Audio-Guide von Schülern

Stolpern, erinnern, nachdenken - Wenn Geschichte ihre Stimme zurückerhält

"Stolpern – Erinnern – Nachdenken": Unter diesem Leitmotiv haben die Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2025/26 einen Audio-Guide geschaffen, der weit mehr ist als eine Stadtführung.
Fotos: Jürgen Böthig

11.06.2026 / BAD HERSFELD - Ein Rundgang durch die Stadt ist immer auch ein Gang durch die Zeit. Doch wer in Bad Hersfeld heute innehält, um auf den Boden zu blicken, entdeckt mehr als nur Pflastersteine. Seit kurzem hallen dort, wo einst das alltägliche Leben jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger pulsierte, leise Stimmen aus der Vergangenheit wider. Dank eines beeindruckenden Projekts der Klasse G10 der Gesamtschule Geistal.



"Stolpern – Erinnern – Nachdenken": Unter diesem Leitmotiv haben die Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2025/26 einen Audio-Guide geschaffen, der weit mehr ist als eine Stadtführung. Er ist ein akustisches Denkmal, das die Geschichten hinter den 75 Stolpersteinen in Bad Hersfeld aus der Anonymität der Vergangenheit befreit.

Vom Marktplatz bis zur Bahnhofstraße

Der Rundgang führt nicht durch Museen, sondern zu den Orten, an denen die Verfolgung, Ausgrenzung und Vernichtung stattfanden. Mitten unter uns. An zehn Stationen zwischen dem historischen Marktplatz und dem ehemaligen Ghettohaus in der Bahnhofstraße werden 23 jüdische Schicksale stellvertretend für alle Opfer des Holocaust in Bad Hersfeld beleuchtet.

Es sind Geschichten, die unter die Haut gehen: von Schülern, die ihr Gymnasium aus "rassischen" Gründen verlassen mussten; von Nachbarn, die sich abwandten; von der zerstörerischen Gewalt der Pogromnacht am 8. November 1938 und dem Brand der Synagoge, der sogar international bis in die New Yorker Daily News für Entsetzen sorgte. Bis hin zu den unvorstellbaren Grausamkeiten, wie den Erschießungen in Kaunas.

Geschichte greifbar machen

Das Projekt verbindet historische Tiefe mit moderner Vermittlung. Als Grundlage dienten die akribisch recherchierten Biografien von Dr. Heinrich Nuhn. Doch die lebendige Stimme verleihen diesen Dokumenten die Jugendlichen selbst: Clara, Malena und Daniel leihen ihre Stimmen den Texten, die so behutsam wie eindringlich vorgelesen werden.

Die Gestaltung des begleitenden Flyers, die Konzeption der Karte und das Layout der QR-Codes. Alles lag in den Händen der Schülerinnen und Schüler. So ist ein Projekt entstanden, das Geschichte nicht nur lehrt, sondern erlebbar macht. "Gerade für junge Menschen bietet es die Möglichkeit, Erinnerungskultur aktiv zu erleben", betonte die Projektleiterin und Religionslehrerin Janine Apel-Hermann bei der feierlichen Eröffnung, bei der neben Bürgermeisterin Anke Hofmann, Schulleiterin Andrea Zimmermann auch Gäste aus der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit anwesend waren.

Ein lebendiges Mahnmal

Besonders berührend ist die Station am Hanfsack, die durch eine Verbindung zu Anne Frank eine unerwartete Perspektive auf die lokale Geschichte eröffnet. Ob vor dem Haus der Familie Metzger am Markt oder am ehemaligen Ghettohaus. Der Audio-Guide lädt dazu ein, den Blick zu heben und zu verstehen: Das Leid fand nicht in der Ferne statt, es geschah in den Häusern unserer Nachbarn. Der Rundgang endet an der Bahnhofstraße 11, mit dem Blick auf den Bahnhof, den Ort, von dem aus so viele Menschen in den Tod deportiert wurden. Die Worte, die den Abschluss bilden, hallen lange nach: "Denn der Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist."

Mit diesem Audio-Guide hat die G10 der Gesamtschule Geistal dafür gesorgt, dass diese Namen und ihre Geschichten in Bad Hersfeld nicht nur bewahrt, sondern wachgehalten werden. Es ist eine Einladung an alle Bürgerinnen und Bürger sowie Gäste der Stadt: Bleiben Sie stehen, hören Sie zu und tragen Sie dazu bei, dass das Erinnern lebendig bleibt. (Jürgen Böthig) +++

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