Ein Stück Freiheit im Vollzug

Freiräume hinter Mauern: Gefängnisseelsorge aus ganz Deutschland trifft sich

Mitten in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen und Fragen nach Resozialisierung lauter werden, trifft sich seit Montag die Evangelische Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland zu ihrer jährlichen Jahrestagung in Hünfeld.
Fotos: Bernd Vogt

08.05.2026 / HÜNFELD - Mitten in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen und Fragen nach Resozialisierung lauter werden, trifft sich seit Montag die Evangelische Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland zu ihrer jährlichen Jahrestagung in Hünfeld (Landkreis Fulda). Gefängnisseelsorger aus dem gesamten Bundesgebiet - begleitet von Gästen aus Dänemark, Tschechien und den Niederlanden - sprachen darüber, wie Menschen im Vollzug Freiräume erleben können, obwohl ihr Alltag von Kontrolle und strengen Regeln geprägt ist.



Die Konferenz tagt jedes Jahr in einem anderen Bundesland - und 2027 steht ein besonderes Ereignis bevor: das 100‑jährige Jubiläum in Mecklenburg‑Vorpommern. Das diesjährige Motto "In meinem Gefängnis bin ich der Direktor" zieht sich wie ein roter Faden durch Vorträge, Workshops und Gespräche. Es geht darum, wie Inhaftierte trotz des Systems, das sie umgibt, Momente der Selbstbestimmung und inneren Freiheit erleben können. Am Donnerstag wurde der neue Vorstand gewählt. Anschließend gab es verschiedene Redebeiträge und gemeinsames Beisammensein. Staatssekretärin Tanja Eichner zeigte mit ihrem Besuch am Montag, wie wichtig die Arbeit der Gefängnisseelsorge ist. Die Tagung endet am Freitag mit einer Feedbackrunde und einem Abschlussgottesdienst.

Workshops zu Projekten im Vollzug

Carsten Schraml, neuer Vorstandsvorsitzender aus Nordrhein‑Westfalen, erklärte gegenüber OSTHESSEN|NEWS: "Wir arbeiten in einem System, das kontrollierend ist. Umso wichtiger ist es, Freiräume des Glaubens und der Selbstreflexion zu schaffen." Bereits vier Vorträge beleuchteten das Thema aus theologischer, psychologischer und praktischer Perspektive. Am Donnerstagnachmittag folgten Workshops, unter anderem zu innovativen Projekten im Vollzug - darunter das bundesweit beachtete Modellprojekt "Tätowieren legal".

Viele sagen: "Man kann nirgends so reden wie mit Ihnen."

Bischöfin der Evangelischen Kirche Prof. Dr. Beate Hofmann würdigte in ihren Grußworten die besondere Rolle der Seelsorge im Vollzug: "Mit Ihrem Wirken im Gefängnis eröffnen Sie einen dritten Ort. Einen Raum, der nicht Familie und Zuhause, aber auch nicht die Zelle ist – ein Ort mit anderen Fragen, einer anderen Tonalität und einer anderen Weite." Am Donnerstagabend fand ein festlicher Begegnungsabend statt, bei dem Vertreterinnen und Vertreter aus Staat und Kirche zusammenkamen, um Netzwerke zu stärken und die Zusammenarbeit zu vertiefen.

Wie wichtig diese Arbeit ist, schilderte Johannes Blum‑Seebach, Gefängnisseelsorger an der JVA Gießen, im Gespräch mit O|N: "Wir sind Ansprechpartner für alle Gefangenen und Bediensteten. Wir bieten Gottesdienste, Gespräche und Gruppenarbeiten. Manche möchten sich taufen lassen, andere suchen einfach jemanden, der zuhört." Besonders wertvoll sei das geschützte Gespräch unter vier Augen: "Viele sagen: Man kann nirgends so reden wie mit Ihnen."

Die vielen Begegnungen, Impulse und Gespräche in Hünfeld zeigen: Seelsorge im Vollzug ist weit mehr als Begleitung – sie ist ein Stück Freiheit in einem Umfeld, das sonst kaum welche zulässt. (mis) +++

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