Literatur im Stadtschloss

Ronya Othmann, Zurück nach Syrien: Ein Land zwischen Hoffnung und Angst

Autorin Ronya Othmann bei ihrer Lesung im Stadtschloss
Fotos: Jutta Hamberger

28.05.2026 / FULDA - "Wie viele Regalmeter sind 54 Jahre Assad-Diktatur? Und wer wird sie nun sichern? (…) Ich bin entsetzt. Die Verbrechen des Assad-Regimes sind genauestens dokumentiert und ein Großteil davon liegt in diesen Räumen, unbewacht. Und das, während die Menschen noch nach Informationen über ihre vermissten Angehörigen suchen."



Eine unerschrockene Frau

In seiner Begrüßung dankte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld den Leserinnen und Lesern, die trotz der Pfingst-Hitzeglocke den Weg in den Fürstensaal nicht gescheut hätten. Ob es nun am Wetter oder dem Thema des heutigen Buchs lag – es waren doch deutlich weniger Besucher gekommen als bei den bisherigen Lesungen der Reihe "Literatur im Stadtschloss". Besonders schön, dass wieder eine Schulklasse da war, diesmal von der Ferdinand-Braun-Schule.

Mit großer Anerkennung zählte der Oberbürgermeister einige der vielen Preise auf, mit denen Ronya Othmanns Werk bereits ausgezeichnet wurde – ein Werk, das aus Romanen, Essays, Reportagen und Lyrik besteht, "also ein ganz besonders breites Wirkungsfeld", so der OB. Lilli Günther habe in NDR Kultur dafür geworben, Othmann zu lesen, denn sie sei eine politische Autorin, die sich einmische. In der ZEIT habe Zelda Biller geschrieben, ihre Texte seien "Zeugnisse, die Wahrheiten und Unsicherheiten sicherten, die wir hier im naiven Westen dringend bräuchten."

Jubel und Zweifel

Kurz nach dem Sturz des Regimes im Dezember 2024 und dann nochmals im April 2025 reist Ronya Othmann gemeinsam mit ihrem Vater nach Syrien. In vielen Städten feiern die Menschen. Auch in Deutschland gehen Exil-Syrer auf die Straße. "Mein Vater und ich gehen nicht auf die Straßen, wir jubeln nicht, obwohl wir den Sturz des Regimes immer ersehnt haben. Wir haben Angst."

Othmanns Vater ist ein staatenloser jesidischer Kurde. 1980 floh er vor Assad, später folgten weitere Familienangehörige. Viele westliche Reaktionen, in denen der neue starke Mann Ahmed al-Sharaa – sein islamistischer Kampfname lautete Al-Dscholani – nahezu kritiklos gefeiert wurde, hätten sie zutiefst irritiert. Der Genozid an den Jesiden schien immer weiter aus dem Blick zu geraten. Sie fragt sich: Spielen Minderheiten keine Rolle mehr? Stören sie das Bild einer einfachen politischen Erzählung?

Sieg für die Freiheit?

In Syrien spricht Othmann mit sehr unterschiedlichen Menschen, Freunden und Verwandten, Angehörigen der verschiedenen Ethnien des Landes – geduldig, zuhörend, vorsichtig nachfragend. Sie will verstehen, wie die Stimmung im Land ist und was der Machtwechsel für Minderheiten bedeutet. Gegenwart und Vergangenheit verknäulen sich dabei immer wieder. Die Folgen jahrzehntelanger Unterdrückung sind überall sichtbar. Fast sechzig Jahre lang herrschte die Familie Assad wie ein Mafia-Clan über das Land – das schüttelt man nicht einfach so ab.

Othmann beschreibt die Gleichzeitigkeit von Aufbruch und Unsicherheit: die Freude über Besucher, die Gastfreundschaft der Menschen, die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit – aber auch die Angst vor dem, was noch kommen könnte.

