Was verbindet, wenn vieles trennt?

Dialog statt Spaltung: Jahresempfang des Bistums Fulda setzt starkes Zeichen

Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn Unterschiede wachsen, Konflikte sichtbarer werden und Debatten an Schärfe gewinnen? Mit dieser Leitfrage setzte der Jahresempfang des Bistums Fulda am Sonntagabend im Bonifatiushaus am Neuenberg einen bewussten Akzent.
Alle Fotos: Martin Engel

27.04.2026 / FULDA - Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn Unterschiede wachsen, Konflikte sichtbarer werden und Debatten an Schärfe gewinnen? Mit dieser Leitfrage setzte der Jahresempfang des Bistums Fulda am Sonntagabend im Bonifatiushaus am Neuenberg einen bewussten Akzent. Rund 200 Gäste aus Politik, Kirche, Medien, Wirtschaft und gesellschaftlichen Institutionen kamen zusammen - unter ihnen Hessens Innenminister Prof. Dr. Roman Poseck (CDU), Regierungspräsident Mark Weinmeister sowie die evangelische Bischöfin Beate Hofmann. Der Leitgedanke des Abends war dabei ebenso schlicht wie anspruchsvoll: "Das, was uns verbindet, ist immer mehr als das, was uns trennt."



Dass dieser Anspruch nicht abstrakt bleibt, zeigte sich bereits im Konzept des Empfangs. Er versteht sich nicht nur als festlicher Anlass, sondern als offenes Dialogforum, das bewusst Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenbringt - über institutionelle und weltanschauliche Grenzen hinweg. Gerade in einer Zeit zunehmender Spannungen will das Bistum Räume schaffen, in denen Austausch möglich wird und neue Verbindungen entstehen können.

Klare gemeinsame Ziele stärken die gesellschaftliche Bindung

Einen analytischen Einstieg bot die bekannte ZDF-Journalistin Shakuntala Banerjee. Sie zeichnete das Bild einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit: "Die Menschen sind wütend und fahren viel schneller aus der Haut. Auch Angriffe auf Rettungskräfte nahmen in der Vergangenheit immer wieder zu. Viele wünschen sich mehr Ordnung oder Verlässlichkeit - egal an welcher Stelle." Gleichzeitig machte sie deutlich, dass Zusammenhalt aktiv gestaltet werden müsse: "Je klarer diese definiert sind, desto stärker ist die Bindung." Entscheidend sei eine neue Qualität des Miteinanders - geprägt von Zuhören, Dialog und gegenseitigem Respekt.

Diese Perspektive wurde in der anschließenden Gesprächsrunde aufgegriffen und erweitert. Neben Banerjee diskutierten der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber, die Onkologin Michaela Nathrath sowie Vertreter aus Wirtschaft und Ehrenamt. Die unterschiedlichen beruflichen und persönlichen Hintergründe machten deutlich, wie verschieden die Wahrnehmung gesellschaftlicher Krisen ist - und zugleich, wie stark die gemeinsame Suche nach Orientierung verbindet.

Ein Plädoyer für werteorientierten Dialog

Bischof Gerber stellte dabei die Frage nach den Grundlagen des Zusammenhalts in den Mittelpunkt. Ein verbindendes Miteinander sei heute keineswegs selbstverständlich, sondern zunehmend herausgefordert. Umso wichtiger sei ein werteorientierter Dialog: "Wir als Kirche engagieren uns für einen Dialog, der Werten verpflichtet ist, die in ihrem Kern immer das Wohl aller im Blick haben." Diese Werte müssten universell gelten: "Werte, für die wir uns entscheiden und einsetzen, müssen von der Qualität sein, dass sie universal und ohne weitere Voraussetzung für alle gelten." Im Zentrum stehe die Würde jedes Menschen. Daraus ergebe sich auch ein klarer Auftrag: "Wir dürfen uns nicht zurückziehen, sondern neu in den Diskurs gehen, in ein ehrliches Miteinander in der Gesellschaft. Die ganzen großen Fragen, die sich viele Menschen stellen, können wir nur gemeinsam angehen und lösen, denn diese verbinden uns."

Kirchliche Jugendarbeit als Raum für Horizonterweiterung

Gerber hob hervor, dass die Kirche vielfach Räume eröffne, in denen Menschen erste prägende Erfahrungen jenseits der eigenen Lebenswelt machen können. Formate wie internationale Wallfahrten, der Weltjugendtag, die 72-Stunden-Aktion oder Austauschprogramme wie "Weltwärts" seien Beispiele für eine "ganz entscheidende Horizonterweiterung" und ermöglichten das Erleben von Verbindung über gesellschaftliche und kulturelle Grenzen hinweg. Wie solche Haltungen konkret erfahrbar werden können, zeigte sich besonders im Blick auf die kirchliche Jugendarbeit. Dort entstünden Erfahrungsräume, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen und Selbstwirksamkeit erleben. Die Erfahrung "Ich erlebe mich im Engagement für andere als wirksam" stehe dabei exemplarisch für eine Haltung, die persönliche Entwicklung fördert und zugleich den Blick für andere Lebensrealitäten öffnet. So entstehe ein Verständnis, das über die eigene Gruppe hinausreicht und gesellschaftliche Verbundenheit stärkt.

