Radikaler Sparvorschlag der KV Hessen
"Es ist eine Trotzreaktion!": Große Empörung bei Hessens Apothekern
In der Vergangenheit protestierten Apotheker mehrfach und Deutschlandweit gegen das "Kaputtsparen". Ein Vorschlag der KV Hessen sorgt für Empörung
Archivfotos: O|N
11.06.2026 / REGION -
Vor kurzem schlug ein extremer Sparvorschlag der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV Hessen) riesige Wellen in der Bevölkerung und sorgte insbesondere unter den Apothekern für weitreichende Empörung. Nun meldete sich der Hessische Apothekerverband (HAV) zu Wort und erklärte, wie absurd und schlecht umzusetzen die Idee der KV Hessen sei. Der Verbandsvorsitzende Holger Seyfarth äußerte sich noch am Dienstag zur Sachlage.
Nach Ansicht der KV Hessen solle man aktuell die Notwendigkeit von Apotheken im Allgemeinen infrage stellen: Dabei müsse man überlegen, ob es sich lohnt, Strukturen zu stützen, die zum Großteil Fertigarzneimittel, Zusatzprodukte oder Kosmetik abgeben. Man könne, um Geld einzusparen, auch Abgabestellen in Drogeriemärkten einrichten und das Personal dementsprechend schulen. Der HAV sieht die Lage allerdings ganz anders.
Apotheken machen mehr als "nur" Arzneimittel abgeben
Apotheken geben schon lange nicht nur Arzneimittel ab und beraten, sondern übernehmen noch viele weitere Aspekte der medizinischen Nahversorgung. "Wer Apotheken im Kern als Abgabestellen für Packungen beschreibt, blendet zentrale Versorgungsleistungen vollständig aus", erklärte Holger Seyfarth in einer Stellungnahme zu den Vorschlägen und beschreibt sie als "gefährlich verkürzten Blick auf die Arzneimittelversorgung". Apotheken sichern zudem nicht nur die Versorgung mit Fertigarzneimitteln. "Sie prüfen Verordnungen, erkennen Wechselwirkungen, lösen Lieferengpässe, beraten zur sicheren Anwendung und stellen Arzneimittel individuell her – etwa Dosierungen für Säuglinge und Kleinkinder, Rezepturen für schwerkranke Patientinnen und Patienten oder sterile Zubereitungen für onkologische Therapien", fügte Seyfarth hinzu.
Besonders wenn es um sensible Versorgungsbereiche und Medikamente für beispielsweise Krebspatienten oder starke Schmerzmittel geht, schätzt der HAV eine Versorgung aus dem Drogerieregal als höchst problematisch ein. Auch wirtschaftlich würde die Umsetzung des Vorschlages nach Ansicht von Holger Seyfarth wenig Sinn ergeben: "Rund 85 Prozent des Apothekenumsatzes entstehen durch verschreibungspflichtige Arzneimittel, die von Ärztinnen und Ärzten verordnet werden. Diese Arzneimittelkosten verschwinden nicht, wenn man Apotheken abschafft."
Ist der Vorschlag der KV Hessen eine Trotzreaktion?
Eine wichtige Aufgabe, die Apotheker insbesondere seit der Corona-Pandemie übernehmen, ist zudem auch das Impfen. Bisher sind die Befugnisse der Apotheker noch beschränkt - Grippeimpfungen können aber beispielsweise auch von geschulten Apothekern durchgeführt werden. Hierzu wird in der Politik weiterhin darüber diskutiert, inwiefern man das Angebot erweitern kann. Nach Ansicht von Apothekerin Christine Zentgraf aus Hilders (Landkreis Fulda) könnte der radikale Vorschlag der KV eine Trotzreaktion darauf sein, dass Apotheker immer mehr die Aufgaben von Ärzten übernehmen. "Dass das bei den Ärzten nicht gut ankommt, ist klar und ich kann ihren Unmut nachvollziehen", erklärte sie gegenüber OSTHESSEN|NEWS.
Natürlich müsse man über Weiterentwicklung sprechen - das sieht auch der HAV so. "Aber wer ernsthaft glaubt, Apotheken ließen sich durch Versandhandel, Fahrdienste, Drogerie-Abgabestellen und einige Regionalapotheken ersetzen, verwechselt Arzneimitteltherapiesicherheit mit Paketlogistik", betont Holger Seyfarth. Das sei weniger eine Reform, sondern eher eine Ausdünnung der Versorgungslage, unter der im Endeffekt diejenigen leiden, die ihre Medikamente dringend benötigen.
Apotheken einfach "abzuschaffen" und die Arzneimittelversorgung über Umwege zu lösen, kann also keine umsetzenswerte Reform sein. Menschen, die Medikamente benötigen, sind auf fachlich kompetente Beratung und das Wissen der Apotheker angewiesen - das lässt sich auch nicht so einfach durch Schulungen für Drogeriemarkt-Personal ersetzen. In Zeiten, in denen viele Apotheken durch Sparmaßnahmen aussterben, ist der Vorschlag der KV Hessen definitiv als sehr kritisch zu betrachten - aus Verbraucher- und Apothekersicht. (pg) +++