Jury zu Besuch

Vom Verfall zum Vorbild: Grafenscheune bewirbt sich um Denkmalschutzpreis

Eine Jury führender Fachgremien besichtigte am Dienstag das sanierte Baudenkmal von Claudia und Hartmut Dietz.
Fotos: Christoph Blum

24.06.2026 / SCHLITZ - Eine Jury führender Fachgremien besichtigte am Dienstag das sanierte Baudenkmal von Claudia und Hartmut Dietz - Preisverleihung ist im September in Marburg. Das Schlitzer Ehepaar hat sich damit einen Lebenstraum erfüllt. Mehr als 200 Jahre stand sie da, zuletzt jahrelang leer und vom Verfall gezeichnet: die 1817 errichtete Grafenscheune unweit des spätbarocken Schlosses Hallenburg am Schlosspark Schlitz.



Heute ist aus dem einst maroden Kulturdenkmal wieder ein lebendiger Ort geworden - ein Mehrfamilienhaus mit insgesamt sieben Wohnungen: Außen traditionell und herrschaftlich, innen hochmodern. Wie vorbildlich diese Verwandlung gelungen ist, prüfte am Dienstag eine Fachjury vor Ort: Die Grafenscheune von Claudia und Hartmut Dietz gehört damit zu den nominierten Objekten für den Hessischen Denkmalschutzpreis 2026.

Am späten Dienstagnachmittag machte sich die Jury - besetzt mit Vertreterinnen und Vertretern der Denkmalbehörden, des Handwerks, der Fördernden sowie vergangener Preisträger - höchstselbst ein Bild vom Ergebnis der Sanierung. Angeführt wurde die Landesbehörde für Denkmalpflege von ihrem Präsidenten Prof. Dr. Markus Harzenetter, der zugleich den Juryvorsitz innehat. Insgesamt neun Objekte aus ganz Hessen stehen auf dem Reiseplan des Gremiums. Sie alle sind in die engere Auswahl für die renommierte Auszeichnung gekommen.

"Erhalt durch Nutzung" als Leitgedanke

Die Idee zum Erwerb und der Sanierung der alten Scheune entstand bei Abendspaziergängen: Seit 26 Jahren leben die Eheleute Dietz in der Stadt und betreiben in Schlitz ein Fachgeschäft für Augenoptik und Hörakustik. Auf ihren Feierabendrunden führte sie der Weg immer wieder an dem markanten Fachwerkbau vorbei. "Meine Frau und ich haben das alles zusammen durchgezogen. Es war ein Gemeinschaftsprojekt - und es war auch nur so zu stemmen", betonte Hartmut Dietz.

Ausgangspunkt war die Überzeugung, dass ein Kulturdenkmal langfristig nur überlebt, wenn es genutzt wird. Das erklärte Ziel der Eheleute: die alte Scheune denkmalgerecht sanieren, dringend benötigten, hochwertigen Wohnraum im Einklang mit dem angrenzenden Schlosspark schaffen und zugleich die Schlitzer Innenstadt beleben. Entstanden sind sieben Wohnungen - drei davon barrierefrei im Erdgeschoss, vier im Obergeschoss - bewusst in gemischten Größen um eine lebendige Hausgemeinschaft zu ermöglichen. Für die Bauherren ist das Haus zugleich Zukunftsperspektive: "Unser Plan ist, dass wir hier nach dem Ende unserer Berufszeit auch selbst wohnen und leben werden."

Wie fachgerecht vorgegangen wurde, zeigt schon der Auftakt: Bestandsaufnahme, Schadenskartierungen und eine 3D-Vermessung bildeten die Grundlage. Nicht denkmalwerte Einbauten wurden entfernt, die Fachwerkkonstruktion instand gesetzt, historische Feldbrandziegel ausgebaut, gereinigt und wieder eingesetzt. Entscheidend war dabei die Zusammenarbeit mit den Handwerkern vor Ort - echtes Teamwork mit viel Herzblut. Dass sich Denkmalschutz und moderner Anspruch nicht ausschließen, beweist die Technik im Inneren: Eine Haus-in-Haus-Konstruktion in Holzbauweise, Wärmepumpe, Photovoltaik und kontrollierte Wohnraumlüftung sorgen für einen energieeffizienten und komfortablen Betrieb.

Krisen, Kosten und behördliche Stolpersteine

Doch der Weg dorthin war holprig: Corona, der Ukraine-Krieg und kurzfristige Veränderungen in der Förderlandschaft beeinflussten die Planung zeitlich wie finanziell und das Projekt stand zwischenzeitlich sogar auf der Kippe. Hinzu kamen behördliche Stolpersteine: Obwohl mit der Schaffung von Wohnraum und dem Erhalt von Kulturgut zentrale Förderziele erreicht wurden, floss aus den einschlägigen Töpfen kein Geld - weil das Haus mehr als drei Wohneinheiten umfasst. Das bewusst gemischte Wohnkonzept fiel damit durchs Raster.

Wenigstens die energetische Sanierung ließ sich über die KfW teilweise fördern. Dass Denkmalschutz unverzichtbar ist, stellt Dietz dennoch nicht infrage: In der Nachkriegszeit sei vielerorts Raubbau an alten Fachwerkhäusern betrieben worden - auch in Schlitz sei die Notwendigkeit des Erhalts heute deutlich sichtbar. Für seine offenen Worte würdigte die Jury den gehaltvollen, ehrlichen Vortrag, bevor sie die Wohnungen selbst in Augenschein nahm.

Schlossensemble im Blick und Rückenwind aus dem Rathaus

Bürgermeister Heiko Siemon ordnete die Sanierung in den größeren Zusammenhang des Schlitzer Burgenensembles ein, zu dem auch Schloss Hallenburg als Sitz der Landesmusikakademie Hessen gehört. Wo einzelne Gebäude vernachlässigt würden, sei der Verfall rasch sichtbar - privates Engagement helfe, solche Bauten zu retten und das Gesamtbild aufzuwerten.

Private Investitionen, wie die der Familie Dietz, ergänzten dabei öffentliche Mittel, tragen Risiko und Kapitalaufwand und entlasteten so die Steuerzahler. Zugleich entstehe dringend benötigter Wohnraum auch jenseits der Ballungszentren - die Nachfrage in der Region, nicht zuletzt im Einzugsbereich Fuldas, sei demnach hoch. Konkret unterstützte die Stadt das Vorhaben mit neuen Anschlüssen, etwa für Glasfaser, sowie durch die Vermittlung wichtiger Kontakte vor Ort.

Ein Preis mit 40-jähriger Geschichte

Der Hessische Denkmalschutzpreis wird seit 1986 jährlich verliehen und feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Gestiftet wird er von der Lotto Hessen (25.000 Euro). Hinzu kommen 7.500 Euro der Hessischen Staatskanzlei für den Ehrenamtspreis. Die Jury setzt sich dabei aus Vertretern der Denkmalbehörden, der Hessischen Ministerien, des Handwerks, der Preistragenden des Vorjahres sowie der Stifter zusammen.

In vier Jahrzehnten sind so rund 280 Objekte aus ganz Hessen ausgezeichnet worden. Über 117 Millionen Euro aus dem Verkauf von Rubbellosen flossen seit 1986 in den Denkmalschutz. Für den diesjährigen Preis sind 19 Bewerbungen eingegangen. Über Anzahl und Art der Auszeichnungen entscheidet die Jury am Ende ihrer Inspektionsreise. Die feierliche Verleihung ist für den 10. September 2026 in der Eventlocation Lokschuppen in Marburg geplant. (Christoph Blum) +++

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