Jubiläum und Zeugnisübergabe

"Der Anlauf ist genommen": Startbahn feiert 20-jähriges Jubiläum

Startbahn feiert 20-jähriges Jubiläum und Zeugnisübergabe.
Fotos: Rene Kunze

25.06.2026 / FULDA - Mit Sektempfang, Zeugnisübergabe und Livemusik hat die Arbeitsschule Startbahn in Fulda am Donnerstag ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Bei der "Abflugparty" erhielten 29 Absolventinnen und Absolventen ihr Abschlusszeugnis - und damit den offiziellen Übergang in Ausbildung und Beruf.



Die Arbeitsschule Startbahn der Bürgerstiftung "Antonius : gemeinsam Mensch" verbindet die jährliche Zeugnisübergabe traditionell mit dem Aufbruch ihrer Absolventinnen und Absolventen in Ausbildung und Beruf. In diesem Jahr fiel die Feier zugleich mit dem 20-jährigen Bestehen der 2006 gegründeten Schule zusammen.

Los ging es in der St.-Vinzenz-Straße mit einem Sektempfang, bevor Geschäftsführung, Kooperationspartner und das Staatliche Schulamt das Wort an die Gäste richteten. Unter dem Titel "Abflugparty" verband die Schule die Jubiläumsfeier mit der Zeugnisübergabe an ihre diesjährigen Absolventinnen und Absolventen.

"Mit Anlauf in ein selbstbestimmtes Leben"

"Mit Anlauf in ein selbstbestimmtes Leben - das ist nicht nur ein Slogan, das ist ein Versprechen", sagte Silke Gabrowitsch, Mitglied der Antonius-Geschäftsführung, in ihrer Begrüßung. Die "Abflugparty" sei kein Ende, sondern ein Aufbruch: "Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, startet in Richtung Ausbildung, in Richtung Beruf, in Richtung selbstbestimmtes Leben." Seit der Gründung 2006 hätten rund 450 junge Menschen die Chance der Startbahn genutzt - "450 Geschichten von Lernen, Wachsen, Zweifeln, Dranbleiben und Mut". Etwa ein Viertel von ihnen habe direkt nach der Schule den Sprung in Ausbildung oder Arbeit bei regionalen Betrieben geschafft. Die Startbahn sei damit "kein Zufall, sondern ein wirksames Konzept" und ein zentraler Baustein des sogenannten Fuldaer Wegs, der gemeinsam mit dem Unternehmernetzwerk Perspektiva verfolgt wird.

Auch Harald Persch, stellvertretender Amtsleiter des Staatlichen Schulamts Fulda, gratulierte: "Sie haben eine Lösung. Und Sie haben die Lösung seit 20 Jahren, und die läuft - mit ganz viel Engagement und ganz viel Herzblut eines multiprofessionellen Teams." An die Absolventinnen und Absolventen gerichtet, sagte er mit Blick auf einen Sticker auf den Tischen mit der Aufschrift "Mein WLAN ist stärker als man will": Der Spruch passe nicht zu ihnen - "denn ihr habt offensichtlich mehr Willen als WLAN". Auch ein Vertreter der Industrie- und Handelskammer dankte der Schule für ihr jahrzehntelanges Engagement.

29 Zeugnisse und ein neuer Mutmacher-Preis

Im Mittelpunkt des Nachmittags stand die Zeugnisübergabe an 29 Absolventinnen und Absolventen, die Schulleiterin Claudia Müller-Elskamp gemeinsam mit den Klassenlehrkräften und Vertreterinnen und Vertretern der ausbildenden Betriebe vornahm. "29 junge Erwachsene, die in den letzten drei Jahren viel, viel geleistet haben. Ihr seid über euch hinausgewachsen, und da könnt ihr richtig stolz drauf sein", sagte Müller-Elskamp und rief als Erste die Schüler aus dem Berufsfeld Gastronomie und Lebensmittelverarbeitung nach vorne. Im Anschluss segnete Antonius-Seelsorger Pater Thomas die Absolventinnen und Absolventen, bevor erstmals der neu geschaffene "Mutmacher-Preis" verliehen wurde.

"Man kann es ja mal ausprobieren" - der erste Mutmacherpreis

Bislang trug die Auszeichnung den Namen "Möglichmacherpreis" und ging an Unternehmerinnen und Unternehmer, die Startbahn-Absolventinnen und -Absolventen eine Ausbildungsstelle und damit einen guten Start in ein selbstständiges Leben ermöglicht hatten. Zum 20-jährigen Jubiläum wurde der Preis quasi umgedreht: Diesmal ging der erste "Mutmacherpreis" an den ehemaligen Schüler Sebastian Mitrega. Der 23-jährige Petersberger absolviert derzeit eine dreijährige Ausbildung zum Helfer im Garten- und Landschaftsbau bei der Firma Peter Kümmel in Maberzell - im Herbst startet er in sein drittes Lehrjahr.

