Neue EU-Zollregel trifft Temu, Shein & Co.

China-Schnäppchen werden teurer - Aufwind oder nur heiße Luft für die Läden?

Ist diese Regelung nur ein müder Versuch, die China-Flut einzudämmen, oder kommt die Kundschaft jetzt zurück in die Innenstadt? OSTHESSEN|NEWS hat sich in vier Fuldaer Geschäften umgehört.
Fotos: Christoph Blum

10.07.2026 / FULDA - Seit dem 1. Juli ist Schluss mit der zollfreien Bestellung aus Fernost: Die EU hat die Freigrenze von 150 Euro abgeschafft. Auf jede Warenkategorie in einem Paket werden pauschal drei Euro fällig. Rund 400.000 Sendungen von Plattformen wie Temu und Shein erreichen täglich deutsche Haustüren. Ist diese Regelung nur ein müder Versuch, die China-Flut einzudämmen, oder kommt die Kundschaft jetzt zurück in die Innenstadt? OSTHESSEN|NEWS hat sich in vier Fuldaer Geschäften umgehört, deren Sortimente unterschiedlicher kaum sein könnten – und die doch denselben Konkurrenten haben.



Serhat Ilgüz kennt seine Kundschaft – und ihre Widersprüche. "Die kaufen sich ein Handy für 1.000 Euro und dann eine Hülle bei Temu für zwei Euro", erzählt der Inhaber des Mobile Point in der Florengasse. Genau solche Bestellungen verteuern sich seit Anfang Juli: Die Drei-Euro-Pauschale gilt je Warenkategorie in einer Sendung. Zehn T-Shirts in einem Paket kosten einmal drei Euro Zoll – kommen Handyhülle und Ladekabel dazu, sind es schon neun. Die Einfuhrumsatzsteuer fällt weiterhin obendrauf an; die Verbraucherzentrale hat vorgerechnet, dass aus einer Sieben-Euro-Hülle so am Ende knapp 20 Euro werden können.

"Wichtig ist, dass für alle die gleichen Regeln gelten"

Kaum ein Sortiment hat die Billigkonkurrenz härter getroffen als das von Ilgüz. Seit 20 Jahren macht er Einzelhandel rund ums Smartphone und Computer – Geräte, Zubehör, Reparaturen. "Minimum 70 Prozent weniger Umsatz durch die Handyhüllen", bilanziert er nüchtern. Beim Panzerglas sehe es ähnlich aus – vieles davon verschenkt er inzwischen an seine Kunden. Groll hegt er dennoch nicht: "Ich habe grundsätzlich nichts gegen Konkurrenz. Sie gehört nun mal zum Geschäft. Ich wünsche mir aber, dass für alle die gleichen Regeln gelten – wenn wir in Deutschland Steuern, Zoll, gesetzliche Vorgaben und Sicherheitsstandards einhalten müssen, dann sollte das für alle Anbieter greifen."

Sein Gegenrezept heißt Service: Beratung, Montage, zertifizierte Kabel – und ein Ansprechpartner, wenn doch etwas klemmt. Defekte Smartphones landen nämlich regelmäßig bei ihm auf dem Werkstatttisch. Oftmals der Grund: billige, nicht zertifizierte Ladekabel. Defekte Ladebuchsen, im schlimmsten Fall eine zerstörte Platine und das teure Handy ist futsch. Als einziger der vier von O|N besuchten Händler erwartet Ilgüz vom neuen Zoll übrigens tatsächlich einen kleinen Schub – wenn das Zwei-Euro-Panzerglas plötzlich sieben koste und die Qualität nicht stimme, überlege man sich dann doch wieder den Weg in den Laden zu gehen.

Die dritte Welle

Ein paar Gehminuten weiter, in der Schloßstraße, blickt man auf 34 Jahre Familienbetrieb zurück. Der Circus Ikarus – für viele DER Spielzeugladen der Region – hat schon einige Umbrüche erlebt. "Erst kamen die Versandkataloge, dann Amazon, jetzt die Billiganbieter aus China", beschreibt Hanna Schnell, Tochter der Inhaberfamilie, die dritte Welle, die über den stationären Handel rollt. Auch hier kommt es vor, dass sich Familien ausgiebig beraten lassen – und Ähnliches dann in Fernost bestellen.

