"Patienten droht schlechtere Versorgung"

Geplante Gesundheitsreform ruft niedergelassene Ärzte auf den Plan

Demonstranten am 1. Mai in Berlin protestieren gegen die Reformpläne der Gesundheitsministerin.
picture alliance / Ipon | Stefan Boness

16.05.2026 / FULDA - Massive Kritik üben derzeit Mediziner an der geplanten Gesundheitsreform von Gesundheitsministerin Nina Warken. Zwar herrscht Konsens darüber, dass im Gesundheitswesen großer Reformbedarf und akute Geldnot bestehen, doch in der Konsequenz der geplanten einschneidenden Maßnahmen fürchten Ärztinnen und Ärzte eine Verschlechterung der Versorgung von Patienten, mehr Bürokratie und schlechtere Vergütung. Das Gesetzesvorhaben wird als praxisfremd und belastend kritisiert.



In der aktuellen Debatte haben sich auch die im Verein "Ambulante Medizin Osthessen e.V." (AMO) zusammengeschlossenen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte aus der Region zu Wort gemeldet. Der Vorstand des Vereins, Dr. med. Eric Schlaudraff, Dr. med. Beate Jetz, Dr. med. Silvia Steinebach und Tobias Plücker, begründet im Folgenden seine Ablehnung der Pläne und fordert dringend deren Überarbeitung unter Mitarbeit von kompetenten Medizinern.

Arztpraxen werden wegen Mittelkürzungen ihre Sprechzeiten verkürzen müssen

Die Mittel für die ambulante Versorgung von gesetzlich Krankenversicherten sollen mit der Reform drastisch gekürzt werden. Die Arztpraxen, die bereits seit Jahren am Limit arbeiten, werden ihre Sprechzeiten reduzieren müssen. Bis zu 46 Millionen Behandlungsfälle pro Jahr könnten dann nicht mehr versorgt werden.

Nach den aktuellen Plänen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes sollen allein im ambulanten Bereich bis 2027 rund 2,7 Milliarden Euro eingespart werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt bereits vor einem erwarteten Rückgang von rund 46 Millionen ambulanten Behandlungsfällen pro Jahr aufgrund fehlender Finanzierung.

Das wird sich für Patienten verändern:

Geplant sind steigende Zuzahlungen von 7,50 bis 15 Euro pro Rezept – mit möglicher weiterer Dynamisierung. Besonders betroffen wären ältere Menschen, chronisch Kranke und Patienten mit dauerhaft hohem Medikamentenbedarf. Damit würde die finanzielle Belastung vieler Patientinnen und Patienten deutlich steigen.

Bewährte Präventionsleistungen geraten zunehmend unter wirtschaftlichen Druck und werden eingeschränkt. Das Hautkrebsscreening steht exemplarisch für die Sorge vieler Ärztinnen und Ärzte, dass Präventionsangebote künftig teilweise aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen verdrängt und vermehrt nur noch als individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten werden könnten. Dabei gilt gerade Prävention medizinisch wie gesundheitspolitisch als entscheidender Faktor zur Vermeidung schwerer Erkrankungen und hoher Folgekosten.

Ärzte sollen mehr Patienten für weniger Geld versorgen

Besonders problematisch sind die geplanten Änderungen in der hausarztzentrierten Versorgung (HZV). Die Politik fordert einerseits ein Primärarztsystem, in dem Patienten zunächst ihren Hausarzt aufsuchen und dieser die weitere Versorgung koordiniert. Die HZV entspricht bereits heute weitgehend diesem politisch gewünschten Versorgungsmodell. Gleichzeitig soll jedoch eine sogenannte "Fixkostendegression" beziehungsweise ein "Wachstumsabschlag" eingeführt werden. Übersetzt bedeutet das: Je mehr Patienten eine Praxis im HZV-System versorgt, desto schlechter wird die Behandlung der eingeschriebenen Patienten vergütet. Das wirtschaftliche Risiko steigender Kosten – Personal, Energie, Miete, Digitalisierung und Bürokratie – verbleibt vollständig bei den niedergelassenen Praxen. Mehr Arbeit, mehr Verantwortung und mehr Patienten sollen somit mit einer schlechteren Vergütung einhergehen. Für viele Praxen ist das wirtschaftlich kaum noch tragfähig.

Schnelle Facharzttermine wird es kaum noch geben

Die bisherige zusätzliche Vergütung für kurzfristig vermittelte Facharzttermine über die Terminservicestellen (TSS) soll entfallen. Ebenso sollen Vergütungen für offene Sprechstunden und Hausarztvermittlungsfälle gestrichen werden. Die Begründung lautet, die Terminvermittlung habe viel Geld gekostet und nicht ausreichend funktioniert. Für Patientinnen und Patienten bedeutet dies jedoch voraussichtlich: Kurzfristige Facharzttermine werden künftig deutlich seltener angeboten werden können.

