Ein besonderes Werk

"Mütter, Nicht-Mütter, Frauen* - und Menschen": Lena Gorelik im Stadtschloss

Lena Gorelik las aus "Alle meine Mütter" in der Reihe Literatur im Stadtschloss
Alle Fotos: Martin Engel

14.05.2026 / FULDA - Mütter und Töchter – kaum eine Beziehung ist zugleich so prägend, so widersprüchlich und so aufgeladen wie diese. Wie prägen unsere Mütter uns? Was bindet uns an sie? Welche Mutter wollen wir selbst einmal sein? Wollen wir das überhaupt? Und was sagt das über uns? Lena Gorelik hat sich darüber in ihrem neuen Buch "Alle meine Mütter" sehr viele Gedanken gemacht.


Geschichten, die man nicht unbedingt gern erzählt

Literatur im Stadtschloss – das ist wirklich ein Fest, und es ist wunderbar, wie viele Fuldaer:innen jedes Mal zu den Lesungen kommen. Wieder war der Fürstensaal bis auf den letzten Platz besetzt. Klaus Orth begrüßte alle Lesebegeisterten, natürlich auch die Sponsoren der Reihe (Richard Hartwig für die Sparkasse Fulda und Verleger Dr. Thomas Schmitt für Parzellers Buchverlag), Bella Gusman und Anna Litvin vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Fulda sowie Kulturamtsleiter a.D. Dr. Thomas Heiler.

Die Idee, Lena Gorelik in die Reihe einzuladen, sei während der ersten Fuldaer Jüdischen Kulturtage im Sommer 2025 entstanden. In ihrem aktuellen Roman "Alle meine Mütter" verbindet die bereits mit vielen Preisen ausgezeichnete Autorin mit spielerischer Leichtigkeit das Schicksal ganz verschiedener Frauen.

"Nichts vereint uns Menschen so sehr, wie die Tatsache, dass wir alle eine Mutter haben oder hatten", begann Lena Gorelik ihre Lesung. Sie habe eine Weile geglaubt, dieses Buch schreiben zu können, ohne über ihre eigene Mutter zu erzählen, das habe sich aber schnell als Irrtum herausgestellt. Ihr Buch sei eines über alle Mütter und alle Nicht-Mütter. Die Geschichten von Frauen mit ganz unterschiedlichen Sehnsüchten, Träumen und Zielen im Leben werden zusammengehalten von den "Ich"-Passagen, in denen Lena Gorelik über das Verhältnis zwischen sich – als Tochter und Mutter – zu ihrer Mutter erzählt.

Wir tragen unsere Mütter immer in uns

"Mütter prägen uns, auch wenn wir es nicht wollen. Sie nisten sich in unseren Köpfen und Herzen ein, flüstern uns zu, schimpfen, trösten, tun es auch noch, wenn sie verstorben sind, tun es selbst dann, wenn wir sie nicht oder kaum kannten. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darum für immer mit uns", schreibt Lena Gorelik. Und tatsächlich ist es ja so: Keine Figur ist derart emotional aufgeladen, politisch überhöht und gleichzeitig so voller Klischees wie die Mutter.

"Ich möchte über Mütter und Nicht Mütter schreiben, über Frauen*, die Mütter sein müssen-sollen-dürfen-können-wollen, und über all jene, die nicht Mütter sein müssen-sollen-dürfen-können-wollen; über mich, über uns, die wir Kinder von Müttern

sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen." Genau das tut Lena Gorelik – sie schreibt dabei Frauen* konsequent mit Asterisk und würde das Wort am liebsten durch "Menschen" ersetzen. Sie sammelt Geschichten: Eigene Erinnerungen, Beobachtungen, Reflexionen. Fragmente aus Gesprächen, Gedanken über Erwartungen und Zuschreibungen, über Herkunft und Migration, über das Mutterwerden und das Muttersein, über Glück und Schmerz – nicht nur den Schmerz der Geburt, sondern auch den über den Verlust eines Kindes.

Das Buch bewegt sich dabei bewusst zwischen Formen. Es ist kein klassischer Roman mit Handlung und Figurenentwicklung, eher ein literarisches Denken auf Papier: tastend, fragend, manchmal widersprüchlich. Gorelik schreibt über Liebe und Überforderung, über Zärtlichkeit und Distanz. Über die Mutter als erste Autorität im Leben – und als erste Person, an der man sich abarbeitet. Sie erzählt von der eigenen Mutter, von anderen Müttern, von Freundinnen, von Nicht-Müttern, von gesellschaftlichen Erwartungen. Und immer wieder kehrt sie zu der Frage zurück: Was bedeutet Mutterschaft eigentlich – jenseits von Idealen und Schuldzuweisungen?

Was wir von unseren Müttern behalten

Das Wunderbarste an diesem Buch ist seine Offenheit. Gorelik liefert nicht die großen Antworten. Sie misstraut allen scheinbar einfachen Wahrheiten über Mutterschaft – den Bildern von bedingungsloser Liebe ebenso wie den Erzählungen von totaler Selbstaufgabe. Stattdessen hält sie Widersprüche aus. Hat Humor. Zweifelt. Fragt nach. Sie beschreibt Mutterschaft als Ort von Nähe und Reibung, von Fürsorge und Zumutung. Als eine Beziehung, die prägt, ohne sich je ganz erklären zu lassen. Und eins macht sie unmissverständlich deutlich: Um Kinder zu lieben, für sie zu sorgen, sich mit ihnen zu freuen und um sie zu trauern, muss man nicht Mutter sein.

Und genau deshalb beginnt beim Lesen das Kopfkino: Man denkt nach über das Muttersein. Darüber, wie eng das gesellschaftliche Korsett und die Vorstellungswelt über Mütter noch immer ist. Über Sätze, die man nach wie vor liest und hört. Über Gesten, die man übernommen hat. Über Dinge, die man doch unbedingt anders machen wollte – und plötzlich wiederholt. Über Ratschläge, Liebkosungen und Auseinandersetzungen, über Verschiedensein und Verbundenheit.

Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieses Buches: Mutterschaft ist hier keine biologische oder gesellschaftliche Rolle, sondern eine Geschichte, die immer weitererzählt wird. Von Generation zu Generation. Lena Gorelik schreibt an gegen Systeme, Erwartungen und Rollenbilder. Gegen das, was gesagt wird – und noch mehr gegen das, was ungesagt bleibt. Muttersein ist bei ihr kein starres Ideal, sondern etwas Vielstimmiges, Widersprüchliches und Lebendiges.

Und während wir lesen, merken wir: Jede dieser Geschichten erzählt immer auch von uns selbst. Lena Gorelik entstaubt die alten Muttermythen mit großer Klugheit und Empathie. Gut so. Das wirkliche Leben – ob mit oder ohne Kinder und jenseits aller Rollenbilder – ist so viel spannender.

Es war ein Abend, der lange nachhallte – und mit großem Applaus endete. (Jutta Hamberger) +++

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