Königinnen auf Achse
Anja Gmeinwieser erhält den Fuldaer Literaturpreis für "Wir Königinnen"
Alle Fotos: Martin Engel
04.06.2026 / FULDA -
Der Fuldaer Literaturpreis hat 2026 in seiner achten Auflage eine wahre Königin gefunden. Geehrt wurde Anja Gmeinwieser für "Wir Königinnen" – ein Debüt, mit dem die Messlatte für künftige Preisträger:innen sehr hoch gelegt wurde. In der Jurybegründung hieß es, Anja Gmeinwieser nehme ihre Leserschaft mit "auf diese spannende, absurde, oft anrührende und manchmal auch todtraurige Reise quer durch Europa." Hat man erst einmal angefangen zu lesen, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Der OB wies in seiner Begrüßung darauf hin, warum Fulda den Literaturpreis aus der Taufe gehoben hatte: im Jahr 2019 – zur 1.275-Jahr-Feier der Stadt – habe man die Verbindung vom Kloster Fulda zur modernen Literatur ziehen wollen. Die Strahlkraft der Klosterschule sollte quasi übergehen in den Literaturpreis, der als Ermutigung verstanden werden will, selbst kreativ zu werden.
Lebenskrise im Piemont
Der Roman hat drei Teile: Berge, Straße, Grenze. In dieser Schmucklosigkeit und Reduktion, die sich auch durch den Roman zieht, liegt ein großer Teil des Reizes. Gmeinwieser erzählt eine Geschichte zwischen Western und Roadmovie, verheddert sich aber nie in Klischees oder Romantisierungen. Dafür sorgt schon das Setting. Die eine Königin ist die Ich-Erzählerin des Romans. Sie lässt für vier Wochen alles zurück: ihren Job als Lehrerin, Partner Swen, ihre Schwester Sara. Der Grund dafür ist eine Art Lebenskrise, der die Ich-Erzählerin mit einem Ausstieg auf Zeit begegnen will.Eine ungewöhnliche Begegnung
Als ihr die Lebensmittel auszugehen drohen, kommt es zu einer fast surrealen Begegnung: Auf einer Wiese steht ein LKW, darum herum grasen trächtige Kühe. Hier begegnet die Erzählerin Anna, die ihre Fracht von Frankreich in die Türkei bringt. Anna bietet der Wanderin an, sie ein Stück mitzunehmen. Man verständigt sich irgendwie – mit brüchigem Englisch oder Übersetzer-Apps. Anna gehört zu jener europäischen Unsichtbarkeit, ohne die der Westen längst zusammengebrochen wäre. Menschen, die unsere Alten pflegen, Tiere zerlegen, Spargel stechen, Waren transportieren – und deren Leben trotzdem immer prekär und immer am Rand der Wahrnehmung bleibt. Hochgespannter Intellektuellen-Drahtseilakt trifft auf erdigen Pragmatismus. "Ich regiere nicht die Welt. Ich mache nur meinen Job."- In unserer Familie Mutterschaft kommt immer eine Generation zu spät.
- Ich denke manchmal, meine Probleme sind Erste-Welt-Probleme. Ihr Problem ist eher ein Null-Welt-problem. Ein Minus-Erste-Welt-Problem.
- Ja, alles ist Scheiße, außer dem Geld, das du bekommst, aber ich liebe dich.
- Die Kühe sind euch sicher dankbar für eure Sympathie. Aber wie ihr seht, können wir hier nicht einfach eine Pause im Schatten machen, denn es gibt keinen Schatten. Wenn ich das Wetter ändern könnte, wäre ich nicht LKW-Fahrer.
- Du stehst hier wie ein Abgrund. Ich weiß kaum etwas über dich. Du bist Tourist in meinem Leben, du kannst alles sehen. Aber wenn ich dir eine Frage stellen, versteinerst du.
Unterwegs in einem erschöpften Europa
Tatsächlich erinnert "Wir Königinnen" manchmal an Roadmovies wie "Thelma & Louise" oder klassische Western wie "Red River". In Gmeinwiesers Roman fahren Frauen mit einem Viehtransporter quer durch ein erschöpftes Europa, das viele blinde Flecken hat. Sie suchen weder Ruhm noch Abenteuer, sondern ein Leben, das sich wieder echt oder doch wenigstens weniger brüchig anfühlt.
Beschwingt und bezaubernd
Kaffanke spielte im Percussion-Ensemble der Musikschule – Lisanna Tomazic, Lars Neuhaus, Jonas Wagner und Hagen Pfaff – die Stücke "Coming of Age" von Chad Henry (*1980) und "Ghanaia" von Matthias Schmitt (*1958), Elisha Ortlieb trug die Etüde "Hommage à Chopin" von Edvard Grieg (1843-1907) vor. Für Ensemble wie Solist gilt, was Julia Schröder in ihrer Laudatio auf Anja Gmeinwiesers Roman "Wir Königinnen" gesagt hatte: "geglückt – und beglückend."
Damit ging die diesjährige Literaturreihe mit einem stimmungsvollen Abend im bis auf den letzten Platz besetzten Fürstensaal zu Ende. (Jutta Hamberger) +++