Hersfelder Ermittler im sechsten Fall
Leiche, Zwibbelsploatz und Solarparkstreit: Premierenlesung von Tim Frühling
Fotos: Bernd Vogt
13.07.2026 / EITERFELD -
Kennen Sie Daniel Rohde und Brigitte Schilling von der Bad Hersfelder Kriminaldirektion? Nein? Dann wird es höchste Zeit. Denn mit "Ploatzlich tot" erschien am 25. Juni schon der sechste Krimi um die beiden Hersfelder Ermittler – geschrieben von Tim Frühling, den viele nicht nur als Autor, sondern auch als Stimme des hr kennen. Wenn sich an einem heißen Sommerabend fast 200 Menschen im Eiterfelder Haus Kegelspiel versammeln, um einer Premierenlesung zu lauschen, dann ist klar: Hier findet gerade etwas statt, das man nur ungern verpasst hätte.
Mord auf der Reviergrenze
Im sechsten Fall der Reihe geht es um den geplanten Bau eines Solarparks. Kein Krimi ohne Leiche, und so dauert es nicht lange, bis – ausgerechnet auf der Reviergrenze zwischen Fulda und Bad Hersfeld – eine Leiche gefunden wird. Der Tote sorgt für Kompetenzgerangel zwischen den Polizeidienststellen, das Bauprojekt für erbitterten Streit in den Gemeinden Eiterfeld und Schenklengsfeld.Selbst eine Bürgerversammlung im Vereinsheim vermag die verhärteten Fronten nicht aufzuweichen. Die Befürworter sehen wirtschaftliche und ökologische Chancen, die Gegner entdecken plötzlich ihre Liebe zur Biodiversität oder befürchten durch Solarpanels ausgelöste Hitzewellen. Andere haben gegen den Solarpark grundsätzlich nichts einzuwenden – nur wollen sie ihn eben nicht auf dem eigenen Grund und Boden.
Cosy mit schwarzem Humor
Lokalkrimis brauchen Landschaft, Lokalkolorit und eine Portion Heimeligkeit. Aber auch in der Kuppenrhön ist die Welt längst nicht mehr so heil, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Frühling zeichnet seine Figuren mit wenigen Strichen und einem feinen Gespür für Eigenheiten. Manche sind bewusst überzeichnet, fast karikaturenhaft.Da ist der knorrige Landwirt Herzog, der den Tod seiner Frau "Spargeln" – also Windrädern – anlastet. Ortsvorsteher Dimmerling möchte vieles richtig machen, wirkt aber zunehmend von Amt und Ehrgeiz überfordert. Dem verarmten Adeligen Hagen von Reptich sind außer seinem traditionsreichen Namen und dem verfallenden Familiensitz kaum noch Besitztümer geblieben – verkaufen will er sein Land trotzdem nicht. Als selbst ernannter harter Hund tritt Polizeihauptkommissar Hahner auf, der seit Kurzem im Polizeipräsidium Osthessen den Ton angibt und dessen Selbstbewusstsein deutlich größer ist als seine kriminalistischen Fähigkeiten.
Röbigs heruntergekommenem Hähnchengrill verbirgt sich ebenfalls mehr, als man zunächst vermutet. Und schließlich sind da natürlich Rohde und Schilling selbst, deren Beziehung sich über die sechs Bände hinweg entwickelt hat und die nun erstmals ernsthaft aneinandergeraten.
Eine weitere Spur führt in die dunkelste deutsche Vergangenheit. 1938 vergräbt Isaak Kern eine Kiste mit Familienschätzen, bevor ihm die Flucht zunächst in die USA und später nach Israel gelingt. Seinen Kindern kann er von dem Versteck nie erzählen. Gerade dieser Erzählstrang hätte etwas mehr Raum und Tiefe verdient. Die Geschichte der Familie Kern bleibt vergleichsweise knapp, die Kiste dient vor allem als Hitchcock'scher MacGuffin, der die Handlung vorantreibt.
Im Herzen Hesse
Der aus Niedersachsen stammende und heute in Frankfurt lebende Frühling ist nach eigenem Bekunden "im Herzen Hesse" – und das merkt man jeder Seite an. Hier schreibt keiner über die Rhön, weil sie gerade als Kulisse dient, sondern weil er sie kennt und liebt. Nur ein einziger Ort ist erfunden: Obersolzrod. Alles andere lässt sich mit dem Roman in der Hand tatsächlich abfahren oder erwandern.Seine Kommissare siedelte Frühling bewusst in Bad Hersfeld an – ein bis dahin nahezu unbeschriebenes Pflaster für hessische Krimis. Jeder Band spiegelt zugleich eine seiner Leidenschaften wider: den Hochrhönwanderweg, die Kanarischen Inseln, auf denen er gerne Urlaub macht und Spanisch lernt, die Bad Hersfelder Festspiele oder den Hessentag, den er seit Jahren für den hr kommentiert und den er für ein einzigartiges Landesfest hält.
Lesung mit launigen Einwürfen und deftiger Brotzeit
Tim Frühling zuzuhören macht fast noch mehr Freude, als ihn zu lesen. Das fand auch Eiterfelds Bürgermeisterin Dana Hauke, die sich an diesem Abend gleich mit ihrer Urlaubslektüre für die Kanaren versorgte.Immer wieder bezog Frühling sein Publikum ein, machte Witze über sich selbst, streute humorvolle Anekdoten ein und verlieh seinen Figuren beim Vorlesen jeweils eine eigene Stimme. Die ausgewählten Passagen vermittelten einen ausgezeichneten Eindruck vom Roman – und der Blick auf den Büchertisch ließ vermuten, dass an diesem Abend kaum jemand das Haus Kegelspiel ohne ein signiertes Exemplar verließ.