Dass Zusammenhalt nicht aus Gleichförmigkeit entsteht, sondern aus dem konstruktiven Umgang mit Unterschiedlichkeit, wurde im Verlauf des Abends immer wieder deutlich. Unterschiedliche Positionen standen nicht gegeneinander, sondern wurden bewusst miteinander ins Gespräch gebracht. Der Dialog zielte dabei nicht auf schnelle Einigkeit, sondern auf gegenseitiges Verständnis - als Grundlage für ein tragfähiges gesellschaftliches Miteinander.

Bischof Michael Gerber: "Du bist wertvoll, auch da, wo du nichts leisten kannst"

Michael Gerber sprach offen darüber, wie er selbst mit den vielfältigen Erwartungen und Belastungen in seinem Amt umgeht. Auf die Frage, wie er mit Meinungen, Gesprächen und Anforderungen zurechtkomme, sagte er: "Ich darf das erfahren, was ich jetzt vor allem auch in der eigenen Krise erfahren habe, dass ich mich nicht einfach nur definiere über meine Aufgaben, auch nicht einfach nur definiere über das, was mir gelingt."

Gerber betonte, dass nicht jedes Gespräch und nicht jede Aufgabe gelinge. Entscheidend sei für ihn eine tiefere Perspektive: "Ich darf mich definieren, dass ich glaube, dass Gott in mich eine Berufung hineingelegt hat, einen Auftrag und dass es darum geht, diesen Auftrag immer wieder durchzubuchstabieren." Besonders prägend sei für ihn die Erfahrung seiner eigenen Krankheit gewesen: "Mensch, du bist wertvoll, auch da, wo du nichts vordergründig leisten kannst, auch da, wo vieles plötzlich zerbrochen ist." Diese Erfahrung verstehe er auch als Botschaft für die Kirche: "Dass wir als Kirche Menschen diese Grunderfahrung vermitteln."

"Dialog und klare Grenzen sind entscheidend"

Hessens Innenminister Roman Poseck hob gegenüber OSTHESSEN|NEWS den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Land hervor, insbesondere durch ehrenamtliches Engagement: "Zusammenhalt ist elementar für das respektvolle, friedliche Zusammenleben und für das Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar. Im Bundesland Hessen erlebt man sehr viel Zusammenhalt, vor allen Dingen bei denjenigen, die sich ehrenamtlich engagieren. Mehr als jeder Zweite in Hessen ist ehrenamtlich aktiv." Als Beispiel nannte er die Feuerwehr: "Die Feuerwehren sind Leuchttürme für Zusammenhalt, Teamgeist, Kameradschaft."

Für die Zukunft des gesellschaftlichen Miteinanders sieht Poseck vor allem den Dialog als entscheidend an "Wir brauchen den Dialog, auch da ist einiges verloren gegangen. Solange wir uns gemeinsam nach den besten Lösungen ringen, gibt es noch Zusammenhalt." Gleichzeitig betonte er, dass dieser Dialog klare Grenzen brauche: "Streit ist notwendig, aber die Grenzen sind zu wahren. Manchmal muss man deutlich machen, dass wir – auch in der Politik – nicht zaubern können."

Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit verbindet

Auch die evangelische Bischöfin Beate Hofmann unterstrich im Gespräch, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt trotz aller Unterschiede auf einer gemeinsamen Grundlage beruhe: "Uns alle hält trotz der Unterschiede zusammen, dass wir die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit haben." Die Konflikte entstünden weniger im Ziel als vielmehr im Weg dorthin: "Wir streiten uns im Augenblick nur, welcher der richtige Weg dorthin ist und wo die Ursachen für Ungerechtigkeit liegen." Daraus ergebe sich die zentrale Aufgabe, den Dialog neu zu stärken: "Und da müssen wir gemeinsam einen Weg finden, wie wir alle diese Sehnsucht erfüllt bekommen."

Einen geistlichen Rahmen erhielt der Empfang bereits zu Beginn durch eine Vesper um 17 Uhr in der benachbarten Kirche St. Andreas. Generalvikar Dr. Martin Stanke griff in seiner Predigt zum Emmaus-Evangelium den Gedanken des gemeinsamen Unterwegsseins auf: "Viele Menschen wenden sich schnell von dem ab, was überfordert, was zu komplex ist, oder nicht der eigenen Meinung entspricht. Doch die Herausforderung liegt genau darin, den Weg gemeinsam zu bestreiten und den Weg des anderen ernstzunehmen. Denn es kann nur einen gemeinsamen Weg geben. Dies setzt jedoch voraus, dass man einander zuhört, bevor wir verurteilen."

Musikalisch gestaltet wurde die Vesper von Domorganist Max Deisenroth und dem Vokalensemble der Chöre am Dom unter Leitung von Franz-Peter Huber. Für die musikalische Begleitung des Empfangs im Fuldaer Bonifatiushaus sorgte der Musiker und Komponist Frank Tischer. Moderatorin des Abends war die Rundfunkjournalistin Stephanie Mosler.

Gerade in den Gesprächen nach dem offiziellen Programm wurde der Leitgedanke des Abends greifbar. Im persönlichen Austausch, im Zuhören und im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Lebenswelten zeigte sich, was den Empfang auszeichnet: ein Ort, an dem Verbindung nicht nur thematisiert, sondern tatsächlich gelebt wird. (Mathias Schmidt) +++

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