40 Grad Körpertemperatur

Können Kühe schwitzen? So überleben Rinder die andauernde Hitzewelle

Schwitzen Kühe eigentlich, wenn es so brütend heiß ist wie gerade jetzt?
Fotos: Moritz Bindewald

17.07.2026 / REGION - Schwitzen Kühe eigentlich, wenn es so brütend heiß ist wie gerade jetzt? Die Antwort: Ja - aber extreme Hitze können sie nicht allein wegschwitzen. Kühe haben deutlich weniger Schweißdrüsen als wir Menschen und kühlen sich vor allem über schnelleres Atmen und Hecheln. Bei knapp 40 Grad Eigentemperatur pro Tier wird das in einem vollen Stall schnell zur Belastungsprobe.



Wie ein Milchviehbetrieb das in Zeiten von Hitzewellen und Rekordtemperaturen in den Griff bekommt, zeigt ein Besuch bei Familie Lein in Bleidenrod, einem Ortsteil von Homberg (Ohm) im Vogelsbergkreis. Landwirt Volker Lein führt den Hof gemeinsam mit seinem Sohn Nicholas. 200 Holstein-Kühe stehen im Stall, dazu 400 Hektar Fläche - halb Grünland, halb Acker. Die Rinder werden mit dem eigenen Grün gefüttert.

"Im Stall ist das wie auf dem Hubschrauberlandeplatz"

Seit drei Jahren laufen über den Kühen Lüfter, quer durch den ganzen Stall, frequenzgesteuert nach Temperatur, Luftfeuchte und Windgeschwindigkeit. Ab 18 Grad drehen sie sich langsam an, bei 30 bis 35 Grad auf voller Leistung. "Im Stall ist es dann wie auf einem Hubschrauberlandeplatz", sagt Lein. Dann werde es laut. Wirklich laut. Wer sich unterhalten will, muss die Stimme heben und zusammenrücken. Den Kühen ist das egal. Ihnen geht es um eines: Luftbewegung, die die Wärme abtransportiert.

Eine Kuh ist durch ihre vier Mägen eine wandelnde Heizung: Wiederkauen, Gären, Verdauen - das alles erzeugt Wärme von innen. Bei Frost ist das ein Vorteil, bei Hitze wird es zur Belastung. "Einer Kuh geht es bei minus 15 Grad definitiv besser als bei plus 30." Während der Mensch bei minus 15 Grad friere, hat die Kuh damit überhaupt kein Problem. Bei 30 Grad plus dagegen kämpfe sie - genau wie wir.

"Die gehen einfach nicht raus"

Immer wieder werde er von Schulklassen gefragt, warum die Kühe nicht auf die Weide dürfen, erzählt Lein. Seine Antwort räumt mit einem weitverbreiteten Klischee auf: "Wir hatten ihnen die Möglichkeit geschaffen - die gehen einfach nicht raus." Kurze Wege zum Fressen, weiche Liegeflächen, genug Platz, kaum Rangkämpfe. Wer den Kühen im Stall alles bietet, braucht sie nicht rauszutreiben. Sie bleiben freiwillig drin.

Wenig schmeichelhaft, aber ehrlich: "Eine Kuh ist ein faules Tier, ein bequemes Tier", sagt Lein. Sie will am liebsten nur fressen, wiederkäuen, liegen - und dabei möglichst viel Milch geben. Das sei ihr über Jahrzehnte der Zucht regelrecht in die DNA übergegangen. Genau deshalb steckt der Betrieb so viel Aufwand in Komfort: weiche Liegematratzen, Schatten, Platz. Eine zufriedene, bequeme Kuh ist eine gesunde Kuh.

Die Devise im Wärme-Kampf: "Bei Hitze soll die Kuh chillen"

Beim klassischen Melken im Melkstand werden die Kühe zweimal täglich zusammengetrieben. Lein vergleicht das so: "Das ist so, wie wenn wir vom Sofa aufgejagt werden und einen Tausend-Meter-Lauf machen sollen." Für die Kuh bedeute das ein gewisses Stresslevel. "Nicht dramatisch, aber vorhanden."

Die Lösung: Melkroboter und automatisches Fütterungssystem, beide rund um die Uhr im Einsatz. Die Kuh entscheidet selbst, wann sie zum Melken geht – im Schnitt 3,3 Mal am Tag, bei Hitze oft lieber nachts. Auch beim Fressen gibt es keinen Stress mehr: Statt eines großen Futterbergs, um den sich die Herde morgens drängelt, fährt der Roboter ständig kleine, frische Portionen vor. Kein Kampf um die besten Plätze, kein Gären in der Sonne.

"Unsere Devise ist im Grunde: Bei Hitze soll die Kuh chillen können", sagt Lein. Genau das ist die Philosophie hinter der ganzen Technik: der Kuh so viel Stress wie möglich abnehmen, damit sie sich auf das Wichtigste konzentrieren kann - fressen, liegen, gesund bleiben.

"Das ist einfach scheiße, auf Deutsch gesagt"

Bis 35 Grad, sagt Lein, kommt sein Stall mit Lüftung gut zurecht. Steigt die Temperatur weiter, sinkt messbar die Milchleistung - bei schlechter Ausstattung kann das laut Kollegenberichten 5 bis 8 Liter pro Kuh und Tag kosten. Richtig kritisch wird es laut Lein erst ab etwa 45 Grad: Dann kann eine ungeschützte Kuh im schlimmsten Fall kollabieren. Tote Tiere hatte er in der jüngsten Hitzewelle zum Glück nicht. Trotzdem musste der Tierarzt zweimal ausrücken.

Wie hart die Belastung wirklich ist, bringt Lein selbst unverblümt auf den Punkt: "Bei 30 Grad einen ganzen Tag oder mehrere Stunden am Stück, das ist einfach scheiße, auf Deutsch gesagt." Hitze sei für Mensch und Tier gleichermaßen eine Qual - deshalb reiche die aktuelle Ausstattung dem Landwirt langfristig nicht mehr.

In Zukunft gibt's die kalte Dusche für das Vieh

Über den Winter will Lein zusätzlich eine Besprenkelungsanlage installieren - bewusst mit grobtröpfigem Wasser statt feiner Vernebelung. Der Grund: Feiner Nebel kühlt zwar effektiv, schafft aber ein feuchtes Mikroklima im Stall, das Euter-, Stoffwechsel- und Lungenkrankheiten begünstigen kann - gerade weil es bei ihm auch nachts oft kühl wird. Stattdessen sollen Leitungen an den Fressflächen entlang verlegt werden, die tagsüber, zeitgesteuert zwischen 11 und 21 Uhr, gezielt Wasser abgeben. Der Betrieb rüstet sich damit schon jetzt für die nächste, noch heißere Hitzewelle.

Erschwerend fällt dabei ins Gewicht: "Der Milchpreis ist im Keller." - das heißt eigentlich Sparkurs. Aber: "Die Kühe sind für uns das Wichtigste", sagt Lein. Bei Maschinen wird notfalls gekürzt, beim Urlaub sowieso. Bei den Tieren nicht. Denn eines hat Volker Lein auf seinem Hof gelernt: Wer seiner Kuh die besten Bedingungen bietet, bekommt am Ende auch die beste Leistung zurück.

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