Gut gemeint, schlecht gemacht
Zu gut gefüttert: Warum Tierliebe die Katzenkolonie außer Kontrolle bringt
Foto: TiNa
19.04.2026 / BAD ORB -
Streuner, die durch Gärten schleichen, Würfe, die sich unaufhörlich häufen, und Futterstellen, die täglich reichlicher werden: Was wohl in Bad Orb aus tief empfundener Tierliebe entstanden ist, hat sich zu einem ernsthaften Problem entwickelt - für die Tiere selbst, für die Anwohner und für alle, die versuchen, die Lage in den Griff zu bekommen.
Wie OSTHESSEN|NEWS zuletzt berichtete, ist die Katzenkolonie in Bad Orb außer Kontrolle geraten. Unkontrollierte Vermehrung, mangelnde tierärztliche Versorgung und eine wachsende Zahl von Tieren auf engem Raum stellen den Tierschutzverein TiNa e. V. vor erhebliche Herausforderungen. Nun meldet sich der Verein erneut zu Wort - und erklärt, warum gut gemeinte Fürsorge das Problem verschärft statt löst.
Doppeltes Idealgewicht - Überfütterung als unterschätztes Problem
Bei den bisherigen Maßnahmen vor Ort sei besonders aufgefallen, dass eingefangene Tiere im Schnitt etwa das Doppelte ihres Normalgewichts auf die Waage gebracht hätten, teilt TiNa e. V. mit. Für den Verein ist das kein Randphänomen. "Diese beunruhigende Beobachtung ist nicht nur eine Randnotiz, sondern ein zentraler Faktor", heißt es in der Stellungnahme. Überfütterung schade auch Katzen und beeinträchtige Gesundheit und Lebensqualität spürbar.Noch gravierender seien laut Verein jedoch die praktischen Folgen für die Tierschutzarbeit. Um Katzen kastrieren, untersuchen und behandeln zu können, müssten sie zunächst eingefangen werden - in der Regel mithilfe von Lebendfallen, die mit Futter bestückt seien. Tiere, die rund um die Uhr reichlich versorgt würden, zeigten schlicht kein Interesse an diesen Fallen. Die Konsequenz, so TiNa e. V.: Weniger Tiere würden erreicht, notwendige Maßnahmen verzögerten sich - und die Population wachse weiter.
Mehr Tiere, mehr Krankheiten, mehr Risiken
Mit steigender Populationsdichte wachse auch die Gefahr der Krankheitsausbreitung, warnt der Verein. Betroffen seien nicht nur die freilebenden Katzen untereinander, sondern auch Freigänger mit Zuhause. Ausdrücklich weist TiNa e. V. zudem auf das Thema Zoonosen hin - also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragbar sind. "Dies betrifft sowohl artspezifische Erkrankungen als auch solche, die auf andere Tiere übertragen werden können", so der Verein.Kontrolle statt Verbot
TiNa e. V. betont, es gehe ausdrücklich nicht darum, die Tiere hungern zu lassen. Auch der Verein selbst versorge freilebende Katzen. Entscheidend seien jedoch Maß und Ziel. "Eine kontrollierte Fütterung, die sich am gesundheitlichen Zustand der Tiere orientiert, steht nicht im Widerspruch zum Tierschutz. Sie ist ein Bestandteil davon", stellt der Verein klar. Solange ein Großteil der Population noch nicht kastriert sei, erschwere unkontrolliertes Füttern die gesamte Arbeit erheblich. Erst eine stabilisierte Kolonie könne dauerhaft und unproblematisch versorgt werden.Dank an Kommunen und Partner
Ausdrücklich bedankt sich TiNa e. V. bei den Kommunen Bad Orb und Bad Soden-Salmünster sowie bei weiteren beteiligten Tierschutzvereinen. Deren Unterstützung sei "keine Selbstverständlichkeit" und trage wesentlich dazu bei, Maßnahmen überhaupt umsetzen zu können. Alle Beteiligten arbeiteten ehrenamtlich und seien auf Verständnis und Zusammenarbeit angewiesen.