Vier Krebsdiagnosen überstanden

"Keine Zeit zum Sterben!" - Karin Eitel hat jede Tapferkeitsmedaille verdient

Unglaublich: Karin Eitel ist 80 Jahre alt
Fotos: Carina Jirsch

18.05.2026 / FULDA - Ihre 80 Jahre sieht dieser Frau niemand an: Karin Eitel ist trotz ihrer schweren Krankheit vital, aufrecht und bestens gelaunt. Dabei hat sie vor über 20 Jahren eine vernichtende Diagnose bekommen: Knochenkrebs, unheilbar. "Fünf Jahre überleben im Durchschnitt nur 35 Prozent", war die ärztliche Prognose. Aber es kam anders. Denn die zierliche Frau sagt heute im Rückblick auf ihr bewegtes Leben: "Ich musste mich ja um meine drei Söhne kümmern - ich hatte einfach keine Zeit zu sterben!"



Geboren wurde sie 1946 in Karlsbad im heutigen Tschechien, damals deutsch. Sie machte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, was im mondänen Kurbad nahelag. Schon mit knapp 17 Jahren heiratete sie und bekam drei Söhne, arbeitete dann bei einem Augenoptiker wegen der familienfreundlicheren Arbeitszeiten. Beim Prager Aufstand 1968 wollte sie eigentlich nach Deutschland zu ihrer hier lebenden Mutter ausreisen, doch man ließ sie nicht.

So viele Jobs als alleinerziehende Mutter gestemmt

Erst 1980 zog sie nach Fulda und kam zunächst bei einer Freundin unter. Wie sich die alleinerziehende Mutter von drei Söhnen in den kommenden Jahrzehnten durchs Leben schlug, ist abenteuerlich. Sie schuftete tagsüber in einer Wäscherei, bediente abends noch in der Gaststätte im Propsteihaus in Petersberg und unterstützte so ihre halbwüchsigen Söhne, die im Internat waren. Auf finanzielle Unterstützung, die ihr zugestanden hätte, verzichtete sie: "Ich wollte nie jemandem etwas schuldig bleiben", sagt sie nicht ohne Stolz. Dass sie als Spätaussiedlerin Anspruch darauf gehabt hätte, wusste sie nicht. "Das hat mir damals niemand gesagt."

Stundenlohn von 2,40 DM

Weil sie immer gerne Friseurin gelernt hätte, wollte sie mit 34 Jahren noch eine Lehre in einem Salon in Poppenhausen anfangen. Doch die erste Krebserkrankung machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Gebärmutterhalskrebs wurde diagnostiziert. "Da habe ich mein Testament gemacht", sagt sie. Doch sie arbeitete trotzdem weiter, diesmal übernahm sie einen Kiosk in der Leipziger Straße. "Das lief ziemlich gut, deshalb kam eines Tages jemand von der Brauerei und fragte, ob ich nicht die Gaststätte "Werraquell" in Kohlhaus übernehmen wolle - und das habe ich auch wirklich gern gemacht. Das war ein gemütliches Ambiente, Stammlokal von zwei Fußballmannschaften, die habe ich da quasi ernährt", erinnert sie sich lachend und zeigt uns die Fotos. Weil die Küche dort zu klein war, übernahm sie die Gaststätte in der Kleingartenanlage im Waidesgrund. "Dort war es wirklich schön, vor allem im Sommer, wenn alles blühte." Doch die Gaststätte rechnete sich nicht, ein verregneter Sommer war das Aus. "Mein Steuerberater hat mir vorgerechnet, dass ich bei 14 Stunden Arbeit täglich gerade mal auf einen Stundenlohn von 2,40 DM kam."

"Lieber Gott, überleg es Dir nochmal!"

Und so hart ging das Leben weiter. Karin Eitel wechselte im Dreijahresrhythmus ihre Arbeitsstelle: von der Stanze in der Filzfabrik, wo sie im Akkord arbeitete, über einen weiteren Kiosk bis zur Spielhalle in der Innenstadt. Inzwischen hatte sie eine zweite Krebsdiagnose, diesmal Brustkrebs, bekommen und im Verlauf von mehreren Jahren beide Brüste verloren. Kaum war das halbwegs überstanden, kam die nächste niederschmetternde Nachricht - diesmal der unheilbare Knochenkrebs mit geringer Lebenserwartung. "Damals habe ich gedacht: Soll das etwa schon alles gewesen sein? Und zum lieben Gott habe ich gesagt: Überleg Dir das lieber noch mal. Ich versau Dir doch den ganzen Himmel mit meinen derben Witzen", sagt sie und lacht laut.

Stammgast in der Onkologie

Doch ihren unerschütterlichen Optimismus hat Karin Eitel nicht verloren. Auch nicht, als dann noch ihr Darm befallen war. Statt den ständigen Kampf ums Überleben aufzugeben, gründete sie eine Selbsthilfegruppe. Bei den Treffen von "Leben trotzdem!" konnte sie ihre lange Erfahrung mit der Krankheit weitergeben und anderen Betroffenen Mut machen. Doch einige der Mitglieder haben den Kampf gegen den Krebs inzwischen verloren.

In der Onkologie des Klinikums Fulda ist Karin Eitel quasi Stamm- und Dauergast, jeder kennt und schätzt sie hier. Sie lobt ausdrücklich das Engagement und vor allem die Empathie von Pflegepersonal und Ärzten. "Wir haben so eine fantastische Gesundheitsversorgung hier", sagt sie. Wer das nicht schätzen könne, sollte mal schauen, wie es in anderen Ländern zugeht. Zum Schluss unseres langen und intensiven Gesprächs, das unsere Fotografin und mich häufig an den Rand der Fassung gebracht hat, sagt die tapfere Karin Eitel: "Mein Körper ist krank - und ich lache trotzdem." Hut ab vor solchem Lebensmut. (Carla Ihle-Becker)+++

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