Stress und Drogen

Vom vermeintlichen Traum ins Desaster - aus der Selbstständigkeit in den Knast

Am Dienstag zeigte sich ein 33-Jähriger aus Rotenburg vor der ersten Strafkammer am Landgericht Fulda reumütig. In Handschellen war er in den Gerichtssaal geführt worden.
Fotos: Moritz Bindewald

29.07.2026 / FULDA - "Die Anklageschrift stimmt zu 1.000 Prozent" - eine seltene Einlassung vor Gericht. Am Dienstag zeigte sich ein 33-Jähriger aus Rotenburg vor der ersten Strafkammer am Landgericht Fulda reumütig. In Handschellen war er in den Gerichtssaal geführt worden. Seine aktuelle Wohnanschrift: die JVA Hünfeld.



Dem Angeklagten wird vorgeworfen, zwischen dem 15.08.2021 und dem 24.11.2022 über zwei von ihm geführte Firmen in 16 Fällen Heizungs- und Sanitärartikel im Wert von rund 40.000 Euro bestellt zu haben – ohne sie je zu bezahlen. Stattdessen soll er die Ware, wie von Anfang an geplant, auf eigene Rechnung weiterverkauft haben. Trotzdem sei er kaum über die Runden gekommen. Hauptprofiteur war ein anderer.

Wie das geht? Die unbezahlte Ware verkaufte der jetzt 33-Jährige an einen Dritten, zum Bruchteil des Kaufpreises. Lediglich 20 bis 30 Prozent des Kaufpreises habe er erhalten, schildert der Angeklagte. Mit diesem Rest sei er geradeso über die Runden gekommen. "Ich wusste: Immer wenn es knapp wird, komme ich so an Geld", berichtet er dem Gericht. Die Ausgaben: "Konsum, Miete, Kinder", wie er erklärt.

Der Traum: "Schicke Autos, Frau, Kind"

Doch warum ging es für den Mann derartig bergab? Nach der Schule habe er keine Ausbildung begonnen, sondern sei direkt ins Berufsleben gestartet. Nachdem eine auf zwei Jahre befristete Stelle ausgelaufen war, habe er seine Dienste über eine Zeitarbeitsfirma angeboten. Die Schicksalsentscheidung: In seinem Umfeld seien mehrere Freunde erfolgreich selbstständig. "Schicke Autos, Frau, Kind" - das habe er auch gewollt.

Frau und Kind bekam er auch. Doch der berufliche Erfolg blieb aus - und so wuchs die finanzielle Not. Schließlich hätten ihm eben jene Freunde Drogen angeboten. "Das entspannt dich", habe man ihm gesagt. So habe er mit dem Cannabiskonsum begonnen und schließlich mit dem Koksen. Hunderte Euro kostete ihn der Drogenkonsum schließlich monatlich - bei eh schon klammer Kasse.

Post im Briefkasten - der Stress nimmt überhand

Und so ging es für den Mann bergab. Schließlich seien auch die ersten Briefe von Polizei und Staatsanwaltschaft im Briefkasten gelandet. "Ich habe nicht mehr geschlafen. In der Zeit war mein einziger Freund die Droge." Seine Selbstständigkeit - einen Hausmeisterbetrieb - stellte er ein. Schließlich vollzog er Anfang 2024 den "kompletten Cut".

"Ich habe einen Entzug durchgemacht", berichtet der Rotenburger dem Gericht. Im Sommer habe er sich dann in Kassel der Polizei gestellt, nachdem er sich zuvor von seiner Frau und den beiden Kindern verabschiedet habe. Seinen Eltern habe er nichts gesagt. "Das habe ich nicht übers Herz gebracht." Während der Haft ließ sich dann auch seine Frau von ihm scheiden. Zu den Kindern brach der Kontakt zu großen Teilen ab.

Die Wende: "Heute kann ich um Hilfe fragen"

In der Haft habe er unter anderem in Selbsthilfegruppen viel reflektiert, hinterfragt und gelernt. "Heute schäme ich mich für die ganzen Sachen", sagt der 33-Jährige. Gleichwohl habe ihm die Therapie die Augen geöffnet. Jetzt spreche er regelmäßig und ganz offen mit seinen Eltern. "Unsere Beziehung ist so gut wie nie. Heute weiß ich: Es ist gut, um Hilfe zu bitten, wenn man sie braucht."

Wenn er freikommt, will er vorübergehend bei seinen Eltern einziehen. Arbeiten will er ganz geregelt in einem Anstellungsverhältnis - "als Heizungsbauer". In die Selbstständigkeit wolle er nie mehr zurück. "Diesen Fehler habe ich einmal gemacht - nie wieder!" Außerdem hoffe er, den Kontakt zu seinen Kindern wieder aufleben lassen zu können.

Plädoyers und ein Urteilsspruch werden am Donnerstag erwartet. Der Angeklagte ist mehrfach einschlägig vorbestraft. (mmb) +++

X