltung über das Notfallprojekt.
Fotos: Vogelsbergkreis

08.08.2026 / LAUTERBACH - Ein Sturz von der Leiter, starke Schmerzen in der Hüfte - doch die Patientin spricht ausschließlich Persisch und kann den Rettungskräften nicht erklären, was passiert ist. Genau in solchen Situationen kommen im Vogelsbergkreis speziell geschulte Notfall-Dolmetscher zum Einsatz. Per Telefon können sie innerhalb kürzester Zeit zwischen Patienten, Leitstelle und Rettungsdienst vermitteln. Wie das funktioniert, ließ sich Staatssekretärin Katrin Hechler bei einem Besuch in der Kreisverwaltung in Lauterbach demonstrieren.



Der geschilderte Sturz einer 71-Jährigen war zwar nur ein nachgestelltes Szenario. Die Arbeit der Sprachmittler ist jedoch Realität. Notfall-Dolmetscher Keyvan Seifialou fragte am Telefon gezielt nach Schmerzen, Unfallhergang und Allgemeinbefinden und gab die Informationen anschließend an den Disponenten der Leitstelle weiter.

Rund 150 Sprachmittler für 40 Sprachen

Das Notfallprojekt ist Teil der Arbeit des WIR-Vielfaltszentrums im Vogelsbergkreis. Schon 2015 startete dort das Projekt zur Sprachmittlung. Mittlerweile stehen rund 150 Sprachmittler zur Verfügung, die insgesamt etwa 40 Sprachen abdecken.

Sie helfen Menschen mit geringen Deutschkenntnissen unter anderem bei Behördengängen, Arztterminen oder Elterngesprächen in Schulen. Insgesamt kommen nach Angaben des Kreises rund 2.000 Einsätze pro Jahr zusammen."Eine Besonderheit im Vogelsbergkreis stellt das Notfallprojekt dar", erläutert WIR-Koordinatorin Antonia Schäfer. Für diese Einsätze werden Ehrenamtliche speziell geschult. Die Leitstelle kann sie bei Bedarf telefonisch hinzuschalten.

"Doch er kann ein Leben retten"

Björn Preuß-von Brincken, Interkultureller Berater Feuerwehr und Projektpartner, sieht großes Potenzial in dem Modell. "Oft dauert ein solcher Einsatz nur fünf Minuten, doch er kann ein Leben retten", so Preuß-von Brincken. Er würde das Konzept gerne hessenweit etablieren. Die vier beim Termin anwesenden Notfall-Dolmetscher berichteten ebenfalls davon, wie wichtig der direkte menschliche Kontakt gerade in Ausnahmesituationen sein kann.

"Die Menschen sind in einer Ausnahmesituation, sie haben Schmerzen, wenn sie dann ihre eigene Sprache hören, fühlen sie sich gleich viel sicherer", sagt eine der Teilnehmerinnen. Auch technische Hilfsmittel stoßen nach Einschätzung der Beteiligten im Ernstfall an Grenzen. "KI hilft und ist gut", ergänzt eine der Kolleginnen, "aber wenn Leute in Not sind, ist die Sprache verändert, KI kann sie dann nicht verstehen." Preuß-von Brincken formuliert es ähnlich: "Google ist schön, KI noch mehr, aber im Notfall braucht es den direkten Kontakt."

600.000 Euro Förderung für Vielfaltszentrum


Anlass für den Besuch von Staatssekretärin Katrin Hechler war die Übergabe eines Förderbescheids über 600.000 Euro an das WIR-Vielfaltszentrum. "Wir setzen die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Land und kommunalen Akteuren auch künftig fort. Mit unserer Förderung stärken wir die kommunalen Integrationsstrukturen und schaffen durch die bis Ende 2030 angelegte Förderperiode eine verlässliche Grundlage für die langfristige Planung in den Kommunen", sagt Hechler.

Landrat Dr. Jens Mischak ergänzt: "Die Förderung ist ein wichtiges Signal für Kontinuität und Weiterentwicklung des WIR-Vielfaltszentrums im Vogelsbergkreis, das für Offenheit, Respekt und gesellschaftlichen Zusammenhalt steht". Neben der Sprachmittlung betreut das Zentrum unter anderem die Integreat-App und organisiert die Interkulturelle Woche.

Hechler beeindruckt von der Arbeit

Zum Abschluss bekam die Staatssekretärin den beispielhaften Notfalleinsatz selbst vorgeführt. Neben ihr verfolgten auch Landrat Mischak, Jürgen Schad, stellvertretender Leiter des Amtes für Gefahrenabwehr, und Kreisbrandinspektor Marcell Büttner die Demonstration.

Hechlers Fazit fiel eindeutig aus: "Das ist ein wirklich tolles Projekt, Sie machen hier wirklich eine tolle Arbeit, machen Sie bitte weiter!" (Constantin von Butler/pm) +++

X