Über allem steht die Frage, ob der 8. Dezember 2024 tatsächlich ein Tag der Freiheit war: "Die Frage ist nicht, ob Diktatoren gestürzt werden. Irgendwann fällt jede Diktatur. Die Frage ist, wie viel Zerstörung sie bis dahin anrichten. Und was danach kommt." Liest man diese Sätze im Frühjahr 2026, während neue Konflikte im Nahen Osten eskalieren und in Syrien erneut Massaker verübt wurden, wirken sie noch bedrückender. Immer wieder schildert Othmann Begegnungen, die zeigen, wie sehr die Menschen die jahrzehntelange Diktatur verinnerlicht haben.

Ein Land entdeckt sich selbst

Besonders eindrücklich und gleichermaßen bedrückend sind die Szenen im Saidnaya-Gefängnis. "Noch vor zwanzig Tagen existierten außer Satellitenbildern keine Aufnahmen dieses Ortes. Die Gefangenen wurden mit verbundenen Augen hergebracht. Sie verbrachten hier Jahre, manchmal Jahrzehnte, starben an Hunger, Krankheiten, Folter oder wurden ermordet. Was wir über Saidnaya wissen, wissen wir von den wenigen, die überlebt haben."

Auch der Besuch im Camp Al-Hol im nördlichen Syrien lässt einen nicht los. Hier sitzen zehntausende IS-Anhänger mit ihren Familien. Aber: Die kurdischen SDF-Kräfte haben sich zurückgezogen und keinerlei Kontrolle mehr – nicht über das, was ins Lager geht, und nicht über das, was aus dem Lager verschwindet. Die Flucht ist leicht. Jeden Tag werden Menschen ermordet. Die Kinder wachsen hier in der Ideologie der Dschihadisten auf – eine Gefahr nicht nur für Syrien, sondern für die ganze Welt.

Viele Gespräche im Buch zeigen außerdem, wie wenig die Syrer selbst über ihr eigenes Land wussten. Die einen sind überrascht, dass es Jesiden gibt. Andere erfahren erst jetzt, dass Kurden jahrzehntelang staatenlos waren. Nach Jahrzehnten der Diktatur wirkt Syrien wie ein Land, das sich selbst erst wieder kennenlernen muss: "Die langen Jahre der Diktatur haben dieses Land sich selbst gegenüber fremd gemacht. Die einen wissen nichts von den anderen."

Ein historischer Moment

"Rückkehr nach Syrien" liest sich wie ein literarisches Tagebuch oder eine literarische Reisereportage. Szene folgt auf Szene, Eindrücke, Gespräche und Beobachtungen drängen dicht aufeinander. Manchmal verliert man dabei ein wenig die Orientierung. Mehr Struktur – etwa durch Kapitel oder stärkere Kürzungen – hätte dem Buch vermutlich gutgetan. Und doch liegt in dieser Unmittelbarkeit auch seine Stärke. Othmann schreibt aus der Nähe, aus der Verunsicherung heraus, aus einem Moment, in dem noch nichts entschieden und alles möglich ist.

"Zurück nach Syrien" ist ein sehr persönliches und ein sehr ehrliches Buch: Ein Land hat seine Diktatur verloren – aber seine Zukunft noch nicht gefunden. Seine Autorin ist sichtlich bewegt beim Lesen oder Erklären zwischen den Passagen. Denn sie schreibt nicht über irgendein Land, sondern über die Heimat ihres Vaters. Diese Mischung aus Familiengeschichte und Reportage ist reizvoll.

Othmann erinnert uns an eine sehr einfache Wahrheit: Kriege werden selten in der letzten Schlacht entschieden, sondern in der langen, mühsamen Arbeit danach: wenn es darum geht, ein zerstörtes Land wieder aufzubauen und seinen Menschen eine Perspektive zu geben. Es konnte an diesem Abend kein optimistisches Ende geben – das macht die Autorin mit einer leisen Frage gegen Ende der Lesung klar: "Was kann, wenn es einmal verloren ist, wiedergewonnen werden?"

Der Applaus wirkte an diesem Abend nachdenklicher als sonst. (Jutta Hamberger)+++

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