Ein beeindruckender Abend

Viel Mut, viele Meisterstücke: Pianale-Konzert im Marmorsaal

Beim Auftakt-Konzert zur zweiten Konzertreihe der Pianale überzeugten sieben junge Talente aus Österreich, Spanien, den USA, Singapur, Japan und China
Fotos: Felix Weigl

29.07.2026 / FULDA - Mit dem Konzert im Marmorsaal begann die zweite Wettbewerbsrunde der Pianale – und damit eine Phase, in der die Teilnehmenden noch einmal neue Akzente setzen und ihr Können von der Schokoladenseite präsentieren wollen. Wie schon in der ersten Runde stellten sie ihre Programme selbst zusammen. Manche entschieden sich für bewährte Meisterwerke, andere wagten sich an weniger bekannte oder besonders anspruchsvolle Kompositionen. Gerade diese unterschiedlichen Strategien machten den Reiz des Abends aus.


Dozenten, Meisterkurse und ein harter Wettbewerb

Mit der zweiten Wettbewerbsrunde wechselte auch die Jury. Neben Pianale-Gründerin Uta Weyand-Schäfer bewerteten nun Ya-Fei Chuang (Taiwan) und William Fong (Großbritannien) die Auftritte. Ya-Fei Chuang ist Professorin am Salzburger Mozarteum und erstmals als Dozentin bei der Pianale dabei, William Fong lehrt an der Royal Academy of Music in London und gehört seit 2015 zum Dozententeam.

Während der Pianale unterrichten insgesamt sechs Dozenten die 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, von denen jeder neun Meisterklassen besucht. "Wir blicken also auch hinter die Kulissen und erleben die jungen Talente nicht nur im Konzert", erklärte Uta Weyand-Schäfer bei ihrer Begrüßung. Das ist keineswegs unerheblich, denn in die Bewertung fließen nicht nur die Konzertauftritte, sondern auch die Leistungen im Unterricht ein. "Heute erleben Sie hier drei Juniors (12 bis 17 Jahre) und vier Seniors (18 bis 30 Jahre)." Die Spannung steigt: Am nächsten Sonntag findet das Halbfinale mit den acht Besten statt.

Beethoven der Große

Wer sich im Wettbewerb für Beethoven entscheidet, geht kein geringes Risiko ein. Seine Sonaten gehören zu den meistgespielten Werken der Klavierliteratur, und man muss sich unweigerlich an den großen Pianisten messen lassen. Gleich drei Teilnehmer stellten sich dieser Herausforderung.

Der Amerikaner Jacob Wang (26) hatte sich für den ersten Satz der "Sonate op. 101 in A-Dur" entschieden, die Beethoven 1816 in einer Zeit großer persönlicher Krisen komponierte. Schaut man auf sein Spätwerk, scheint es fast, als habe ihn gerade seine zunehmende Taubheit zu immer größerer Experimentierfreude beflügelt. Wang spielte den Satz lyrisch und zugleich ausdrucksstark.

Nayuta Okabe (17) aus Japan wählte den ersten Satz der "Sonate Nr. 31 in As-Dur op. 110", ebenfalls ein Werk aus Beethovens Spätzeit. Jörg Demus sprach einmal von der "erschütternden und erhebenden Wirkung" dieser Sonate. Bemerkenswert war, wie überzeugend Okabe diese Tiefe bereits in seinem jungen Alter gestaltete. Nur eines hätte man sich wünschen können: etwas weniger Attitüde am Flügel.

Den Schlusspunkt des Konzerts setzte die 17-jährige Kanako Fujiwara aus Tokio mit Beethovens "Sonate Nr. 23 in f-moll op. 57 "Appassionata"". Fast jeder Pianist, der auf sich hält, hat sie gespielt oder aufgenommen. Sie gilt als Inbegriff pianistischer Virtuosität und wurde nicht ohne Grund immer wieder mit Shakespeares großen Tragödien verglichen. Fujiwaras Vortrag war zum Niederknien schön – innig und zart im Andante, furios und leidenschaftlich im Allegro – einer von zwei Höhepunkten dieses Konzertabends.

Nicht Bach, Meer soll er heißen

Auch Johann Sebastian Bach prägte den Abend. Das lag nicht zuletzt daran, dass gleich zwei Gipfelwerke seines Schaffens erklangen – Werke, bei denen Beethovens berühmter Ausspruch "Nicht Bach! Meer sollte er heißen" unmittelbar nachvollziehbar wird.

