"Gesellschaft unter Druck"

Wenn Kunst die unsichtbare Kraft hinter dem Alltag sichtbar macht

Professor Dr. Fischer & Professor Kühn
Fotos: Marvin Hucke

13.07.2026 / HÜNFELD - Was bedeutet "Druck" – jenseits von Technik und Maschine? Und wie wirkt er, wenn er nicht nur Material verformt, sondern auch Menschen, Biografien und gesellschaftliche Beziehungen? Diese Fragen stellt die neue Wechselausstellung "Gesellschaft unter Druck", die ab Sonntag, dem 12. Juli, im Museum Modern Art in Hünfeld zu sehen ist.



Im Zentrum stehen Arbeiten von Guido Kühn, Christian Fischer und der Bildhauerin Patricia Kühn Meisenheimer, die den Begriff "Druck" als sichtbare Spur und zugleich als unsichtbare Kraft untersuchen. Gezeigt werden klassische und experimentelle Drucke, Fotografien, Videokunst und interaktive Installationen.

Ein Wort – drei Bedeutungen

Der Titel der Ausstellung ist ein bewusstes Spiel mit der Doppeldeutigkeit des Wortes – und Professor Dr. Christian Fischer von der Hochschule Fulda, einer der drei ausstellenden Künstler, gliedert das Konzept in drei Ebenen.

"Der erste Druck ist der, den wir alle kennen", erklärt Fischer. "Zeitdruck, sozialer Druck, das ständige Gefühl, funktionieren zu müssen." Die zweite Ebene sei der Druck als Technik: "Bis auf zwei Plastiken sind alle Arbeiten hier Drucke – vom Digitaldruck über die Fotografie bis hin zu klassischen Verfahren wie dem Bleisatz." Und schließlich die dritte, für ihn persönlichste Ebene: "Der druckende Mensch als kreativer Künstler, der aufgreift, was um ihn herum passiert – sozial oder weltpolitisch –, es in sich aufnimmt und wieder nach außen gibt."

Drei Positionen – ein Raum

Die drei Künstler haben die Ausstellungsfläche unter sich aufgeteilt: Im hinteren Bereich sind die Druckarbeiten von Guido Kühn zu sehen, im mittleren die Werke Fischers, im vorderen die Plastiken von Patricia Kühn Meisenheimer. Trotz dieser Vielfalt verstehen sich die Beteiligten als gemeinsame Werkschau – etwas, das Professor Kühn von der Hochschule Neu-Ulm ausdrücklich begrüßt: "Schön finde ich, dass wir mit unserer Bandbreite von konkreten bis gegenständlichen Arbeiten hier gemeinsam auftreten dürfen."

Kühn zeigte sich zudem beeindruckt vom Haus selbst: "Das Museum ist ein Juwel in der Landschaft. Ich kannte es vorher nicht und war von der Güte der Sammlung sehr angetan – auf jeden Fall einen Besuch wert."

Der Druck der digitalen Gegenwart

Einen besonderen Akzent setzen die interaktiven Installationen. Sie spiegeln den digitalen Alltag aus Feeds, Rankings und Kennzahlen wider – eine Welt, in der neuer Druck nicht durch sichtbare Gewalt entsteht, sondern durch permanente Rückkopplung und die ständige Erwartung, sich optimieren zu müssen. In einer dramaturgisch aufgebauten Raumfolge verbindet die Ausstellung das, was Bilder technisch tun – formen, standardisieren –, mit dem, was gesellschaftliche Strukturen mit Menschen machen: normieren, beschleunigen, bewerten. So wird nachvollziehbar, warum der Druck durch die Digitalisierung immer weiter steigt.

Werkzeug oder Bedrohung? Die Künstler und die KI

Kaum ein Thema treibt die kreative Szene derzeit so um wie die Künstliche Intelligenz – und beide Professoren beziehen dazu eine bemerkenswert klare Position.

Für Fischer ist KI zunächst einmal ein Werkzeug. "Ein großes Sprachmodell greift immer nur auf das zurück, womit es gefüttert wurde", sagt er. "Es gibt letztlich einen Durchschnitt dessen wieder, was in den Datenbanken steckt. Etwas wirklich Neues, wirklich Kreatives entsteht so nicht." Wer sich jedoch auskenne und eigene Ideen mitbringe, könne eine KI gezielt trainieren und einsetzen: "Lasse ich mir dagegen ein komplettes Plakat einfach von der KI gestalten, wird das sehr wahrscheinlich ziemlich langweilig – und das ist nicht meins." Von einer pauschalen Ablehnung hält er wenig: "Das wäre so, als würde man das Internet ablehnen. Die Technik ist da, und sie geht auch nicht wieder weg."

