Sonderrolle adé

Bald neue Regeln für Minijobber? Davor fürchtet sich die Gastrobranche

Etwa 60 Minijobber arbeiten beim Event Caterin von Marie-Christine Nelles und ihrem Mann Sven Nelles regelmäßig, vor allem zu Saisonspitzen mit
Fotos: Carina Jirsch

10.07.2026 / REGION - Sie sind die helfenden Hände, die für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Besonders flexibel, wenn andere Mitarbeiter erkrankt sind oder in der Hauptsaison der Ansturm droht, zu groß zu werden: Minijobber im Gastronomie- und Eventbereich. Derzeit arbeiten viele von ihnen neben dem Studium, der Rente oder dem Hauptjob und schätzen die Abwechslung und den nützlichen Zuverdienst. Doch Minijobs könnten für einige Arbeitnehmergruppen schon bald deutlich unattraktiver werden. Die Gastronomiebranche ist in großer Sorge.



Kürzlich schlug die Rentenkommission der Bundesregierung erstmals vor, den derzeitigen steuerlichen Sonderstatus von Minijobs künftig abzuschaffen. Wie reguläre Arbeitnehmer auch müssten Minijobber dann Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung zahlen. Für sie würde das erhebliche Verluste beim Nettoeinkommen bedeuten. Ausgenommen wären - so der bisherige Stand - lediglich Schüler und Studenten.

Viele Minijobber arbeiten neben einer festen Voll- oder Teilzeitbeschäftigung oder zusätzlich zur Rente im geringfügigen Beschäftigungsverhältnis und schätzen gerade diese finanzielle Flexibilität. Der Zusatzverdienst ohne Abzüge wird oftmals für den kleinen Luxus, wie etwa einen weiteren Urlaub oder eine Anschaffung, die man sich sonst nicht gönnen würde oder könnte, genutzt. Gäbe es für sie nun Abzüge, würden sich viele zweimal überlegen, ob sie weiterhin nebenher als Aushilfen arbeiten, wie zahlreiche Minijobber im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS verraten.

Neues Modell für viele Minijobber nicht bedürfnisorientiert

Beim Eventcatering der Firma Nelles werden Minijobber vor allem im Service und der Logistik außerordentlich geschätzt und gerade in Saisonspitzen oder bei Großevents eingesetzt. Diese Situation sieht Geschäftsführerin Marie-Christine Nelles durch die mögliche Reform in Gefahr. "Wir haben im Moment 60 bis 65 Minijobber im Unternehmen und durch die Gespräche mit unseren Minijobbern würde ich sagen, dass mindestens 20, 25, vielleicht sogar 30 von ihnen sagen werden, sie suchen sich entweder was anderes oder stocken bei ihrem Hauptberuf auf", erklärt sie gegenüber O|N.

Auch im Hotel und Landgasthof "Zur Linde" in Bimbach leisten Minijobber wichtige Arbeit. Eva Orlewicz beispielsweise kellnert hier regelmäßig im Biergarten nach ihrer regulären Arbeit als OP-Helferin. Für sie sowohl ein toller Ausgleich in einem ganz anderen Umfeld als auch ein schöner Zuverdienst. Sollten künftig Abgaben anfallen, würde der Job neben dem Hauptjob aber auch für sie finanziell deutlich unattraktiver. "Ich wohne in Marbach und habe dadurch auch Benzinkosten. Wenn ich nun so viel weniger Nettoverdienst in meinem Nebenjob hätte, würde sich das für mich kaum noch lohnen", sagt sie im Interview.

Ihre Minijobber schlichtweg in ein klassisches Teilzeitverhältnis zu übernehmen, gestaltet sich für die Gastronomen, sofern dies für die Mitarbeiter selbst überhaupt denkbar wäre, ebenfalls schwierig. "Dadurch, dass wir diese Höhen und Tiefen in der Event- und Gastronomiebranche haben, können wir nicht alle kurzfristig Beschäftigten als Teilzeitkräfte einstellen, weil wir in den ruhigen Monaten dieses Stundenkontingent gar nicht brauchen. Aber im Sommer oder bei Events wie dem Hessentag brauchen wir wiederum alle Mitarbeiter, die zur Verfügung stehen", erklärt Nelles-Chefin Marie-Christine Nelles.

Linde-Chef Alexander Günther ist dankbar für Mitarbeiter wie Eva Orlewicz, denn nur durch sie kann beispielsweise der Biergarten der Linde in den Sommermonaten überhaupt so gut laufen. "Der Biergarten wird heute noch bis auf den letzten Tisch gefüllt sein und da brauchen wir flexible Lösungen. Das muss so bleiben, wie es ist", sagt er im Interview.

Hälfte aller Gastromitarbeiter sind Minjobber

Andreas Jahn, Vorsitzender des DEHOGA-Kreisverbandes Fulda, setzt in seinem Betrieb, dem Landgasthof Zum Stern in Poppenhausen, neben den festen Mitarbeitern ebenfalls gern auf Minijobber. Im möglichen Wegfall des bisherigen Minijob-Modells sieht auch er große Gefahr für die Gastronomie-Branche. "Stand heute haben wir rund 2,2 Millionen Mitarbeiter in der Gastronomiebranche. Davon sind 1,1 Millionen im sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis und 1,1 Millionen im Minijob-Bereich - also Hälfte/Hälfte."

Die ganze Branche fürchtet sich. In Berlin laufen währenddessen die Vorbereitungen für die Reform. "Der Koalitionsausschuss hat am 01.07.2026 bekräftigt, dass die Empfehlungen der Alterssicherungskommission in einem Gesetzespaket umgesetzt werden sollen. Von Seiten der Bundesregierung wird nun auf Grundlage des Berichts die Umsetzung der Empfehlungen geplant. Hierzu wird es auch Gesetzgebungsverfahren geben, die im Kabinett von der Bundesregierung beschlossen und anschließend in das parlamentarische Verfahren gehen werden. Dem anstehenden Prozess können wir nicht vorgreifen. Detaillierte Aussagen zu konkreten einzelnen Regelungen können deshalb derzeit nicht getroffen werden", erklärt auf O|N-Nachfrage die Pressestelle des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Das Bangen dauert also an. (Sabrina Ilona Teufel-Hesse) +++

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