"Wird zur Unterversorgung kommen"
Geplantes Sparpaket der Bundesregierung: Osthessens Kliniken schlagen Alarm
Fotos: Moritz Pappert
08.06.2026 / FULDA -
Die Lage ist brisant: Die Vorstände der Osthessischen Kliniken haben sich erstmals gemeinsam an einen Tisch gesetzt – die Botschaft, die sie dabei senden, ist eindeutig: Der aktuelle Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Krankenhausfinanzierung gefährdet die Gesundheitsversorgung. Davon ist auch die Region betroffen.
Schon jetzt ist die finanzielle Lage der deutschen Krankenhäuser dramatisch. Rund 75 Prozent der Kliniken schreiben rote Zahlen - die Kosten steigen, die Finanzierung wird immer schwieriger. Doch damit nicht genug. Die Bundesregierung um Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat kürzlich einen Gesetzentwurf, das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, vorgelegt. Der Entwurf sieht allein für das Jahr 2027 Kürzungen von 16,3 Milliarden Euro vor - um ein Milliardendefizit bei den Krankenkassen auszugleichen.
Beim Pressegespräch mit dabei waren: Priv.-Doz. Dr. Thomas Menzel und Michael Wilhelm (Vorstand Klinikum Fulda), Michael Sammet (Geschäftsführer Herz-Jesu-Krankenhaus), Sebastian Mock (Geschäftsführer Klinikum Hersfeld-Rotenburg) und Thomas Faust (Geschäftsführer Eichhof Krankenhaus).
Reformbedarf ja – aber nicht so
Dass das Krankenhauswesen reformiert werden muss, bestreitet keiner der Anwesenden. "Wir sehen erheblichen Reformbedarf und wollen uns am sinnvollen Umbau beteiligen", erklärte Menzel als Vorstandssprecher des Klinikums Fulda. Der Wille zur Veränderung sei da – doch der vorliegende Gesetzentwurf treffe die Kliniken zur falschen Zeit mit den falschen Mitteln. Was man fordere, seien konstruktive Vorschläge und ein überlegtes, abgestimmtes Vorgehen gemeinsam mit den Partnern vor Ort. "Der Gesetzentwurf muss grundlegend überarbeitet werden", so Menzel.Ein zentrales Problem sei die seit Jahren zu niedrige Investitionskostenfinanzierung durch die Länder. Eine bundesweite Umfrage unter 185 Krankenhäusern zeige die Lage: Rund 91 Prozent befänden sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation.
"Wirkt wie ein unkoordinierter Mittelabzug"
Vorstand Michael Wilhelm sieht die Qualität der Patientenversorgung durch den Gesetzentwurf gefährdet. Als Maximalversorger wolle man die Vorgaben ordentlich umsetzen, doch das aktuelle Regelwerk wirke "wie ein unkoordinierter Mittelabzug". Man warte noch immer auf die Zuordnung der Leistungsgruppen und fordere verlässliche Rahmenbedingungen, um den Transformationsprozess sinnvoll umzusetzen. "Wir wollen Qualität aufrechterhalten – aber mit den geplanten finanziellen Abschlägen werden wir ausgebremst", so der Wilhelm. Der Zustrom an Patienten sei zuletzt deutlich gestiegen, die finanziellen Mittel hingegen schrumpften.Ohne Trägerzuschüsse geht es nicht mehr
Sebastian Mock, Vorstand der Kliniken im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, machte die besondere Rolle seines Hauses deutlich: "Wir sind der größte Gesundheitsversorger im Landkreis – absolut notwendig für die Daseinsvorsorge." Aktuell komme man ohne Zuschüsse des Trägers nicht mehr aus. Eine Reform, die Qualität in den Fokus stelle, befürworte man grundsätzlich – "aber sie kann nicht zum Leidwesen der Kliniken umgesetzt werden." Das aktuelle Spargesetz drohe, hart Erarbeitetes zunichte zu machen. "Es müssen auskömmliche finanzielle Strukturen geschaffen werden", so Mock. Wettbewerbsnachteil für freie Träger
Thomas Faust vom Eichhof-Klinikum betonte die Notwendigkeit, trägerübergreifende Lösungen zu erarbeiten. Das GKV-Stabilisierungsgesetz führe dazu, dass die Finanzierungslast zunehmend auf kommunale Haushalte übergehe – für freie und gemeinnützige Häuser wie das Eichhof ein spürbarer Wettbewerbsnachteil. "Im schlimmsten Fall können freie gemeinnützige Häuser ihrem Auftrag nicht mehr gerecht werden", warnte Faust. Gemeinsam erarbeite man deshalb landkreisübergreifende Versorgungskonzepte. "Situation so prekär wie ich es noch nie erlebt habe"
Scharfe Worte fand auch St.-Vinzenz-Vorstand Michael Sammet. Bundesweit schreiben laut seinen Ausführungen bereits 80 Prozent der Kliniken rote Zahlen, 15 Prozent gelten als akut insolvenzgefährdet – im nächsten Jahr könnten es 30 Prozent sein. Bis 2030 könnte, wenn der Gesetzentwurf so kommt, die Hälfte aller deutschen Kliniken betroffen sein. "Man entzieht uns Geld, gibt uns aber keine Möglichkeit, darauf zu reagieren", so Sammet.