Pianale Halbfinale

Das Halbfinale der Pianale: Furioso, Kantabilität und Bravour

Die acht Halbfinalisten der Pianale 2026 sorgten für ein hochklassigen Konzert in der Aula der Alten Universität
Alle Fotos: Martin Engel

03.08.2026 / FULDA - Das Halbfinale der Pianale in der Aula der Alten Universität war so gut wie ausverkauft, denn das wollten alle wissen: Wer setzt sich durch und spielt am Dienstag in Schloss Fasanerie? Unter den acht Halbfinalisten waren jeweils vier Juniors (bis 17 Jahre) und vier Seniors (ab 18 Jahre). Die Reihenfolge der Auftritte war ausgelost worden.


"Jeweils zwei Juniors und zwei Seniors werden am Dienstag im Finale spielen", erklärte Uta Weyand-Schäfer in ihrer Begrüßung. Und bat das Publikum, besonders aufmerksam und rücksichtsvoll zu sein, "denn heute geht es um alles. Im Finale dann sind alle Gewinner und werden mit einem Preis ausgezeichnet." Zu den Juroren der zweiten Konzertreihe, Ya-Fei Chuang und William Fong, kamen im Halbfinale der Litauer Justas Dvarionas (Vytautas-Magnus-Universität) und der Italiener Carlo Guaitoli (Konservatorium Terni) dazu, renommierte Klavierpädagogen, die bei vielen Wettbewerben als Juroren tätig sind.

Ein Wettbewerbskonzert

Es war ein Wettbewerbskonzert – das meint, dass das Konzert innerhalb des Wettbewerbs diesmal nicht mit Blick auf die Abwechslung fürs Publikum zusammengestellt wurde. Die acht Halbfinalisten spielten die Werke, die sie sich für diesen Tag ausgesucht hatten – ohne Rücksicht auf stilistische Abwechslung. Natürlich wollten alle glänzen, ihre Virtuosität zeigen und Jury wie Publikum beeindrucken. Das führte zu einem großen Chopin- und Liszt-Angebot, weil beide Komponisten nun mal den Stempel "äußerst wettbewerbstauglich" haben. Sie revolutionierten das Klavierspiel im 19. Jahrhundert und mit ihren Werken kann man zeigen, wieviel technisches Können, Ausdruckskraft und Klangkontrolle man hat. Wenn Sie so wollen – Hochleistungsmusik.

Doch nicht alle setzten auf die bekannten Wettbewerbs-Klassiker. Alberto Ginastera, Toru Takemitsu, Isaac Albéniz, Dmitri Schostakowitsch oder Arnold Schönberg sorgten für musikalische Abwechslung. Auffällig: Zu hören war ausschließlich Musik des 19. und 20. Jahrhunderts.

Einmal Liszt, bitte

Mit Camille Saint-Saëns' "Danse macabre" in Franz Liszts Klavierfassung gelang der Japanerin Kanako Fujiwara (17) einer der Höhepunkt des Abends. Diesem ebenso düsteren wie faszinierenden Werk konnte man sich kaum entziehen – erst recht nicht in dieser differenzierten und klangschönen Interpretation.

Der Serbe Miloš Grnčaroski (25) hatte sich für Franz Liszts "Après une lecture du Dante, Fantasia quasi Sonata S. 161 Nr. 7 in d-moll" entschieden. Das 1849 entstandene Werk beschreibt eine Pilgerreise durch die Hölle und den Aufstieg in den Himmel. Grnčaroski verband Virtuosität und Versunkenheit in geradezu exemplarischer Form, er wurde eins mit dem Stück. Ein Vortrag, der mit lauten Bravo-Rufen belohnt wurde und zu den Highlights dieses Abends zählte.

Chinesische Wahl

Der Chinese Zhu Wang (29) hatte sich für drei Sätze aus Robert Schumanns "Humoreske op. 20 in B-Dur" entschieden. Die "Humoreske" ist mit ihrer Episodenstruktur eher sperrig und musikalisch nicht ganz so eingängig wie viele andere seiner Werke. Die Episoden sollen "attacca" ineinander übergehen. Wahrscheinlich wegen der Zeitvorgabe hängte Wang noch Isaac Albeniz" "Triana" aus Iberia an, ein vom gleichnamigen Viertel in Sevilla inspirierter Tanz. Auch er erhielt sehr viel Beifall, seine ausgeprägte Mimik am Flügel wirkte bisweilen allerdings irritierend.

