Kommunale Finanznot
Grundsteuer und Gewerbesteuer steigen in vielen Kommunen auf Rekordniveau
Symbolbilder: Pixabay
24.07.2026 / REGION -
Die Ergebnisse der jährlichen Umfrage des Bundes der Steuerzahler (BdSt) Hessen unter allen 421 hessischen Städten und Gemeinden zeigen, dass die Belastungen für die Bürgerinnen und Bürger sowie für die Gewerbetreibenden weiter steigen. So wurden bei der Grundsteuer B neue Rekordwerte beschlossen.
"Mit den neuen Hebesätzen in Riedstadt mit 1.600 Prozent oder Hofheim mit 1.545 Prozent haben wir neue Höchstwerte erreicht, die noch vor Kurzem unvorstellbar waren", sagt Jochen Kilp, Vorstandsmitglied des BdSt Hessen.
Immer mehr Kommunen erhöhen ihre Hebesätze
Neben den neuen Spitzenwerten gibt auch die hohe Zahl der Städte und Gemeinden Anlass zur Sorge, die ihre Hebesätze 2026 erhöht haben. So haben in diesem Jahr 156 Kommunen ihre Grundsteuer B erhöht. Bei der Gewerbesteuer steigerten 98 Städte und Gemeinden ihre Hebesätze im Vergleich zum Vorjahr. Damit erreichte die durchschnittliche Belastung für Gewerbetreibende ebenfalls einen neuen Rekordstand. Diese Erhöhungen bestätigen aus Sicht des BdSt Hessen die Hinweise auf die finanzielle Schieflage vieler Kommunen. Bund und Länder hätten den Städten und Gemeinden in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben und Auflagen übertragen, ohne für eine angemessene Finanzierung zu sorgen. Beispielhaft nennt Kilp die gestiegenen Sozialkosten sowie den Ausbau der Kinderbetreuung."Die Städte und Gemeinden kommen daher aktuell kaum umhin, ihre Hebesätze insbesondere für die Grundsteuern zu erhöhen, um die Arbeit vor Ort finanzieren zu können. Wir befürchten, dass sich die Steuerspirale 2027 noch weiterdrehen wird", so Kilp.
Hofheim und Riedstadt mit den stärksten Erhöhungen
Die deutlichsten Erhöhungen bei der Grundsteuer B treffen die Bürgerinnen und Bürger in Hofheim (Main-Taunus-Kreis, +886 Prozentpunkte), Mossautal (Odenwaldkreis, +655), Riedstadt (Kreis Groß-Gerau, +615), Kirtorf (Vogelsbergkreis, +613) und Rödermark (Kreis Offenbach, +527). Betroffen sind davon nicht nur Eigentümerinnen und Eigentümer von Einfamilienhäusern, Eigentumswohnungen oder Grundstücken. Über die Umlage in den Nebenkosten trifft die Grundsteuer B auch Mieterinnen und Mieter.Große Unterschiede zwischen den Kommunen
Die neuen Hebesätze vergrößern die hessenweite Bandbreite. Die höchsten Werte weisen nun Riedstadt (1.600 Prozent), Hofheim (1.545 Prozent), Eppstein (Main-Taunus-Kreis, 1.450 Prozent), Mühlheim (Kreis Offenbach, 1.450 Prozent) und Ginsheim-Gustavsburg (Kreis Groß-Gerau, 1.400 Prozent) auf. Die fünf Spitzenreiter liegen damit allesamt über dem bisherigen Höchstwert von 1.327 Prozent, den Heusenstamm im Kreis Offenbach im Vorjahr aufwies.Die niedrigsten Hebesätze finden sich in Rasdorf (Kreis Fulda, 167 Prozent), Beselich (Kreis Limburg-Weilburg, 167 Prozent) und Hünfeld (Kreis Fulda, 189,52 Prozent). Der Durchschnittswert liegt 2026 bei 549 Prozent und damit 51 Punkte höher als im Vorjahr.
Rhein-Main-Region besonders stark belastet
Die Entwicklung bestätigt den Trend, dass die Hebesätze im Ballungsraum Rhein-Main sowie in größeren Kommunen deutlich höher liegen als im ländlichen Raum und in kleineren Gemeinden. Dies zeigt sich auch bei den durchschnittlichen Hebesätzen in den Kreisen und kreisfreien Städten. Den höchsten Wert weist die Stadt Offenbach mit 1.230 Prozent auf, gefolgt von Darmstadt (1.181 Prozent), dem Landkreis Offenbach (durchschnittlich 1.049 Prozent) und dem Landkreis Groß-Gerau (926 Prozent). Die niedrigsten durchschnittlichen Hebesätze finden sich in den nordosthessischen Kreisen Schwalm-Eder (329 Prozent), Fulda (331 Prozent) und Waldeck-Frankenberg (361 Prozent). Kaum Chancen auf juristischen Widerstand
Bei der Festsetzung ihrer Hebesätze sind die Städte und Gemeinden grundsätzlich frei. Bislang gibt es weder seitens des Gesetzgebers noch der Gerichte festgelegte Obergrenzen. Daher sieht der BdSt Hessen nur geringe Erfolgsaussichten für juristische Schritte gegen die neuen Rekordwerte.
