"So verschwindet der Mittelstand"

Familienunternehmer Oliver Naumann emotional: "Das war mein Leben"

Oliver Naumann war ebenso Präsident der Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern
Archivbilder: O|N

13.07.2026 / GELNHAUSEN - Das Aus im Druck- und Pressehaus Naumann am Stadtrand von Gelnhausen (Main-Kinzig-Kreis) ist beileibe kein Einzelfall. Vielmehr werden der Mittelstand und vor allem die kleineren Betriebe sukzessive ausgedünnt. Die Gründe sind seit Jahren bekannt: Bürokratie, Fachkräftemangel und enorm steigende Preise in allen Bereichen. In Gänze ist es die Bürokratie, die immer mehr Unternehmen verzweifeln lässt.



"Wir befinden uns in Zeiten der Konsolidierung. Der Mittelstand wird peu à peu verschwinden", sagt Oliver Naumann. Seit 32 Jahren arbeitet er in dem Betrieb, den sein Vater gegründet und aufgebaut hat. Dass er einmal die Werkstore für immer schließen muss, tut ihm nach eigener Aussage "emotional verdammt weh".

Über viele Jahre hat das Druck- und Pressehaus unter anderem Tages- und Wochenzeitungen produziert. Bereits im Frühjahr wurde das Verlagsgeschäft im Rahmen einer Eigenverwaltung an die EGRO-Mediengruppe mit Hauptsitz in Obertshausen veräußert, die jedoch den Verlagsstandort Gelnhausen erhalten will. Dazu gehören unter anderem die Gelnhäuser Neue Zeitung (GNZ) mit einer verbreiteten Auflage von 7.042 Exemplaren (IVW 1/2026), die Wochenzeitungen Mittelhessen-Bote mit seinen Regionalausgaben und die Gießener Zeitung mit einer Gesamtauflage von über 400.000 Exemplaren. Auch die Online-Nachrichtenportale gnz.de und KINZIG.NEWS wurden von EGRO übernommen.

Auch für den Bereich der Druckerei sollten im Rahmen der Eigenverwaltung Investoren gefunden werden, um den Druckstandort und die Arbeitsplätze in Gelnhausen zu erhalten. "Die letzte Verhandlung ist vor wenigen Tagen geplatzt. Wer will noch in Deutschland investieren? Die Deindustrialisierung hat längst begonnen", sagt der Noch-Geschäftsführer.

"Massive Konzentration auf immer weniger Verlage"

Die Gründe wie Bürokratie, Fachkräftemangel, gestiegene Energiepreise und sonstige Kosten machen den Standort unattraktiv. "Die Unternehmen zieht es ins Ausland. Nicht nur die Produktion", sagt Naumann. Selbst die "Großen" haben schon zu kämpfen. In der Medienlandschaft kommt ein wesentlicher Faktor dazu. Dort ist eine massive Konzentration auf immer weniger Verlage zu beobachten. "Es gibt bereits weiße Flecken", sagt Naumann. Und gerade dort, wo es keine lokale Tageszeitung mehr gibt, sind die politisch extremen Flügel erfolgreich.

Der Kostendruck sorgt besonders in kleineren Verlagshäusern für kaum mehr lösbare Probleme. Durch den Mindestlohn und seine Ausgestaltung sowie die bürokratischen und kostenerhöhenden Einschränkungen ist die Zustellung kaum mehr finanzierbar. Die beiden letzten Bundesregierungen hatten eine Presseförderung im Koalitionsvertrag, die neue Regierung schon gar nicht mehr, obwohl die Politiker aller regierenden Parteien der letzten zehn Jahre den Verlagen immer wieder versichern, wie wichtig der Lokaljournalismus und die freie Presse für unsere Demokratie ist. "Es wurde bisher nichts umgesetzt", sagt Naumann.

"Das Unternehmen war immer Teil unserer Familie und von mir persönlich"

Auch für ihn persönlich bedeutet das Aus im Druck- und Pressehaus einen harten Einschnitt. "Ich mache das seit 32 Jahren. Das Unternehmen war immer Teil unserer Familie und von mir persönlich. Als Schuljunge musste ich erst Paletten mit Zeitungen vor der Garage wegfahren, um an mein Fahrrad zu kommen", sagt der Familienvater. Er will aber nicht klagen, sagt als überzeugter Christ im OSTHESSEN|NEWS-Gespräch: "Ich habe ein erfülltes Leben, habe immer versucht, als Vorbild voranzugehen. Ich habe von meinen Mitarbeitern viel gefordert, wollte das aber immer auch vorleben."

In der Eigenverwaltung sieht er nun seine Hauptaufgabe darin, die Aufträge bis zum Schluss im Herbst diesen Jahres abzuarbeiten und für die verbliebenen Mitarbeiter Lösungen zu finden. "Für einen Großteil sieht es gut aus", sagt er und führt Gespräche mit Unternehmen, die gerne seine Mitarbeiter übernehmen wollen.

Eines wurmt ihn ganz schwer und liegt ihm seit Jahren am Herzen: das negative Image gegenüber Unternehmern. Natürlich gäbe es wie überall auch schwarze Schafe, die meisten arbeiten jedoch mit Leidenschaft für das Wohl der Firma, der Mitarbeiter und der Region, in der sie Verantwortung tragen. Die Generation der Gründungsväter nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Rente, Nachfolger zu finden ist ein massives Problem über alle Branchen hinweg. "Wer will denn noch ein Unternehmen führen?", fragt Naumann. Kaum jemand will sich noch durch den Dschungel an Gesetzen und Vorgaben durchkämpfen und wenn es schiefgeht oder Fehler gemacht werden, zur Verantwortung gezogen werden.

In wenigen Monaten wird die bereits verkaufte Druckmaschine abgebaut, dann gehen im Druck- und Pressehaus Naumann die Lichter aus. Die Firmengeschichte der Familie Naumann endet. Was aus dem Gelände an der Frankfurter Straße wird? Völlig unklar. Wie so vieles am Wirtschaftsstandort Deutschland. (Hans-Hubertus Braune) +++


Das Areal in der Frankfurter Straße am Stadtrand von Gelnhausen steht zum Verkauf.
Oliver Naumann ist aktuell noch Geschäftsführer vom Druck- und Pressehaus Naumann in Gelnhausen
Archivbilder: O|N

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