Ein Rückblick zur JHV
Wenn der Piepser den Alltag unterbricht: Ein Jahr voller Verantwortung
Fotos: Philipp Stock
13.05.2026 / LAUTERBACH -
Es gibt Momente, in denen aus einem gewöhnlichen Abend plötzlich Ernst wird. Das Essen steht auf dem Tisch, die Familie sitzt zusammen, Kinder erzählen vom Tag, Freunde warten, der Feierabend hat gerade erst begonnen — und dann geht der Piepser. Sekunden später zählt nicht mehr, was geplant war. Dann heißt es: Einsatz. Diese besondere Form von Verantwortung stand im Mittelpunkt der gemeinsamen Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Lauterbach, die am Freitagabend in der Turnhalle in Frischborn (Vogelsbergkreis) stattfand.
Genau aus solchen Momenten besteht das Ehrenamt Feuerwehr. Aus Bereitschaft, die nicht an Dienstplänen endet. Aus Verantwortung, die mitten in den Alltag hineinfällt. Aus Menschen, die losgehen, wenn andere Hilfe brauchen. Und aus Familien, Partnerinnen und Partnern, Kindern, Freunden und Arbeitgebern, die dieses Engagement mittragen — oft im Hintergrund, aber unverzichtbar.
Eine wertvolle Bilanz
Die Feuerwehren der Stadt Lauterbach mit ihren fünf Löschzügen kamen zusammen, um auf das zurückliegende Jahr zu blicken, Bilanz zu ziehen, verdiente Kameradinnen und Kameraden zu ehren und den Blick zugleich nach vorne zu richten. 208 Einsatzkräfte leisten in den fünf Löschzügen der Lauterbacher Feuerwehren aktiven Dienst. Gemeinsam mit der Kinder- und Jugendfeuerwehr sowie der Ehren- und Altersabteilung zählt die Feuerwehrfamilie der Stadt Lauterbach insgesamt über 400 Mitglieder.Sie alle bilden ein starkes Netz aus Einsatzbereitschaft, Nachwuchsarbeit, Erfahrung und gelebter Kameradschaft. Die aktiven Kräfte üben, bilden sich fort, pflegen Technik und Fahrzeuge, sichern Veranstaltungen ab, rücken zu Bränden, Hilfeleistungen und Gefahrenlagen aus und halten damit ein System am Leben, das für die Bürgerinnen und Bürger oft erst dann sichtbar wird, wenn es gebraucht wird.
Feuerwehr ist weit mehr als Brandbekämpfung
Feuerwehr ist dabei längst nicht mehr nur das Löschen von Feuer. Sie ist technische Hilfeleistung, Katastrophenschutz, Vegetationsbrandbekämpfung, Jugendarbeit, Ausbildung, Organisation, Führung und Kameradschaft zugleich. Durch das abendliche Programm führten Stadtbrandinspektor Jürgen Eifert und der stellvertretende Stadtbrandinspektor Tony Michelis.Ein weiterer zentraler Punkt der Rückschau war die Einsatzbilanz des vergangenen Jahres. Insgesamt wurden die Feuerwehren der Stadt Lauterbach im Jahr 2025 zu 202 Einsätzen alarmiert. Hinter dieser Zahl stehen ganz unterschiedliche Lagen — Brände, technische Hilfeleistungen, Unwettereinsätze, Absicherungen und weitere Anforderungen an die Einsatzkräfte. Jede Alarmierung bedeutet dabei aufs Neue: Menschen verlassen ihren Alltag, ihre Familien, ihren Arbeitsplatz oder ihre Freizeit, um anderen in einer Notlage zu helfen.
Die Einsatzkräfte sind elementar wichtig
Die Zahl macht deutlich, wie wichtig eine gut ausgebildete, verlässliche und breit aufgestellte Feuerwehr für die Sicherheit der Stadt Lauterbach ist. Bereits vor der Versammlung der Einsatzabteilungen hatten die Kinder- und Jugendfeuerwehren am selben Ort ihre eigene Jahreshauptversammlung abgehalten. Dort gestaltete die Jugendleitung die Begrüßung, bevor Berichte aus der Nachwuchsarbeit folgten.Dass diese Arbeit in Frischborn unmittelbar mit der Jahreshauptversammlung der Einsatzabteilungen verbunden wurde, war daher mehr als organisatorische Nähe. Es war ein starkes Zeichen für Kontinuität. Der politische und fachliche Rahmen der Versammlung unterstrich den hohen Stellenwert der Feuerwehr in Lauterbach.
Gäste würdigen das Ehrenamt
Zu den Gästen zählten unter anderem Landrat Dr. Jens Mischak (CDU), Bürgermeister Hans Vollmüller (CDU), der neue Bürgermeister Holger Marx (CDU), der SPD-Landtagsabgeordnete Maximilian Ziegler, Landtagsabgeordnete Jennifer Giessler (CDU), Kreisbrandinspektor Marcell Büttner sowie weitere Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Feuerwehrführung und öffentlichem Leben.In den Grußworten wurde deutlich, wie breit die Wertschätzung für die Feuerwehr in Stadt und Landkreis verankert ist. Landrat Dr. Jens Mischak, Bürgermeister Hans Vollmüller, Maximilian Ziegler und Landtagsabgeordnete Giessler würdigten das Engagement der Feuerwehrangehörigen. Auch Notfallseelsorger Pfarrer Sven Kiessling richtete Worte an die Versammlung.