Jacob Wang spielte aus der "Englischen Suite Nr. 2 in a-moll BWV 807" das Prélude mit jener Gelassenheit, die Bach verlangt. Sein Spiel war klar strukturiert und von großer innerer Ruhe getragen. Yoshitaka Shigematsu (27) aus Tokio hatte sich für Bachs "Italienisches Konzert BWV 971" entschieden und spielte daraus den zweiten und dritten Satz. Beide Sätze beginnen mit markanten Themen von hohem Wiedererkennungswert, zugleich verlangt das Werk große Klarheit und stilistische Sicherheit. Shigematsu meisterte diese Herausforderung mit einer reifen und differenzierten Interpretation.

Scriabin und Saint-Saëns

Nicht alle Teilnehmer setzten auf das klassische Kernrepertoire. Sowohl der aus Singapur stammende Zheng-Yu Sim (24) als auch Nayuta Okabe (17) spielten eine Etüde von Alexander Scriabin – Sim die "Etüde op. 8 Nr. 12 in dis-moll", Okabe die "Etüde op. 8 Nr. 10 in Des-Dur". Beide Werke verlangen enorme Virtuosität, schnelle Läufe und große Ausdruckskraft. Gleichzeitig lassen sie erahnen, welch herausragender Pianist Scriabin gewesen sein muss. Beide jungen Künstler wurden diesen hohen Anforderungen eindrucksvoll gerecht.

Laetita Taurer (15) machte dem Publikum mit der "Étude en forme de valse op. 52 Nr. 6" von Camille Saint-Saëns große Freude. Wer nach diesem Stück Walzer tanzen möchte, dürfte sich allerdings die Füße verknoten, so rasant und virtuos sind die Läufe. Taurer meisterte sie ebenso souverän wie die ruhigeren, lyrischen Passagen der Etüde.

Wiener Klassik

Mit Mozart und Haydn kehrte das Programm noch einmal zur Wiener Klassik zurück. Zheng-Yu Sim hatte sich für den ersten Satz der "Sonate Nr. 14 in c-moll, KV 457" entschieden. Mozart gehört zu den Komponisten, bei denen technische Brillanz allein nicht genügt – entscheidend sind Klangkultur, Phrasierung und fein abgestufte Dynamik. Gerade bei den dynamischen Kontrasten blieb Sim an diesem Abend etwas hinter den Möglichkeiten des Werkes zurück.

Laetita Taurer spielte – wie bereits beim Konzert auf dem Frauenberg – erneut einen Satz aus Haydns "Sonate in e-moll Hob. XVI:34", diesmal das Finale. Musikalisch machte sie ihre Sache erneut sehr gut. Dennoch fragte man sich, warum sie sich in der zweiten Wettbewerbsrunde noch einmal für ein Werk entschied, mit dem sie sich bereits vorgestellt hatte. Gerade die freie Programmwahl bietet schließlich die Chance, weitere Facetten des eigenen Könnens zu zeigen.

Von Gauchos und anmutigen Mädchen

Den mutigsten Programmpunkt des Abends hatte sich der junge Spanier Marc Parés González (19) ausgesucht. Mit Alberto Ginasteras "Danzas Argentinas op. 2" spielte er ein Werk, das viele im Marmorsaal vermutlich zum ersten Mal hörten. Die drei Tänze – "Tanz der alten Rinderhirten", "Tanz des anmutigen Mädchens" und "Tanz des rebellischen Gauchos" – sind fast Programmmusik. Ginastera greift darin charakteristische Rhythmen und Melodien seiner argentinischen Heimat auf und verbindet sie mit einer modernen, hochvirtuosen Tonsprache. Er war gerade einmal 21 Jahre alt, als er dieses Meisterwerk schrieb.

Parés González spielte die "Danzas Argentinas" mit sichtbarer Spielfreude, rhythmischer Präzision und großer Klangfantasie. Wer sich im Wettbewerb für ein so wenig bekanntes Werk entscheidet, muss das Publikum vom ersten Ton an auf seine Seite ziehen. Das tat er – und sorgte für den zweiten Höhepunkt dieses Konzertabends.

Dieses Konzert machte einmal mehr deutlich, dass bei der Pianale nicht allein technische Perfektion und meisterhafte Interpretation zählen. Ebenso wichtig ist der Mut zu einer eigenen künstlerischen Handschrift. Genau das war im Marmorsaal immer wieder zu hören – und das Publikum dankte allen sieben Künstlerinnen und Künstlern mit langanhaltendem Beifall. (Jutta Hamberger) +++

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