Oft mit ernüchterndem Ergebnis: mindere Qualität, schwierige Rücksendung, dazu die Unsicherheit bei Schadstoffen und fehlender CE-Kennzeichnung. Schon ein banaler Luftballon zeige den Unterschied – online bestellt oft zu klein und schnell schlapp, im Laden dagegen gebe es "ehrliche Ware". Die Lieferanten kommen größtenteils aus Europa. Und trotz des Preisdrucks ist Hanna Schnell überzeugt: Wer einmal im Laden steht, die Sachen anfasst und ausprobiert, der kauft auch meist. Der Laden sei eben voller Dinge, "die Spaß machen" – ein Erlebnis, das kein Warenkorb-Klick ersetzt.

"Das sind zwei Welten"

Anja Halemba führt ihren Laden "Halemba Style" für nachhaltige Mode und Accessoires – und hat den Fuldaer Handel zugleich als Vorstandsmitglied des City Marketing Fulda im Blick. Dass ihre Kundschaft Preise vergleicht, weiß sie genau: Direkt angesprochen werde sie selten, "aber wenn die Leute sich untereinander unterhalten, hört man schon mal: Boah, was ist denn das hier so teuer?" Da werde das Etikett fotografiert und direkt im Netz nachgeschaut. In Konkurrenz zu Temu, Shein und Co. sieht sie sich trotzdem nicht: "Das sind zwei Welten." Ein Sommerkleid für zehn Euro könne nachhaltige Mode preislich nie unterbieten – "damit häuft man halt die Müllberge an".

Entsprechend nüchtern fällt ihre Zoll-Prognose aus: Wenn das Zehn-Euro-Kleid künftig dreizehn koste, sei das kein großer Unterschied. Ihr Rezept ist ein anderes: Kundenbindung, guter Service – "Guten Tag sagen, Auf Wiedersehen sagen, diese ganzen alten Geschichten, die menschliches Leben ausmachen". Denn das Einkaufen selbst habe sich gewandelt: "Früher ist man in die Stadt gegangen, um einzukaufen, was man braucht. Heute kommen die Leute in die Stadt, um Zeit zu verbringen."

"Es ist immer noch billig"

Einen Steinwurf vom Buttermarkt entfernt schließlich, zwischen Eisdielen und Restaurants, betreiben Natascha Zinkand und Helen Schäfer das Glückswerk. Und beim Stichwort Temu winkt Schäfer beinahe ab. Hier findet man Geschenke, Wohnaccessoires sowie Feinkost und man arbeite ausschließlich mit Manufakturen zusammen, die in Deutschland und der EU produzieren, einige sogar direkt in Fulda. Die Preise entsprechen denen der Hersteller-Onlineshops, "und du sparst dir die Versandkosten". Vom neuen Zoll erwartet sie deshalb: nichts. "Die Leute, die sich bewusst für solche Plattformen entscheiden – denen wird es egal sein, ob sie fünf oder acht Euro zahlen. Es ist immer noch billig." Das Internet verteufeln will sie ausdrücklich nicht, schließlich bestelle jeder mal online. Aber ein Geschenk, heute Abend noch stilvoll verpackt für die Hochzeit am nächsten Tag – das leiste eben nur der Laden. Ein Temu-Paket zu verschenken, sei schließlich irgendwie lieblos.

Bummeln statt Warenkorb

Und die Kundschaft selbst? O|N hat sich in der Fuldaer Innenstadt umgehört und ein zweigeteiltes Bild erhalten: Viele haben schon bei den China-Versendern bestellt – das Argument ist immer der Preis. Ein großer Teil hat Bedenken, einige boykottieren die Plattformen sogar bewusst und kaufen lieber vor Ort. Von den neuen Zollregeln haben die meisten zwar gehört, die Details jedoch kennt kaum jemand – und dass ab 2028 die nächste Stufe zündet, wenn die Pauschale wegfällt und jede Sendung nach ihrem tatsächlichen Warenwert verzollt wird, weiß so gut wie niemand.

Worin sich dagegen fast alle einig sind: Durch Fulda zu bummeln macht schlicht Freude. Läden wechseln sich mit Cafés, Restaurants und Bars ab, anstatt dass Einkaufs- und Ausgehmeile voneinander getrennt existieren – ein Stadtbild, das zum Stöbern einlädt, mit einem Kaffee zwischendurch. Vielleicht ist genau das der Grund, warum viele Befragte den heimischen Läden die Treue halten. Serhat Ilgüz selbst hat seine Haltung zu 2028 längst gefunden: "Die können von mir aus 40 Prozent draufhauen – ich persönlich kaufe sowieso nur hier in Fulda ein." (Christoph Blum) +++

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