Koran von hinten nach vorn lesen

Akademieabend im Bonifatiushaus mit Koran-Experte Karl-Josef Kuschel

Gast der Akademie: Professor Karl-Josef Kuschel (rechts) und Akademiedirektor Gunter Geiger.
Fotos: Katholische Akademie Fulda

07.06.2026 / FULDA - Rund 80 Gäste haben einen Akademieabend der Katholischen Akademie Fulda im Bonifatiushaus besucht, bei dem der renommierte Theologe und Religionswissenschaftler Professor Karl-Josef Kuschel Einblicke in den Koran und dessen Bedeutung für den interreligiösen Dialog gab. Der langjährige Tübinger Wissenschaftler zeigte dabei auf, welche Gemeinsamkeiten Christentum, Judentum und Islam verbinden und warum Kenntnisse über die jeweils andere Religion eine wichtige Voraussetzung für ein friedliches Miteinander sind.



Akademiedirektor Gunter Geiger begrüßte den Referenten, der seit vielen Jahren zu den profiliertesten Stimmen des interreligiösen Dialogs im deutschsprachigen Raum zählt. Kuschel habe sich als Brückenbauer zwischen den Religionen einen Namen gemacht und zahlreiche Auszeichnungen für sein Engagement erhalten. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierungen sei die Bereitschaft zum Dialog von besonderer Bedeutung.

In seinem Vortrag machte Kuschel deutlich, dass der Koran für mehr als eine Milliarde Menschen weltweit heilige Schrift sei und daher auch für Christen von Interesse sein sollte. Interreligiöses Lernen sei heute keine akademische Nebensache, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.

Kuschel benannte den Auslöser, der ihn dazu brachte, sich intensiver mit dem Koran zu befassen. Es war ein Text von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Darin erzählt dieser von einer Begegnung mit dem ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat, jenem Staatsmann, der 1977 nach Israel reiste und dem langjährigen Feind zum Frieden die Hand reichte.

Auf einer nächtlichen Fahrt auf dem Nil sprachen die beiden Staatsmänner über die drei monotheistischen (Glaube an einen Gott) Weltreligionen. Dabei wies Sadat darauf hin, dass alle drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, glauben, von Abraham abzustammen. Im Koran wird Abraham – arabisch Ibrahim – als "Vater des Glaubens" bezeichnet. Ebenso macht der ägyptische Präsident deutlich, dass sich alle drei Religionen auf Moses als ersten der großen gemeinsamen Propheten berufen. Und: Moses ist ein ägyptischer Name. Auch die meisten anderen biblischen Propheten seien im Koran anerkannt: Noah, Ismael, Isaak, Jakob, Joshua, David und andere. Dazu Sadat: "All das wisst ihr Europäer nicht." Auch dass Jesus nach koranischer Auffassung der zweitwichtigste aller Propheten war. Nach ihm kam nur noch Mohammed, der allerdings über ihm steht.

Sadat wollte als Symbol dieser Gemeinsamkeiten auf dem Sinai direkt nebeneinander eine Moschee, eine Synagoge und eine Kirche errichten. Nach Sadats Ermordung 1981 wurde das Projekt nicht beendet. Professor Kuschel verwies darauf, dass Sadats Idee inzwischen verwirklicht wurde – in einem anderen arabischen Land. Auf dem Abraham Family Campus in Abu Dhabi stehen Gotteshäuser der drei monotheistischen Weltreligionen direkt nebeneinander. Für Kuschel war die Lektüre von Schmidt/Sadat Ansporn, weiter zu forschen. Für ihn ist klar, dass es im Koran und in der Bibel Gemeinsamkeiten gibt, die eine Basis für den Dialog sind.

Zugleich warnte der Referent vor einem selektiven Umgang mit religiösen Schriften. Einzelne Verse aus Bibel oder Koran würden immer wieder aus ihrem Zusammenhang gerissen, um Vorurteile oder Feindbilder zu stützen. In der Theologie spreche man in diesem Zusammenhang von einer "Steinbruch-Exegese". Ein verantwortungsvoller Umgang mit den Texten müsse dagegen immer deren historischen und religiösen Kontext berücksichtigen.

Auch die häufig diskutierten Gewaltstellen im Koran seien nur vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit verständlich. Kuschel erläuterte die historischen Umstände der frühen islamischen Gemeinde und zog Parallelen zu Konfliktsituationen, die sich auch in den Texten des Neuen Testaments widerspiegeln.

Der Referent machte deutlich, dass Dialog nicht bedeute, Unterschiede zu verschweigen. Vielmehr gehe es darum, Gemeinsamkeiten zu erkennen und zugleich unterschiedliche Positionen respektvoll zu benennen. Nur auf dieser Grundlage könne ein echtes Verständnis zwischen Angehörigen verschiedener Religionen wachsen.

Die zahlreichen Nachfragen aus dem Publikum zeigten das große Interesse an dem Thema. Der Akademieabend bot den rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gelegenheit, den Koran aus einer wissenschaftlichen Perspektive kennenzulernen und neue Zugänge zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen zu entdecken. Die Veranstaltung endete mit langanhaltendem Beifall für den Referenten und der Erkenntnis, dass Dialog dort beginnt, wo Menschen bereit sind, voneinander zu lernen. (ems/pm) +++

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