Die "Rettung des Wir"

Sarah Weinreich: Zwischen Plattenbau und Bad Hersfelder Ankommen

Sarah Weinreich: Zwischen Plattenbau und Bad Hersfelder Ankommen
Fotos: Jürgen Böthig

14.07.2026 / BAD HERSFELD - Der Titel klingt nach einer großen Rettungsmission. Doch wer hinter "Die Rettung des Wir" – dem Debüt der Autorin Sarah Weinreich – ein abstraktes, politisches Manifest vermutet, irrt. Das Buch ist vielmehr ein sehr persönlicher Ankerpunkt.



Ein leidenschaftliches Plädoyer für gesellschaftliche Verantwortung, das genau dort seine Wurzeln schlägt, wo die Autorin nach vielen Jahren des Unterwegsseins endlich angekommen ist: hier, mitten in Bad Hersfeld.

"Die Geschichte verläuft nicht gradlinig", reflektiert Sarah Weinreich. Diesen Satz könnte man auch über ihren eigenen Lebensweg schreiben. Geboren 1988 in Ost-Berlin, aufgewachsen in einem Plattenbau, fiel die Mauer, als sie gerade einmal wenige Monate alt war. Trotz der zeitlichen Distanz hat sie den Prozess des Zusammenwachsens tief verinnerlicht. Wenn sie auf diese bewegte Zeit zurückblickt, zitiert sie heute gerne das berühmte Diktum von Willy Brandt: "Es wächst zusammen, was zusammengehört." Für Weinreich ist dies kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern ein Auftrag, der ihren Blick für das, was war und das, was noch kommen mag, bis heute schärft.

Von der großen Welt in die Festspielstadt

Ihre berufliche Laufbahn liest sich wie eine Landkarte des Engagements: Nach einem Studium in Rostock und Schwerpunkten in den Wirtschaftswissenschaften arbeitete sie im Auswärtigen Amt und der Bundesagentur für Arbeit. Besonders ihre Arbeit für Demokratie und Freiheit in der Ukraine, Belarus und Georgien hat sie mit Leib und Seele geprägt. Auch ihre politische Kandidatur für das Europaparlament war Ausdruck dieses tiefen Willens, die europäische Idee mitzugestalten.

Doch nach dieser intensiven Zeit folgte eine bewusste Zäsur. Vor zwei Jahren fand sie in Bad Hersfeld ihre neue Heimat. Mit dem Kauf eines kleinen Häuschens hat sie das besiegelt, was sie als eines der wichtigsten Kapitel ihres Lebens beschreibt: das Ankommen. "Ich habe Bad Hersfeld und vor allem die Menschen hier wirklich schätzen und lieben gelernt", erzählt sie mit einem Lächeln. Seitdem berät sie als Expertin für Digitalisierung die hessische Landesregierung sowie Kommunen und hat so ihre Rolle als Gestalterin zwischen lokaler Verwurzelung und globalem Blick gefunden.

Ein Buch, das Brücken baut

Ihr Erstling "Die Rettung des Wir" ist eine "Post-Biografie". Intim, ehrlich und erfrischend ungeschminkt. Der Untertitel verspricht: Innen stark – außen souverän. In Kapiteln wie "Besserwessi & Jammerossi" oder "Im Dazwischen Zuhause" entfaltet Weinreich ein Panorama, das klischeehafte Debatten hinter sich lässt.

Sie schreibt über Tabuthemen wie Migration und Frauen an der Macht, doch sie tut dies nicht als Besserwisserin. Sie tut es als jemand, die weiß, wie es sich anfühlt, sich immer wieder neu zu erfinden. "Am Ende steht eine Einladung: Verantwortung zu übernehmen, Haltung zu zeigen, mitzugestalten", sagt sie.

Das "hessisch-ostdeutsche" Versprechen

Sarah Weinreich bezeichnet ihr Werk scherzhaft als "hessisch-ostdeutsches Buch". Es ist das Ergebnis einer Reise, die 2018 begann und nun – im Eigenverlag erschienen und über den Buchhandel beziehbar – endlich den Dialog sucht. Wer die Autorin persönlich erleben möchte, hat dazu Anfang September im Bad Hersfelder Buchcafé Gelegenheit. Man darf sich auf eine Veranstaltung freuen, die weniger eine klassische Lesung ist, sondern vielmehr ein Gespräch unter Nachbarn. Es ist die Chance, eine Frau zu treffen, die im "Dazwischen" das Beste für sich und ihr "Wir" gefunden hat.

Sarah Weinreichs Botschaft ist leise, aber eindringlich: Das "Wir" ist kein fertiger Zustand, sondern eine Aufgabe. Und in einer Zeit, in der das Miteinander wichtiger ist denn je, ist es ein Geschenk, diese Aufgabe gemeinsam mit den Menschen in Bad Hersfeld anzupacken. Mutig, reflektiert und mit dem guten Gefühl, endlich angekommen zu sein. (Jürgen Böthig) +++



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