Bereits heute werden Millionen haus- und fachärztlicher Leistungen nicht vollständig vergütet. Nach Berechnungen der KBV könnten bundesweit rund 46 Millionen Behandlungsfälle wegfallen, wenn die geplanten Kürzungen umgesetzt werden. Viele Praxen arbeiten bereits jetzt an der wirtschaftlichen Belastungsgrenze. Wenn zusätzliche Leistungen dauerhaft nicht bezahlt werden, wird sich die Versorgung zwangsläufig an den tatsächlich finanzierten Leistungen orientieren. Es droht ein "einnahmenorientiertes Leistungsangebot": Ärztinnen und Ärzte können langfristig nur noch das anbieten, was von den Krankenkassen refinanziert wird.

Mehr Krankenhaus statt Praxis

Die ambulante Versorgung in ihrer bisherigen Form steht nach Auffassung vieler niedergelassener Ärzte vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Immer mehr Praxisschließungen würden zu weniger wohnortnaher Versorgung führen. Haus- und Facharztpraxen könnten in der Konsequenz zunehmend verschwinden und an größere klinikgebundene Medizinische Versorgungszentren (MVZ) oder Polikliniken angebunden werden.

Für Patientinnen und Patienten würden wechselnde Behandler, weniger persönliche Betreuung, längere Wege zum Facharzt und ein erschwerter Zugang zur ambulanten Versorgung bedeuten – insbesondere für ältere und chronisch kranke Menschen. Gleichzeitig besteht die Sorge, dass bei weniger hausärztlicher Steuerung häufiger direkte Zuweisungen zu apparativer Diagnostik oder operativen Eingriffen erfolgen könnten. Die angekündigte "Entbudgetierung" wird daher von vielen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten kritisch gesehen, da wirtschaftliche Begrenzungen über andere Mechanismen faktisch bestehen bleiben.

Der Verein "Ambulante Medizin Osthessen" kritisiert deshalb, es werde durch die Umsetzung der Reformpläne nicht im System gespart, sondern an der Versorgung der Patienten.

Doch die Ärztinnen und Ärzte haben auch ganz konkrete Lösungsansätze. Eingespart werden könnte effektiv bei den Krankenkassen und bei den Verwaltungskosten, denn Deutschland verfügt weiterhin über eine hohe Zahl gesetzlicher Krankenkassen mit erheblichen Verwaltungskosten. Weniger Bürokratie, effizientere Strukturen und eine Reduktion von Parallelverwaltungen könnten Milliarden einsparen – ohne die Patientenversorgung zu verschlechtern.

Versicherungsfremde Leistungen nicht zulasten der GKV-Beitragszahler finanzieren

Gesellschaftliche Aufgaben – beispielsweise Leistungen für Bürgergeldempfänger – müssen aus Steuermitteln finanziert werden und dürfen nicht dauerhaft allein zulasten der Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherung gehen.

Kritisch wird zudem gesehen, dass dem Gesundheitssystem nach aktuellen Planungen weitere Milliardenbeträge entzogen werden sollen, während gleichzeitig nur begrenzte Ausgleichsmittel vorgesehen sind. Dies wird von vielen Ärzten als zusätzliche Belastung des Gesundheitssystems bewertet.

Als Fazit ihrer Kritik und den vorgeschlagenen Lösungsansätzen konstatiert die AMO: "Die ambulante Medizin hält unser Gesundheitssystem effizient, wohnortnah und menschlich. Dieses Gesetz droht, die ambulante Versorgung in ihrer bisherigen Form zu gefährden. Patientinnen und Patienten werden künftig häufiger in großen klinikgebundenen MVZ-Strukturen behandelt werden – oft mit wechselnden Ansprechpartnern und längeren Wegen zur Versorgung. Gerade ältere, chronisch kranke und weniger mobile Menschen werden die Folgen besonders spüren. Wenn die ambulante Medizin geschwächt wird, wird Versorgung nicht günstiger – sondern teurer, unpersönlicher und schlechter.

Erklärvideo schon 170.000 Mal aufgerufen

Im Video erklärt Dr. Silvia Steinebach die Auswirkungen der geplanten Maßnahmen. 170.000 Aufrufe in den sozialen Medien auf Facebook und Instagram zeigen das große öffentliche Interesse an den geplanten gesetzlichen Vorhaben im Gesundheitswesen. (ci/pm) +++

X