Der Mensch hinter dem Einsatz
Dabei wurde deutlich, dass Feuerwehrarbeit nicht nur aus Technik, Taktik und Einsatzabläufen besteht, sondern immer auch eine menschliche Seite hat. Die Notfallseelsorge ist nicht nur für Betroffene und Angehörige in schweren Momenten da, sondern ebenso für die Einsatzkräfte selbst.Gerade nach belastenden oder besonders herausfordernden Einsätzen bietet sie Begleitung, Gespräch und Einsatznachsorge an. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag, um diejenigen zu unterstützen, die sonst für andere da sind. Die Präsentationen der Stadtbrandinspektion zeigten, wie breit und anspruchsvoll Feuerwehrarbeit heute geworden ist. Der abwehrende Brandschutz bleibt die zentrale Aufgabe, doch die Anforderungen wachsen: neue Einsatzlagen, komplexe Technik, veränderte Wetter- und Gefahrenlagen, höhere Erwartungen an Ausbildung und Führung.
Was nach außen oft selbstverständlich wirkt, ist im Inneren das Ergebnis vieler Stunden Vorbereitung, Disziplin und Verlässlichkeit. Ein wichtiger Programmpunkt war die Ergänzungswahl zum 2. stellvertretenden Stadtbrandinspektor. Gewählt wurde Dr. Marco Bauer. Besonders feierlich wurde es im Anschluss bei den Ehrungen. Gemeinsam mit Vertretern des Landkreises und der Feuerwehrführung wurden Brandschutzehrenzeichen, Auszeichnungen, Urkunden und Anerkennungen für langjährige Zugehörigkeit verliehen.
Besondere Ehrungen
Geehrt wurden Kameradinnen und Kameraden für 20, 30, 40 und 50 Jahre in der Feuerwehrfamilie. Solche Zahlen wirken auf dem Papier nüchtern. Doch wer 20 Jahre Feuerwehrdienst leistet, hat unzählige Stunden seiner Freizeit gegeben. Er hat Übungsabende besucht, Lehrgänge absolviert, Fahrzeuge geprüft, Schläuche getragen, Atemschutzgeräte vorbereitet, Einsatzkleidung angelegt und im Ernstfall genau das getan, worauf sich andere verlassen müssen: da sein.Wer 30 oder 40 Jahre dabei ist, hat nicht nur Dienstjahre gesammelt. Er hat technische Entwicklungen miterlebt — vom Wandel der Funktechnik bis zur modernen Einsatzdokumentation, von neuen Fahrzeugkonzepten bis zu veränderten Anforderungen im Brand- und Katastrophenschutz.
Er hat erlebt, wie sich Einsätze verändern, wie Ausbildung anspruchsvoller wird und wie aus jungen Feuerwehrleuten erfahrene Führungskräfte werden. Er hat Generationen begleitet, Wissen weitergegeben und Kameradschaft über Jahrzehnte getragen. Und wer 50 Jahre Feuerwehrfamilie mitprägt, hat nicht nur eine Uniform getragen. Er hat ein Stück Stadtgeschichte mitgeschrieben.
Fünf Jahrzehnte bedeuten Treue, Verlässlichkeit und ein Lebenswerk im Dienst der Allgemeinheit. Sie stehen für unzählige stille Stunden, für Bereitschaft ohne Applaus, für Verantwortung, die nicht endet, wenn der Einsatzbericht geschrieben ist. Die Ehrenzeichen, Urkunden und Auszeichnungen standen deshalb nicht allein für Dienstjahre. Sie standen für Nächte, in denen man aufgestanden ist, obwohl am nächsten Morgen die Arbeit wartete. Für Übungen nach Feierabend. Für Einsätze bei Kälte, Hitze, Regen und Dunkelheit.
Für Familien, die Verständnis hatten. Für Arbeitgeber, die Rückhalt gaben. Für Kameradinnen und Kameraden, die einander vertrauen müssen, wenn aus Alarm Realität wird. Zum Abschluss kam auch Kreisjugendfeuerwehrwart Jörg Blankenburg zu Wort. Er dankte für die geleistete Arbeit im Nachwuchsbereich und überreichte ebenfalls Auszeichnungen an Mitglieder der Jugendfeuerwehrarbeit.
Menschen, die dann aufstehen, wenn sie gebraucht werden
Damit wurde noch einmal deutlich, dass Feuerwehr nicht nur aus Einsätzen besteht, sondern aus einem lebendigen Gefüge von Ausbildung, Förderung, Begleitung und Gemeinschaft. Am Ende blieb von dieser Jahreshauptversammlung mehr als ein formaler Jahresrückblick. Es blieb das Bild einer Feuerwehr, die breit aufgestellt ist, tief in ihren Löschzügen verwurzelt und getragen von Menschen, die mehr geben, als man von ihnen verlangen könnte.Menschen, die nicht fragen, ob es gerade passt, wenn Hilfe gebraucht wird. Menschen, die da sind, wenn andere sie brauchen. Die Freiwillige Feuerwehr Lauterbach zeigte in Frischborn, was Ehrenamt im besten Sinne bedeutet: Pflichtbewusstsein ohne großes Aufheben, Kameradschaft ohne leere Worte und Verantwortung, die jeden Tag neu gelebt wird. Denn Feuerwehr beginnt nicht erst am Einsatzort. Sie beginnt dort, wo Menschen bereit sind, aufzustehen, wenn der Piepser geht. (pm/cb) +++