Fuldaer Bischof Gerber vor Ort
Gespaltene Gesellschaft, gemeinsame Haltung: Impulse vom Katholikentag
Fotos: Bistum Fulda / Burkhard Beintken
16.05.2026 / WÜRZBURG -
Zusammenhalt wächst dort, wo Menschen zuhören, Haltung zeigen und konkrete Erfahrungen gemeinsamer Verantwortung machen. Diese Grundlinie prägte beim Katholikentag in Würzburg das Podium "Gespaltene Gesellschaft, geeinte Haltung", das mehr als 800 Menschen besuchten. Unter den Zuhörenden war auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Steinmeiers Ehefrau Elke Büdenbender, der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber, Prof. Dr. Marcel Lewandowsky und Frieda Himstedt warben für demokratische Gesprächskultur, klare Werte und neue Erfahrungsräume.
Bischof Dr. Michael Gerber hat beim 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg betont, dass Kirche Orte schaffen müsse, an denen Menschen Würde, Selbstwirksamkeit und Verantwortung für andere erleben. Gerade in Krisen und Verlusterfahrungen komme es darauf an, sich nicht über Kränkungen zu definieren, sondern über das Potenzial, das Menschen geschenkt sei, sagte Gerber während der Podiumsdiskussion "Gespaltene Gesellschaft, geeinte Haltung".
Großes Interesse
Das Interesse an der Podiumsdiskussion über Polarisierung, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt war so groß, dass zeitweise keine weiteren Besucherinnen und Besucher mehr in die evangelische Kirche St. Johannis in Würzburg eingelassen werden konnten.Unter dem Titel "Gespaltene Gesellschaft, geeinte Haltung" diskutierten Elke Büdenbender, Juristin und Ehefrau des Bundespräsidenten, Bischof Dr. Michael Gerber, Bischof von Fulda und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Prof. Dr. Marcel Lewandowsky und Frieda Himstedt, Referentin für historisch-politische Bildung an der Katholischen Akademie des Bistums Hildesheim, beim 104. Deutschen Katholikentag über gesellschaftliche Polarisierung, demokratische Kultur und die Frage, wie Menschen in Krisenzeiten gesprächsfähig bleiben können.
Zuhören lernen
Elke Büdenbender warb für Zuhören, Nachfragen und klare Haltung. Haltung zu zeigen, bedeute zugleich, andere Menschen ernst zu nehmen, ihre Erfahrungen zu erfragen und im Gespräch zu bleiben, statt sich vorschnell voneinander abzugrenzen. Mit Blick auf soziale Netzwerke im Internet sprach sie sich dafür aus, digitale Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Freiheit bedeute immer auch Verantwortung für andere Menschen und für das gesellschaftliche Zusammenleben.Frieda Himstedt betonte die Bedeutung politischer Bildung und demokratischer Gesprächskultur. Zuhören müsse eingeübt werden, ebenso wie die Fähigkeit, menschenfeindlichen Positionen zu widersprechen, ohne jede Beziehung abzubrechen. Menschen könne man annehmen, ohne ihre populistischen Positionen unwidersprochen zu lassen.
Erfahrungsräume schaffen
Bischof Dr. Michael Gerber betonte, dass demokratische Haltung und gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht abstrakt entstünden, sondern in konkreten Erfahrungsräumen wachsen müssten. Gerade kirchliche Kinder- und Jugendarbeit könne jungen Menschen Schlüsselerfahrungen ermöglichen, in denen sie Selbstwirksamkeit und Verantwortung für andere erlebten. Als Beispiel verwies Gerber auf ehrenamtliches Engagement beim Katholikentag sowie auf die bevorstehende "72-Minuten-Aktion" im Zusammenhang mit dem bundesweiten Ehrentag, den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Geburtstag des Grundgesetzes ausgerufen hat. Werte ordnen
Mit Blick auf rechtspopulistische und abschottende Positionen machte Gerber deutlich, dass es aus christlicher Sicht nicht nur um einzelne politische Streitfragen gehe, sondern um die Ordnung der Werte. Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und Verantwortung über das eigene Kollektiv hinaus seien grundlegende universale Werte. Andere Anliegen wie Heimat oder Sicherheit könnten ebenfalls Bedeutung haben, dürften aber nicht an die erste Stelle treten. "Schutz der Heimat vor Fremden ist kein universaler Wert", sagte Gerber. Wenn ein solcher Schutzgedanke zum obersten Maßstab werde, würden universale Werte nachrangig.Darin liege für ihn ein "kategorialer Unterschied" zu rechtspopulistischen Positionen, sagte Gerber. Bei demokratischen Parteien gebe es trotz unterschiedlicher Schwerpunkte gemeinsame Anknüpfungspunkte und ein Ringen um Fragen wie soziale Gerechtigkeit, Schöpfungsverantwortung oder Menschenwürde. Wo jedoch Abschottung und Ausgrenzung an die Stelle universaler Verantwortung träten, gehe es um eine andere Kategorie des Dialogs.
Die Deutsche Bischofskonferenz habe sich in dieser Frage bewusst klar positioniert, sagte Gerber. Trotz unterschiedlicher Einschätzungen in vielen anderen Themen gebe es hier eine gemeinsame und einstimmig getragene Linie.
Würde stärken
Gerber sprach auch über persönliche und gesellschaftliche Erfahrungen von Verlust und Krise. Viele Menschen erlebten gegenwärtig Verunsicherung, Kränkungen und die Sorge, Kontrolle zu verlieren. Entscheidend sei jedoch, sich nicht über solche Erfahrungen zu definieren, sondern über die eigene Würde und das Potenzial, das Menschen geschenkt sei.Auch Kirchengemeinden stünden vielfach vor schmerzlichen Veränderungen und Verlusterfahrungen, sagte Gerber mit Blick auf notwendige Strukturveränderungen. Gerade dann stelle sich neu die Frage, welchen Auftrag Kirche und christlicher Glaube heute konkret in der Gesellschaft hätten. Mit Blick auf das bevorstehende Pfingstfest warb Gerber dafür, nicht in Angst oder Abschottung zu verharren. Christlicher Glaube bedeute, aufzustehen, Verantwortung zu übernehmen und sich für das Gemeinwohl einzusetzen.
Impulse aus dem Publikum
Veranstaltet wurde das Podium von der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland (AKSB), der Arbeitsgemeinschaft katholischer Akademien in Deutschland sowie der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschlands. Begrüßt wurden die Teilnehmenden unter anderem vom AKSB-Vorsitzenden Gunter Geiger, zugleich Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Fulda.Moderiert wurde das Podium von Katja Sinko. Fragen und Impulse aus dem Publikum brachten AKSB-Geschäftsführerin Andrea Rühmann und Niklas Wagner als "Anwältin und Anwalt des Publikums" in die Diskussion ein. (js/pm)+++