Erinnerung, Bildung und Kultur

Gedenkstätte, Lernort, Kulturzentrum: Minister informiert sich über Synagoge

Minister Timon Gremmels besucht die Synagoge in Schlüchtern und informiert sich über die baulichen Pläne in den kommenden Jahren.
Fotos: Justin Klenner

15.07.2026 / SCHLÜCHTERN - Auf einer Reise durch die Geschichte jüdischen Lebens in Schlüchtern: Im Rahmen seiner Sommertour "Gremmels Zwischentöne" besuchte Timon Gremmels, hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, am Dienstag die ehemalige Synagoge in Schlüchtern. Dabei informierte er sich über den Stand der Planungen und erhielt einen Einblick in die Geschichte des Gebäudes sowie des jüdischen Lebens in der Bergwinkelstadt.



Einer Glanzzeit jüdischer Kultur und jüdischen Lebens (1898 bis 1938) folgte eine Phase der Zerstörung und Verwüstung der meisten Synagogen (1938 bis 1945) sowie eine Phase der industriellen und kulturellen Nutzung (1948 bis 2010). Seit Juli 2021 verfolgt der Verein "Freunde der Synagoge Schlüchtern" das Ziel, zur Sanierung und künftigen Nutzung der Synagoge beizutragen. Im Rahmen eines Nutzungskonzepts möchten die Verantwortlichen das Gebäude als Mahnmal, Gedenkstätte und außerschulischen Lernort etablieren.

"Für ein Projekt dieser Größe ist es sehr beeindruckend, was der Verein auf die Beine gestellt hat", lobte Gremmels das Engagement der Vereinsmitglieder. Ende 2019 erwarb die Stadt Schlüchtern das Ensemble aus Synagoge und Rabbinerhaus. Seit rund 20 Jahren war die Synagoge nicht mehr genutzt worden. Investitionen in den Erhalt des Gebäudes blieben in dieser Zeit weitgehend aus. Dies möchte der Verein nun ändern. "Es ist ganz wichtig, authentische Orte jüdischen Lebens wieder instand zu setzen", betonte der Minister.

Geschichte der Synagoge nachgezeichnet

Während des Besuchs berichtete Dr. Dipl.-Psych. Peter Büttner, Erster Vorsitzender des Vereins, über die geschichtlichen Hintergründe des Ensembles. Vor über 100 Jahren lebten in Schlüchtern rund 400 Jüdinnen und Juden. Die Gemeinde gehörte damit zu den bedeutendsten jüdischen Gemeinden der Region. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft fand diese Entwicklung ein jähes Ende. Während der NS-Zeit wurde die Synagoge verwüstet und ihre Inneneinrichtung zerstört. In den Jahren von 1939 bis 1945 diente das Gebäude als Lagerhalle. Auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung wurde die Synagoge nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt. Eine Wiederbelebung jüdischen Gemeindelebens gelang jedoch nicht. "Die Leute hatten einfach zu große Angst", erklärte Büttner. Im Anschluss wurde das Ensemble industriell genutzt. Der damalige Käufer zog in das angrenzende Rabbinerhaus. Anfang der 1970er-Jahre mietete die Stadt die Synagoge wieder an und nutzte sie unter anderem für kulturelle Zwecke. Später entstand dort auch ein Kino, das 2010 geschlossen wurde. Von 2012 bis 2019 stand die Synagoge leer, ehe die Stadt das Ensemble zurückkaufte.

Der Weg zum Nutzungskonzept

Dieser Rückkauf löste eine intensive Debatte aus, wie Büttner weiter ausführte. Schnell verhärteten sich die Fronten. Am Ende wurde der Erwerb jedoch einstimmig beschlossen – verbunden mit dem Auftrag, ein Nutzungskonzept zu entwickeln. Da die Stadt die Aufgabe nicht allein bewältigen konnte, wurden externe Partner eingebunden. "Wir haben sehr schnell viele Rückmeldungen bekommen", freute sich der Vorsitzende. Gemeinsam mit dem Darmstädter Architekten- und Ingenieurbüro Sellinger entwickelte der Verein das Nutzungskonzept "Besinnen, Bewahren, Beleben". Das Land und der Bund unterstützten die Bauarbeiten mit etwa 7,6 Millionen Euro. Mit den 3,7 Millionen Euro aus Bundesmitteln sind die Baukosten komplett abgedeckt. Gestartet werden soll im kommenden August. Im ersten Quartal 2028 soll die ehemalige Synagoge dann eröffnen.

Bildung und Kultur im Fokus

Insgesamt wurden fünf Handlungsfelder für die Zukunft der Synagoge definiert. Mit einer Dauerausstellung in der oberen Etage, die die verschiedenen Zeitepochen des Gebäudes dokumentiert, soll das Ensemble als Mahnmal und Gedenkstätte dienen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bildungsarbeit. Der Verein hat bereits Gespräche mit Schulen aus der Region geführt und möchte die Synagoge als außerschulischen Lernort erlebbar machen. Dafür fanden bereits erste Probe-Unterrichtseinheiten statt. "Die Schülerinnen und Schüler, besonders in den Leistungskursen Geschichte, waren extrem begeistert", berichtete Büttner. Zudem soll die Synagoge künftig als kultureller Veranstaltungsort genutzt werden. "Wenn die Arbeiten fertig sind, sollte die Synagoge in jeder ihrer Zeitschichten und deren Folgen haptisch erlebbar sein." (Justin Klenner)+++

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