"We try to win the hearts"

650 Kilometer mit dem Rad gegen den Hass und für ein anderes Bild vom Islam

Die Friedenstour geht von Berlin bis nach Groß-Gerau. Am Donnerstag waren die Fahrer in Fulda.
Fotos: Moonis Rana

04.06.2026 / FULDA - Sie tragen blaue Trikots, fahren mit einem Lächeln durch die Republik und haben sich vorgenommen, Vorurteile abzubauen, wo sie am hartnäckigsten sind. Unter dem Motto "Liebe für alle, Hass für keinen" radeln rund 30 Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde von Berlin bis ins Rhein-Main-Gebiet. In Fulda erzählten sie, warum gerade jetzt jeder Kilometer zählt.



Begonnen hat die Tour am 31. Mai in Berlin, im Hof der Khadija-Moschee in Pankow-Heinersdorf. Mit dem Startruf "Frieden, Frieden" und begleitet von einer Polizeieskorte ging es vorbei am Berliner Dom, am Brandenburger Tor und am Reichstag. Dann führte die Route quer durch die Republik: Leipzig, Erfurt, Fulda, bis ins Rhein-Main-Gebiet – über 650 Kilometer, verteilt auf mehrere anspruchsvolle Etappen.

Herzlicher Empfang für die Radfahrer

Als die Gruppe vor dem Erfurter Dom anhält, kommen sie schon von hinten: Passanten mit ihren Fahrrädern, die unbedingt mit aufs Foto wollen. "Hey, können wir uns dazustellen?" Selbstverständlich. Es sind Szenen wie diese, die in Erinnerung bleiben, wenn Ahyauddin Ahmad von der diesjährigen Friedensradtour erzählt. Er gehört zum Social-Media-Team, das die Radler mit Kamera und Sprinter begleitet, vorausfährt, hinterherfährt, Bilder und Videos sammelt. "Ich erinnere mich wirklich an kein negatives Feedback", sagt er. Kein Kopfschütteln, keine Abneigung, stattdessen Applaus, hochgereckte Daumen, neugierige Fragen aus dem Vorbeigehen: "Wer seid ihr? Wofür tut ihr das?"

Allein zwischen Erfurt und Fulda mussten die Radler bis zu 1.500 Höhenmeter bewältigen, mit Steigungen über mehrere Kilometer, teils im strömenden Regen, mit Rutschgefahr und Kälte. "So ist das auch im Leben", sagt Vorsitzender der Radsportgruppe, Imam und Theologe Ansar Bilal und lacht. "Es gibt Höhen und Tiefen und das spiegelt sich beim Radfahren wider." Gemeinsam hat die Gruppe in der Vorbereitung über 13.000 Trainingskilometer gesammelt. Ein leichter Ausflug sollte es nicht werden, und das wussten alle vorher.

Auf den blauen Trikots steht "Muslime für Frieden", auf dem Rücken das Motto "Liebe für alle, Hass für keinen", ein Leitsatz, den der vierte Khalif der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde prägte. Die Botschaft richtet sich bewusst an alle, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Glauben. "Wer würde das denn bitte nicht unterschreiben?", fragt Ahmad. Und tatsächlich schlossen sich in Berlin auch nichtmuslimische und christliche Radler an. In Fulda kamen zehn weitere dazu, sodass die Gruppe für die letzte Etappe nach Groß-Gerau auf rund 30 Fahrer anwuchs. Für ein gemeinsames Ziel, sagt Ahmad, kämen Menschen wieder zusammen, "Schulter an Schulter, an einem Strang".

Strecke bewusst gewählt

Dass die Route in diesem Jahr gezielt durch die ostdeutschen Länder führte, ist kein Zufall. "Im Osten gibt es oft weniger direkten Zugang zu muslimischen Mitbürgern, Vorurteile können dort leichter gedeihen", erklärt die Gemeinde. Man wolle eine "Brücke zwischen Ost und West" schlagen und Sichtbarkeit schaffen. Studien zeigten, so die Erfahrung der Organisatoren, dass persönliche Begegnungen, ein Besuch in der Moschee, ein Gespräch am Straßenrand, Vorbehalte zuverlässiger abbauen als alles andere. Gerade in Leipzig, das man eher als zurückhaltend erwartet hatte, sei der Empfang überraschend herzlich gewesen. In Erfurt, wo die Moschee nach jahrelangem Hin und Her erst kürzlich eröffnet wurde, bereitete der dortige Imam selbstgemachte Limonadencocktails für die erschöpften Fahrer.

Hinter der sportlichen Herausforderung steht ein ernstes Anliegen. Die Radler, darunter ein Arzt, ein Familienvater, ein Kanzleimitarbeiter, treten in einer Zeit globaler Krisen in die Pedale. "Wenn wir einen Blick auf die Weltlage werfen, sehen wir, dass die Situation sehr angespannt ist", sagt Ahmad und nennt die Konflikte in der Ukraine, in Gaza und zuletzt den eskalierten Krieg im Iran, der seit Februar 2026 die Schlagzeilen beherrscht. Die Menschen seien voller Ängste und Sorgen um die Zukunft. "Wir wollen diese Ängste ernst nehmen und den Menschen Hoffnung machen, dass es Menschen gibt, die den Frieden wollen." Der Islam, betonen die Radler, sei dabei Teil der Lösung, nicht des Problems.

Warum ausgerechnet die Ahmadiyya Muslim Jamaat solche Touren organisiert? Für Ahmad liegt die Antwort in der Struktur: "Alles braucht einen Antreiber." Wie eine Lokomotive, die die Waggons hinter sich herziehe. Die Impulse kämen vom geistigen Oberhaupt, dem Khalifen. Er verweist auf ein altes Schwarz-Weiß-Video, in dem der dritte Khalif nach seiner Mission in Europa gefragt wird. Dessen Antwort, lächelnd: "We try to win the hearts." Herzen gewinnen, das sagt Ahmad, gelinge nur, wenn man selbst mit Herz erfüllt sei. Deshalb seien die Radler mit einem Lächeln durch Deutschland gefahren.

Am Ende bleibt eine denkbar einfache Botschaft, getragen auf Trikots, in Herzen und über Hunderte Kilometer Asphalt. "When you love the creator", zitiert Ahmad den vierten Khalifen zum Abschied, "you must also love his creation." (pg/pm) +++

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