"Sebastian Mitrega ist ein Vorbild und ein Mutmacher für die heutigen Schüler der Startbahn", sagte Johannes Hohmann vom Unternehmernetzwerk Perspektiva. Mitrega habe sich mit Ehrgeiz und Einsatz in verschiedenen Berufsfeldern ausprobiert - unter anderem im Bereich Lebensmittel und Service, in einem Kloster, einer Spedition und einem Industriebetrieb -, bis seine Lehrerin ihn auf ein Praktikum bei der Firma Kümmel aufmerksam machte. "Man kann es ja mal ausprobieren", habe er sich gedacht - und genau das wurde zum Schlüssel für einen Berufsweg, der ihm bis heute Freude bereitet. Auch sein Chef Christoph Kümmel würdigte das Engagement: "Wir sind froh, dass du bei uns bist", sagte er, als Mitrega den Preis in Empfang nahm.

Eine Geschichte der Stärke

Eine ähnliche Wirkung des Startbahn-Konzepts zeigt sich bei den aktuellen Absolventinnen und Absolventen - etwa bei Julius Hofmann. Der 18-Jährige mit ausgeprägtem ADHS wechselte nach der Antonius-von-Padua-Schule direkt in den Bereich Gärtnerei und Landwirtschaft der Startbahn und sammelte früh Praxiserfahrung, unter anderem im Straßenbau und bei der Autobahnmeisterei. Inzwischen hat er sich zwischen zwei Ausbildungsverträgen entscheiden können: Im August beginnt er seine Vollausbildung beim Grünflächenamt der Stadt Fulda. Seine ADHS-Diagnose hat er im Bewerbungsprozess offen angesprochen: "Manches fällt mir leicht, manches schwer. Da gibt es nichts zu verheimlichen", sagt er. "Die körperliche Arbeit im Grünen gibt mir Ruhe. Bei Mathe und Deutsch brauche ich halt mehr Unterstützung, aber das ist okay." Seine Mutter Sandra Hofmann ergänzt: "Für Julius und uns als Familie war die Startbahn ein Geschenk. Dass er heute eine normale Vollausbildung macht, hätten wir vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten."

Geschichten wie diese sind nach Angaben der Schule kein Einzelfall. "Wir übergeben alle Absolventinnen und Absolventen in Betriebe - entweder in eine theoriereduzierte oder eine reguläre Ausbildung oder direkt in eine Beschäftigung", sagt Schulleiterin Müller-Elskamp. Rund zwei Drittel der jungen Menschen starten demnach in einem Betrieb von Antonius, ein weiteres Drittel bei einem Mitgliedsunternehmen von Perspektiva. Insgesamt haben in den vergangenen 20 Jahren 515 Schülerinnen und Schüler die Startbahn erfolgreich abgeschlossen, in diesem Sommer sind es 31. Dass der Weg dorthin kein leichter ist, verschweigt Müller-Elskamp nicht: "Ich habe keine Wunderlampe unter dem Tisch, die junge Menschen auf Knopfdruck selbstständig macht. Es ist ein Prozess, der Zeit, Anstrengung und manchmal auch Reibung erfordert - aber sich immer lohnt."

Grußworte der Stadt und eine Überraschung für die Schulleiterin

In Vertretung von Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld und Bürgermeister Dag Wehner (beide CDU) überbrachte Stadträtin Susanne Jobst die Glückwünsche der Stadt Fulda. Die 20 Jahre seien gut angefüllt gewesen mit Engagement, Mut, Lernbereitschaft und gelebter Gemeinschaft, sagte sie und wünschte der Schule weiterhin viel Erfolg und viele Menschen, die den Weg mitgehen. Passend zur Fußball-WM überreichte Gertraud Sorg, die die Startbahn viele Jahre als Vorsitzende der St.-Antonius-Stiftung finanziell gefördert hatte, WM-Fußbälle für die Schulgemeinde.

Eine Überraschung gab es auch für Schulleiterin Claudia Müller-Elskamp: Nach dem Auftritt des eigens zum Jubiläum gegründeten Schulchores bedankte sich das Kollegium bei ihr mit einem Blumenstrauß für ihr Engagement und Herzblut. Müller-Elskamp gab das Lob zurück: "Das funktioniert nur, weil ich Kollegen habe, die für die Sache brennen." Anschließend startete das Fest mit Essen, Tombola und einem Konzert der Band Mambo Kingx; für Nachtisch sorgte Jubiläumseis der Bonifatius-Eisdiele.

Drei Jahre Zeit für die berufliche Orientierung

Die Startbahn ist eine staatlich anerkannte Ersatzschule mit derzeit rund 100 Schülerinnen und Schülern, die Jugendlichen mit Beeinträchtigungen nach der Förderschulzeit drei Jahre Zeit gibt, um sich beruflich zu orientieren und auf eine Ausbildung vorzubereiten - mit dem erklärten Ziel der Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt statt in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Für das kommende Schuljahr 2026/2027 sind nach Angaben der Schule noch wenige Plätze frei. (mmb) +++

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