Zugleich mahnt Fischer, die eigentliche Frage nicht zu verwechseln: "Wir müssen uns als Gesellschaft überlegen, wie viel Druck wir uns selbst machen und wie stark die KI in unser Leben eingreifen darf. Das ist aber eine gesellschaftliche und politische Frage – mit der Kunst hier hat sie erst einmal nichts zu tun."

"Im Kopf laufen 14 Millionen Vorgänge ab"

Auch Kühn, der nach eigener Aussage schon mit KI arbeitete, "als es den Namen KI noch gar nicht gab", sieht in ihr ein Werkzeug – betont aber den fundamentalen Unterschied zwischen Bestellen und Erschaffen: "Wenn ich mir etwas von der KI machen lasse, ist das so, als würde ich bei Amazon etwas bestellen. Etwas selbst zu gestalten ist ein völlig anderer Prozess; im Gehirn werden ganz andere Bereiche aktiv." Er rechnet vor: "Allein bei der Entscheidung, welche Farbe ich nehme, laufen im Kopf rund 14 Millionen Vorgänge ab. Sage ich der KI, sie solle mir ein Bild prompten, sind es vergleichsweise nur ein paar Hundert."

Gelassenheit zieht Kühn aus einem Blick in die Kunstgeschichte: "Das kennen wir schon vom Übergang der Malerei zur Fotografie um 1900. Auch damals hieß es, die Maler könnten ihre Paletten wegwerfen. Tatsächlich sind daraus völlig neue Kunstrichtungen entstanden – Impressionismus, Expressionismus, Futurismus. Und die gegenständliche Malerei ist bis heute präsent."

Im Alltag hingegen sei die neue Technik durchaus auch anstrengend. "Da kommt ein Kollege und sagt: Du kannst doch gut zeichnen, schau mal, das habe ich eben geprompted. Dann sage ich: Ja, aber da hast du sechs Finger, und im Hintergrund stimmt die Schrift nicht." Warum er weiterhin selbst zeichnet, begründet er grundsätzlich: "Das Zeichnen, das ich mir über Jahrzehnte erarbeitet habe, ist für mich auch eine Schule. Ich lerne, Dinge zu erkennen – all das passiert im Kopf, wenn ich etwas selbst gestalte." Ob er KI in seine künstlerische Arbeit einbinde, lässt er offen: "Da bin ich zwiegespalten."

Zwischen historischer Technik und Hörsaal

Dass seine Zurückhaltung auch mit seinem Handwerk zu tun hat, macht Kühn deutlich: "Ich arbeite mit sehr historischen Techniken – Bleisatz, Holzschnitt, Linoldruck – auf Maschinen, von denen keine jünger als 70 Jahre ist." Völlig ausgeschlossen sei eine Öffnung aber nicht: "Vorstellbar wäre, irgendwann die Formerstellung über Computerprogramme oder KI einzubinden. In den 1960er-Jahren gab es das in der konkreten Kunst schon einmal mit prozedural erzeugten Mustern – einige davon hängen sogar hier in der Sammlung."

In seiner Lehre erlebt Kühn die Kehrseite der neuen Möglichkeiten. "Viele Studierende nehmen bei einer Aufgabe gern die Abkürzung. Nach 30 Sekunden ist die Antwort da – aber dann haben sie nichts gelernt, manche haben den Text nicht einmal gelesen." Seine Hochschule steuere deshalb bewusst gegen: "Wir bauen im Grundstudium wieder verstärkt analoge Erfahrungen ein und kehren zur Präsenzlehre zurück." In höheren Semestern werde KI dagegen ganz selbstverständlich eingesetzt: "Da gibt es keine Berührungsängste."

Ein Museum als Stiftung

Getragen wird die Ausstellung vom Museum Modern Art, das auf der Sammlung Jürgen Blums beruht und als Stiftung geführt wird. Martina Sauerbier, Kulturbeauftragte der Stadt Hünfeld und Vorsitzende des Stiftungsbeirats, verweist auf die besondere Struktur des Hauses: Neben der Dauerausstellung der Sammlung bieten die Pavillons Raum für wechselnde Ausstellungen wie die aktuelle. "Wir freuen uns über jeden Besucher, der die Werke der ausstellenden Künstler und die Institution als solche wahrnimmt und wertschätzt", so Sauerbier. Geöffnet ist das Museum von Donnerstag bis Sonntag, jeweils von 15 bis 18 Uhr.

Die Besucher erwartet eine Ausstellung, die den Druck in all seinen Facetten erfahrbar macht – als Handwerk, als Kunstform und als jene stille Kraft, die den Alltag einer ganzen Gesellschaft prägt. (Marvin Hucke) +++

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