Stress und Drogen
Vom vermeintlichen Traum ins Desaster - aus der Selbstständigkeit in den Knast
Fotos: Moritz Bindewald
29.07.2026 / FULDA -
"Die Anklageschrift stimmt zu 1.000 Prozent" - eine seltene Einlassung vor Gericht. Am Dienstag zeigte sich ein 33-Jähriger aus Rotenburg vor der ersten Strafkammer am Landgericht Fulda reumütig. In Handschellen war er in den Gerichtssaal geführt worden. Seine aktuelle Wohnanschrift: die JVA Hünfeld.
Dem Angeklagten wird vorgeworfen, zwischen dem 15.08.2021 und dem 24.11.2022 über zwei von ihm geführte Firmen in 16 Fällen Heizungs- und Sanitärartikel im Wert von rund 40.000 Euro bestellt zu haben – ohne sie je zu bezahlen. Stattdessen soll er die Ware, wie von Anfang an geplant, auf eigene Rechnung weiterverkauft haben. Trotzdem sei er kaum über die Runden gekommen. Hauptprofiteur war ein anderer.
Der Traum: "Schicke Autos, Frau, Kind"
Doch warum ging es für den Mann derartig bergab? Nach der Schule habe er keine Ausbildung begonnen, sondern sei direkt ins Berufsleben gestartet. Nachdem eine auf zwei Jahre befristete Stelle ausgelaufen war, habe er seine Dienste über eine Zeitarbeitsfirma angeboten. Die Schicksalsentscheidung: In seinem Umfeld seien mehrere Freunde erfolgreich selbstständig. "Schicke Autos, Frau, Kind" - das habe er auch gewollt.Post im Briefkasten - der Stress nimmt überhand
Und so ging es für den Mann bergab. Schließlich seien auch die ersten Briefe von Polizei und Staatsanwaltschaft im Briefkasten gelandet. "Ich habe nicht mehr geschlafen. In der Zeit war mein einziger Freund die Droge." Seine Selbstständigkeit - einen Hausmeisterbetrieb - stellte er ein. Schließlich vollzog er Anfang 2024 den "kompletten Cut".Die Wende: "Heute kann ich um Hilfe fragen"
In der Haft habe er unter anderem in Selbsthilfegruppen viel reflektiert, hinterfragt und gelernt. "Heute schäme ich mich für die ganzen Sachen", sagt der 33-Jährige. Gleichwohl habe ihm die Therapie die Augen geöffnet. Jetzt spreche er regelmäßig und ganz offen mit seinen Eltern. "Unsere Beziehung ist so gut wie nie. Heute weiß ich: Es ist gut, um Hilfe zu bitten, wenn man sie braucht."Plädoyers und ein Urteilsspruch werden am Donnerstag erwartet. Der Angeklagte ist mehrfach einschlägig vorbestraft. (mmb) +++