Seine Landsfrau Lixian Jian (28) hatte sich für drei Stücke aus Maurice Ravels "Le Tombeau de Couperin" entschieden – eine Trauermusik, die eine Hommage an Couperin, aber auch an die gesamte französische Musik des 18. Jahrhunderts ist. Ravel, der selbst im Ersten Weltkrieg an der Front war, widmete die Stücke gefallenen Freunden. Es war ein in sich gekehrter, inniger und doch auch von stiller Leidenschaftlichkeit geprägter Vortrag.

Vielfalt mit vielen Werken

Der Jüngste im Feld, Cameron Liu (15) aus Großbritannien, hatte sich für vier kürzere Stücke entschieden und spielte drei Etüden Chopins (aus den beiden Zyklen op. 10 und op. 25) sowie den ersten Satz der Sonate Nr. 1 op. 22 von Alberto Ginastra. Ein erstaunlich reifer Vortrag, zumal für einen Fünfzehnjährigen. Die Chopin-Etüden sind wie gemacht für einen Wettbewerb wie die Pianale, sind sie doch von Komponisten sehr bewusst gleichzeitig als Übungs- und Konzertstücke geschrieben worden. Und mit Ginastera kam expressive Folklore in die Alte Aula.

Der Japaner Nayuta Okabe (17) entschied sich für drei außerordentlich unterschiedliche Stücke, was eine außerordentlich spannende Zusammenstellung ergab. Er spielte eine Chopin-Etüde, den Rain Sketch II von Toru Takemitsu (den wir im Eröffnungskonzert der Pianale von Jurorin Noriko Ogawa gehört hatten) und ein Präludium aus Schostakowitschs Zyklus von 24 Präludien und Fugen, das natürlich von Bachs "Wohltemperierten Klavier" inspiriert ist.

Sein Landsmann Yoshitaka Shigematsu (24) entschied sich für ein so schwieriges wie anspruchsvolles Programm. In einem Wettbewerb Zwölfton-Musik zu spielen, beweist Mut, denn Arnold Schönbergs "Klavierstück op. 33a" ist wahrlich kein "crowd pleaser". Es begeistert durch den farbigen Klavierklang und die Spannungskurven. Danach spielte Shigematsu den ersten Satz aus Beethovens Sonate op. 53 in C-Dur, besser bekannt unter ihrem Beinamen "Waldstein-Sonate". Ein hochdramatischer, effektvoller Satz voller Dynamik und Spannung, der in mitreißendem Tempo quasi aus den Fingern fließen muss. Schade, dass Shigematsu den Beethoven insgesamt etwas zu hastig anging. Gerade dieser Satz gewinnt, wenn sich seine dramatischen Spannungsbögen organisch entfalten können. Er beendete seinen Vortrag mit Oliver Messiaens "La Colombe" aus seinen "8 Préludes pour piano" – mit sehr viel Innigkeit und Zartheit nach der Beethoven’schen Dramatik.

Der Japaner Asahi Ota (17) setzte auf Rachmaninoff und Liszt. Bei Rachmaninoffs Prélude op. 32 Nr. 10 vermeint man manchmal sich bedrohlich aufbäumende Wogen und dann wieder leise am Spülsaum kräuselnde Wellen zu erkennen. Mit Liszts "Ungarischer Rhapsodie Nr. 15 Rákóczi Marsch" sorgte er für wahre Publikumsüberwältigung – wie Ota hier Virtuosität und Empfindsamkeit mit reinster Spielfreude verband, war ein Genuss, und sorgte für laute Bravo-Rufe.

Die vier Pianale-Finalisten

Die Jury entschied sich für vier Pianisten, die auf ganz unterschiedliche Weise überzeugt hatten. Das ist vielleicht die schönste Erkenntnis dieses Halbfinales: Es gibt nicht nur den einen Weg zum Erfolg. Bravour, Kantabilität, Mut bei der Werkauswahl und persönliche Ausdruckskraft können gleichermaßen zum Erfolg führen. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich drei der vier Finalisten für jeweils ein einziges Werk entschieden hatten. Ob das die Jury beeinflusst hat, bleibt offen – auffällig ist diese Gemeinsamkeit allemal. Genauso auffällig war, wie nah Publikum und Jury an diesem Abend beieinanderlagen. Die stärksten Beifallsbekundungen galten den vier Finalisten.

Im Finale am Dienstag, 04. August hören wir die beiden Juniors Kanako Fujiwara (17) und Asahi Ota (17) sowie die beiden Seniors Miloš Grnčaroski (25) und Zhu Wang (29). (Jutta Hamberger) +++


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