"Blaue Glücksorte in der Rhön"

Wenn die Rhön blau macht: Kühlende Glücksorte für warme Sommertage

Das Elsbachtal lädt zu einer Flussbegegnung ein
Alle Fotos: Julian Gick

25.06.2026 / REGION - Wenn die Sonne über den Kuppen der Rhön steht, die Luft über den Wiesen flirrt und selbst der Schatten unter alten Buchen kostbar wirkt, dann gibt es eigentlich nur eine vernünftige Richtung: hinaus ins kühle Blaue. Denn wer an heißen Tagen Abkühlung sucht, muss nicht gleich ans Meer fahren. Manchmal genügt ein Bach im Wald, ein See am Berg, ein Brunnen in der Stadt, ein kühler Luftzug am Gradierwerk oder eine Bank an einem Wasserfall. Genau solchen Orten widmet sich das neue Buch "Blaue Glücksorte in der Rhön".

Es lädt dazu ein, das Mittelgebirge von seiner erfrischenden Seite kennenzulernen: als Landschaft voller Quellen, Kaskaden, Teiche, Badestellen, Mooraugen, Soleluft und ruhiger Uferplätze. Die Rhön ist nicht nur Land der offenen Fernen, der Basaltkuppen und Wiesenhänge. Sie ist auch ein Wasserschatz. Überall gluckert, rauscht, plätschert und spiegelt es. Manchmal ganz offensichtlich, manchmal ziemlich versteckt. Und gerade an Sommertagen, wenn die Hitze in den Gassen liegt und die Feldwege stauben, werden diese blauen Orte zu kleinen Zufluchten des Alltags.

Ein besonders eindrucksvoller Ort ist die Kaskadenschlucht bei Sandberg. Dort sucht sich der Feldbach seinen Weg durch eine schmale, grüne Landschaftskerbe, fällt über Stufen, verschwindet zwischen Steinen, taucht wieder auf und begleitet Wandernde mit einem kühlen, gleichmäßigen Murmeln. Im Hochsommer ist es hier ein paar wohltuende Grade frischer als draußen auf den offenen Höhen. Unter alten Buchen, zwischen Farnen und feuchtem Gestein, kann man die Füße über dem Wasser baumeln lassen und der Hitze beim Davonfließen zusehen.

Ein Erlebnis anderer Art, also ein regelrechtes Eintauchen in die Kühle, findet man im Gradierwerk Bad Salzungen. Dort wird das Atmen selbst zum kleinen Sommererlebnis. Sole rieselt, Nebel steigt auf, salzige Luft legt sich fein auf Lippen und Haut, und plötzlich wird jeder Atemzug bewusster und vor allem merklich frischer. "Durch die Nase ein, durch den Mund langsam aus" – mehr muss man hier kaum können. Zwischen Gradierwänden, Inhalationsräumen und stillen Stegen darf man sich treiben lassen, langsam werden, tief Luft holen. Draußen brennt vielleicht die Sonne auf den Asphalt, drinnen befreit sich die Brust mit jedem Atemzug ein wenig mehr.

Wilder und uriger wird es im Elsbachtal bei Oberelsbach, dort, wo der Teufelskeller unterhalb des Gangolfsberges seine blätterdunkle Kühle bewahrt. Der Elsbach begleitet den Weg mit seinem hellen Plätschern, und wer möchte, schlüpft einfach aus den Schuhen und watet ein paar Meter durch das flache, klare Bergwasser. Über einem ragen Buchen auf, irgendwo klopft ein Specht, am Ufer surrt eine Schwebfliege, und das wenige Sonnenlicht funkelt punktuell in kleinen Kaskaden. Ein wunderbares Tal zum Langsamwerden. Ein wenig sagenhaft, fast verwunschen, zeigt sich indes die Teufelsmühle beim Holzberghof im Schwarzbachtal. Schon der Name klingt nach alter Rhöner Erzählung, nach dunklem Wald, Basaltfelsen und Geschichten. Unten am Wasserfall aber wird aus dem Schaurigen rasch etwas Wohltuendes. Eine Bank lädt dazu ein, Platz zu nehmen, den Rücken an die frischen Felsenwände gelehnt, den Blick auf das herabtropfende Wasser gerichtet. Feuchte Luft staut sich in der Senke, Farne wachsen aus den Ritzen, Moos überzieht Steine und Holz, und der Schwarzbach rauscht tiefer im Tal weiter.

Doch das Buch bleibt nicht bei diesen Orten stehen. Es führt auch an die Große Nalle bei Gersfeld, wo ein dunkler Bergsee tief unterhalb eines felsigen Aussichtspunktes verborgen liegt und die Rhön wie ein kleines Geheimnis in den Berg gelegt scheint. Es nimmt mit zur Brunnen- und Wandelhalle in Bad Kissingen, wo Heilwässer ausgeschenkt werden und Wasser nicht einfach getrunken, sondern fast zeremoniell genossen wird.

Es lädt ein ins Schwarze Moor, wo kalter Matsch zwischen den Zehen und klare Hochrhönluft einen Sommertag herrlich erden. Es folgt der Fuldaquelle an der Wasserkuppe, wo der Ursprung eines großen Flusses ganz unscheinbar und doch kraftvoll erlebbar wird. Und es macht Station an der Bernshäuser Kuppe, dessen jadegrünes Wasser wie ein stilles Auge in der Landschaft liegt, oder am benachbarten Schönsee, der zu einem Sprung ins kalte Nass einlädt.

"Blaue Glücksorte in der Rhön" ist eine Einladung, bekannte Landschaften neu zu sehen. Nicht nur von Gipfeln und Aussichtspunkten aus, sondern vom Ufer her, vom Bachbett, vom Brunnenrand, vom schattigen Teich und vom kühlen Grund einer Schlucht. Es zeigt die Rhön als Sommerlandschaft voller kleiner Fluchten und leiser Entdeckungen.

Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis für heiße Tage: Man muss der Hitze nicht entkommen, indem man weit wegfährt. Man kann ihr auch in der Rhön ein Schnippchen schlagen. Mit nackten Füßen im Bach. Mit einem Sprung in den Bergsee. Mit einem tiefen Atemzug Soleluft. Mit einer Pause am Wasserfall. Oder einfach mit einem stillen Platz am Ufer und einem kalten Getränk in der Hand.

Blaue Glücksorte in der Rhön hat 168 Seiten, kostet 16 Euro und ist überall im Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-7700-2740-8

Über den Autor

Aufgewachsen im idyllischen Mittelgebirge der Rhön, ist Julian Gick schon von Kindesbeinen an durchs Kneipptretbecken gelaufen und kennt inzwischen selbst das verborgenste Moorauge. Auf geruhsamen Ausflügen entdeckt der leidenschaftliche Wanderführer in den ausgedehnten Bergen immer wieder neue Schätze, die er gerne mit anderen Naturbegeisterten teilt. (pm/ci)+++

X