"NACHTBLAU" mit Meret Becker
Wenn die Stille der Stiftsruine zu singen beginnt
Fotos: Jürgen Böthig
14.07.2026 / BAD HERSFELD -
Es gibt Abende in der Bad Hersfelder Stiftsruine, die man nicht bloß erlebt. Man wird von ihnen regelrecht vereinnahmt. Gestern verwandelte sich dieses ehrwürdige Gemäuer in ein privates, intimes Refugium. Eine Kathedrale des Chansons. Meret Becker und Dietmar Loeffler luden im Rahmenprogramm der 75. Bad Hersfelder Festspiele "Sternstunden" zur Begegnung mit Barbara, und was folgte, war ein Abend voller Emotionen, Liebe und Zweifel. Eine Sternstunde der Melancholie.
Der Geist der "Dame en noir"
Man muss verstehen, wen man hier vor sich hat: Barbara (1930 – 1997), eigentlich Monique Andrée Serf, war eine der geheimnisvollsten Künstlerinnen Frankreichs. Sie wurde als "Dame en noir" bekannt, da sie auf der Bühne fast ausschließlich schwarze Kleidung trug. Ein Symbol für ihre Eleganz, aber ebenso für ihre Melancholie. Ihr Leben war gezeichnet von tiefen Schatten: Als jüdisches Kind musste sie während des Zweiten Weltkriegs untertauchen, und ein schweres Kindheitstrauma durch sexuellen Missbrauch legte sich wie ein dunkler Schleier auf ihre Seele. Meret Becker verstand es meisterhaft, diese Biografie in eine musikalische Reise zu verweben. Sie näherte sich dem Schmerz der Künstlerin nicht als Imitatorin, sondern mit einer atemlosen Dringlichkeit. Ihr Credo an diesem Abend schien Barbaras Leitmotiv zu sein: "Ich singe nicht, um zu gefallen, ich singe, um zu sein."Wenn das "Nachtblau" die Stiftsruine küsst
Schon nach den ersten Tönen erstarrte das Publikum in tiefer Erfurcht und Bewunderung. Die Akustik der Ruine wurde zum Instrument selbst. Jedes Flüstern, jeder tiefe Klavieranschlag von Dietmar Loeffler, jede noch so feine Nuance in Meret Beckers Stimme fand in diesem Resonanzraum eine beklemmende Schönheit. Es war ein Konzert von fast drei Stunden Dauer, unterbrochen von einer 30-minütigen Pause, in der die Eindrücke kaum zu verarbeiten schienen. Kein Hüsteln, kein Räuspern. Eine konzentrierte Stille vor jedem Applaus, die den Raum wie ein physikalisches Gesetz füllte.
Magische Momente
Im zweiten Teil des Abends geschah dann das Magische: Die Lichteffekte und die eingehende Nacht tauchten die Ruine in ein unendlich tiefes, tragendes Nachtblau, Violett und vor Erotik knisterndes Rot. In diesen Momenten wirkten die Mauern wie eine zweite Haut, die die Zerbrechlichkeit der Lieder schützte. Hier, in der Intimität, wurde die Musik zum Tagebuch. In Liedern wie dem rätselhaften "L’Aigle noir" (Der schwarze Adler) verarbeitete Becker jene metaphorische Sprache, mit der Barbara einst ihre traumatischen Kindheitserinnerungen und das Gefühl der Bedrohung in Kunst umsetzte.
Zwischen Existenzialismus und purer Liebe
Das Programm nahm das Publikum mit auf eine existenzielle Reise. Die Chansons von "Nantes", in dem Barbara die schmerzhafte, verpasste Versöhnung mit ihrem sterbenden Vater besingt, bis hin zu "Dis, quand reviendras-tu?", zeigten eine Frau, die zwar an ihrem Erfolg und der Welt zweifelte, aber in ihrer Liebe universell und ehrlich blieb. Getragen wurde dieser Klangteppich von einer exquisiten instrumentalen Seele: Dietmar Loeffer am Klavier. Das virtuose Cello von Marie Claire Schlameus verlieh den Liedern eine bodenlose Tiefe, während das Akkordeon von Uwe Steger jene französische Wehmut in den Raum hauchte, die den Herzschlag der Chansons erst vollständig machte. Selbst als sie die Hymne der Versöhnung, "Göttingen", anstimmte, schlug die Brücke zwischen dem Schmerz der Vergangenheit und einer Hoffnung, die weit über das Jahr 1997 hinausreicht.Eine Seele
Wenn Meret Becker die Bühne bespielt, ist das keine bloße Performance. Es ist eine Metamorphose. Ihre Stimme, die zwischen glasklarer, zerbrechlicher Sprödigkeit und einer dunklen, erdigen Schwere changiert, wurde zum Seismographen für Barbaras gesamtes schmerzvolles Dasein. Becker führte ihr Publikum in die "dunklen Zonen des Innenlebens", in denen Einsamkeit und verblasste Illusionen aufeinandertreffen, und machte sie doch auf wundersame Weise greifbar.Ein Nachhall für die Ewigkeit
Als das letzte Licht erlosch, blieb im Publikum eine Stille zurück, die weit tiefer ging als das gewöhnliche Schweigen nach einem Applaus. Meret Becker, Dietmar Loeffler und ihre kongenialen Begleiter haben Barbara nicht nur ein Denkmal gesetzt. Sie haben sie als eine lebendige, fiebernde Kraft mitten in die Stiftsruine zurückgeholt. Es war ein Abend, der sich wie ein kostbares, dunkles Juwel in das Gedächtnis der Festspiele eingravieren wird; ein Abend, der noch lange in den alten Mauern von Bad Hersfeld nachhallen wird. Am Ende blieben mehrere Zugaben, stehende Ovationen und die Gewissheit, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. (Jürgen Böthig) +++