Freiheitskämpfer und Sklavenhalter
USA, die Bipolare Nation - Professor Philipp Gassert zu den Gegensätzen
Fotos: Katholische Akademie Fulda
29.05.2026 / FULDA -
Das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" steht wie kein anderes für Vielfalt. Professor Philipp Gassert, Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim, nennt sie gar den "Markenkern" der USA. Er sprach im Rahmen der Ringvorlesung: 250 Jahre Vereinigte Staaten von Amerika – Demokratie, Macht und Gesellschaft", der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Katholische Akademie des Bistums Fulda.
Zum Auftakt des Akademieabends begrüßte Gunter Geiger die Gäste und führte pointiert in die Thematik des Abends ein. Zugleich stellte er den Referenten vor, der mit seinem aktuellen Buch: "USA – Die Bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat"; im Guten wie im Schlechten die widersprüchliche Geschichte und Gegenwart der Vereinigten Staaten beleuchtet. Gassert verband seinen Vortrag erstmals mit einer Lesung aus dem Buch – eine Kombination, die nach Geigers Resümee dem Abend eine besondere Lebendigkeit verlieh. Immer wieder schlug der Historiker dabei Brücken von historischen Entwicklungen zur Gegenwart. Und die heißt für ihn vor allem "Mr. T", wie er Präsident Donald Trump lieber nennt.
Zur "Vielfalt" in den USA zählen auch Gegensätze, die im "Land der Freien" nebeneinander bestehen. Da ist zum einen die Vorstellung von der Freiheitsstatue in New York als "Mutter der Migranten". Die Dichterin Emma Lazarus, geboren 1849, hatte jüdische Vorfahren, die aus Brasilien in die USA einwanderten. Sie schrieb 1883 in einem Gedicht mit Blick auf andere Länder: "Schickt mir eure Mittellosen, die Heimatlosen, hoffnungslos Zerlumpten, vom Sturm Gebeutelten … Den Abschaum schickt vom übervollen Strand. Am Goldnen Tor erheb ich meine Hand." Die Freiheitsstatue als Symbol von Asyl für alle Menschen. Gassert weist zugleich aber darauf hin, dass Lazarus damals auch Antisemitismus erlebte. Und es gab politische Kräfte, die sich gegen weitere Einwanderer aussprachen.
Der Historiker zeigte die Aufnahme einer Skulptur aus Pappmaché, die die Freiheitsstatue zum Vorbild hat. Es ist ein Werk der Künstlerin Kat Rodriguez. Statt der Fackel trägt die Figur eine Tomate in der einen Hand, mit der anderen umfasst sie statt der Unabhängigkeitserklärung einen Eimer mit Tomaten. In den USA arbeiten viele Einwanderer als Tomatenpflücker auf Feldern. Die Darstellung empörte Präsident Trump. Er ließ sie aus dem Museum und dem "Internet" entfernen, da es für ihn nicht zur 250-jährigen Geschichte der USA passen würde. Aber Gassert entdeckte das Kunstwerk zu seiner großen Überraschung vor kurzem in einer Ausstellung in Washington. "Auch das ist Amerika", meinte Gassert mit Blick auf diese Widersprüchlichkeit.
Eine Person, die Gegensätzliches – oder auch Paradoxes – in sich vereint, ist Thomas Jefferson. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung ist ein glühender Verfechter der Freiheitsrechte. Zugleich arbeiteten auf seinem Anwesen Monticello Sklaven für ihn. "Er weiß, dass er Unrecht hat. Aber er kann nicht ausscheren", erklärte Gassert zur Person Jeffersons.
Für den Historiker erzeugen gerade die Gegensätze eine Dynamik. So berufen sich Afroamerikaner auf die Verfassung, wenn sie ihre Rechte fordern: "Ihr versprecht es, löst es aber nicht ein." Und dies gelte nicht nur für die Politik. Es waren Afroamerikaner, die mit dem Jazz die Kultur der USA prägten. Es waren Nachfahren von Sklaven, die in den Norden der Staaten gingen. Viele Weiße lehnten den Jazz in den 1920er Jahren ab. Ähnliches gilt für den Rock’n’Roll in der Nachkriegszeit, der seine Wurzeln in den ärmeren Stadtvierteln hat und von dort die Welt eroberte.
In der anschließenden Fragerunde entwickelte sich ein lebendiger Austausch mit dem Publikum. Dabei ging es um "Mr. T", dessen Politik und Tabubrüche ebenso wie um einen Ausblick auf die Midterms und das Rennen um die nächste Präsidentschaft. Der Abend klang anschließend bei Gesprächen und Begegnungen am Büchertisch der Buchhandlung Uptmoor aus, wo zahlreiche Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit nutzten, mit dem Referenten ins Gespräch zu kommen und Bücher signieren zu lassen. (pm/mmb) +++