Pro-Kopf-Belastung steigt weiter
Neben der Höhe der Hebesätze hat der Steuerzahlerbund auch die Grundsteuer-Belastung pro Kopf untersucht. Dabei zeigen sich ebenfalls erhebliche Unterschiede. Die höchste Belastung tragen die Bürgerinnen und Bürger in Biebesheim (Kreis Groß-Gerau) mit 647 Euro pro Jahr. Es folgen Kirtorf (547 Euro) und Hofheim (546 Euro). Die niedrigsten Pro-Kopf-Werte gibt es in Beselich (84 Euro), Ebsdorfergrund (Kreis Marburg-Biedenkopf, 87 Euro) und Rasdorf (91 Euro). Die durchschnittliche Belastung beträgt 2026 in Hessen 259 Euro pro Einwohner.Steuerzahlerbund fordert bessere Kommunalfinanzierung
"Die Daten insbesondere zur Pro-Kopf-Belastung aus der Grundsteuer B zeigen eindrucksvoll, dass die Schieflage der kommunalen Finanzen kein abstraktes Problem für Eingeweihte ist. Vielmehr müssen die Bürgerinnen und Bürger für die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre aufkommen und immer tiefer in die Tasche greifen", erklärt Kilp. Schon jetzt verteuerten kommunale Steuern und Abgaben das Wohnen erheblich. Während auf Bundesebene immer wieder "Entlastungen für die Bürgerinnen und Bürger" angekündigt würden, nähmen die Belastungen auf kommunaler Ebene seit Jahren zu. Auch die Grundsteuer A steigt vielfach
Auch vor der Grundsteuer A machte die Erhöhungswelle nicht halt. Die Steuer wird auf land- und forstwirtschaftliche Flächen erhoben und spielt aufgrund ihres geringeren Aufkommens zwar eine kleinere Rolle als die Grundsteuer B. Für Land- und Forstwirte kann sie dennoch eine erhebliche Belastung darstellen. Insgesamt gab es in diesem Jahr 90 Erhöhungen. Die stärksten Anhebungen verzeichneten Rödermark (+725 Prozentpunkte), Lautertal (Kreis Bergstraße, +540) und Flörsheim am Main (Main-Taunus-Kreis, +445).Sieben Kommunen beschlossen dagegen eine Senkung. Die größten Entlastungen gab es in Herborn (Lahn-Dill-Kreis, –111), Knüllwald (Schwalm-Eder-Kreis, –80) und Steffenberg (Kreis Marburg-Biedenkopf, –35). Auch bei der Grundsteuer A bleibt die Spannweite groß. Besonders hohe Hebesätze gelten in Griesheim (Kreis Darmstadt-Dieburg, 1.260 Prozent), Seeheim-Jugenheim (Kreis Bergstraße, 1.154 Prozent) und Rüdesheim am Rhein (Rheingau-Taunus-Kreis, 1.104 Prozent).
Mit Herborn hat inzwischen eine siebte Kommune den Hebesatz auf null gesetzt und verzichtet damit vollständig auf die Erhebung der Grundsteuer A. Bereits zuvor hatten Ehringshausen, Eppertshausen, Königstein im Taunus, Neu-Isenburg, Schwalbach am Taunus und Wettenberg diesen Schritt vollzogen. Im Durchschnitt liegt der Hebesatz in Hessen nun bei 441 Prozent und damit 28 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert.
Gewerbesteuer erreicht ebenfalls neuen Höchststand
Während die Grundsteuer von den Kommunen traditionell zur Steigerung der Einnahmen und zur Haushaltskonsolidierung genutzt wird, gingen viele Städte und Gemeinden bei der Gewerbesteuer in der Vergangenheit zurückhaltender vor. Seit 2024 hat sich dieser Trend jedoch verändert. Auch 2026 erhöhten zahlreiche Kommunen ihre Gewerbesteuerhebesätze. Insgesamt hoben 98 Städte und Gemeinden ihre Sätze an. Die stärksten Erhöhungen gab es in Wehretal (Werra-Meißner-Kreis, +100 Prozentpunkte), Münzenberg (Wetteraukreis, +80) und Kirtorf (+75).Lediglich zwei Kommunen senkten ihre Hebesätze: Bad Vilbel (Wetteraukreis, –30) und Aarbergen (Rheingau-Taunus-Kreis, –10). Die höchsten Gewerbesteuerhebesätze gelten in Kaufungen (Kreis Kassel) und Ronshausen (Kreis Hersfeld-Rotenburg) mit jeweils 550 Prozent. Es folgen Ahnatal (535 Prozent) und Espenau (Kreis Kassel, 520 Prozent). Den niedrigsten Hebesatz weist weiterhin Beselich mit 305 Prozent auf. Dahinter folgen Bad Vilbel (327 Prozent), Eschborn (Main-Taunus-Kreis, 330 Prozent) und Biebergemünd (Main-Kinzig-Kreis, 330 Prozent). Der Durchschnittswert stieg in Hessen damit auf 405 Prozent und liegt fünf Punkte über dem Vorjahreswert.
Die detaillierten Auswertungen der Umfrage einschließlich Tabellen und Übersichtskarten sind auf der Internetseite des Bundes der Steuerzahler Hessen unter https://www.steuerzahler-hessen.de/neuigkeiten/artikel/schieflage-der-kommunalen-finanzen-belastet-steuerzahler-immer-mehr abrufbar. (jk/pm) +++