Verkehrte Welt am richtigen Ort
Ausstellung "Miniaturwelten - Räume des Unmöglichen" auf Schloss Fasanerie
Alle Fotos: Martin Engel
18.04.2026 / EICHENZELL -
Unsere Welt einmal von oben wie ein Riese betrachten, quasi unter dem Vergrößerungsglas - mit dieser geradezu übermenschlichen Vorstellung spielen seit jeher Geschichten und Filme, Miniaturbauer und Illusionisten. Was so mächtig klingt, macht am Ende oft eher bescheiden, so die Moral besagter Geschichten und Darstellungen. Auch auf Schloss Fasanerie können Besucher ab dem 18. April bis einschließlich 5. Juli 2026 in der Sonderausstellung "Miniaturwelten - Räume des Unmöglichen" einmal einen Blick auf fantastische Miniaturen werfen. Doch die Werke von Fotokünstler Frank Kunert sind nicht nur unglaublich klein und detailliert, sondern auch gespickt mit viel Humor, Melancholie, Gnadenlosigkeit und Tiefe.
"Wir knüpfen heute an die Tradition an, kleinen Dingen eine große Bühne zu geben," erklärt Landgraf Donatus von Hessen zu Beginn der Vernissage am Freitagvormittag. Jährlich laden er und Dr. Markus Miller, Direktor von Hessens schönstem Barockschloss, Schloss Fasanerie in Eichenzell, zu mindestens einer Sonderausstellung im ehemaligen Badehaus der historischen Anlage ein. Bei der hochklassigen Auswahl der präsentierten Werke und Objekte auf dieser geschichtsträchtigen Bühne, so muss der Museumsdirektor am Freitag gestehen, fällt jedoch eines schnell ins Auge: "Ich kuratiere sonst am liebsten Arbeiten von Künstlern, die mindestens seit 100 Jahren tot sind." Mit Frank Kunert hingegen arbeitet das Team der Kulturstiftung des Hauses Hessen in dieser Saison mit einem Künstler zusammen, der glücklicherweise noch äußerst lebendig ist. Genauso wie seine Arbeiten.
In mehr als 40 Fotografien miniaturistischer Szenen zeigt er den Ausstellungsbesuchern auf den ersten Blick eine vertraute Welt. Orte, Momente, die wir zu kennen glauben. Doch je länger wir hinsehen, desto fremder werden sie uns. Sie sind architektonische Unmöglichkeiten, Räume, die sich ins Leere oder den Abgrund öffnen, für niemanden erreichbar sind oder so dystopisch, dass wir sie womöglich auch nicht erreichen wollen. Sie sind oft gleichermaßen komisch und tragisch, oder mit den Worten des Museumsdirektors Werke, "die mit feinem Witz beginnen und sehr schnell existenziell werden - Bilder, die man nicht nur betrachtet, sondern gedanklich weiterführt."
40 Fotografien, 14 Originalmodelle
Grundlage dieser Fotografien sind Miniaturmodelle, die Kunert oftmals über Wochen oder gar Monate zunächst gedanklich und schließlich handwerklich entwickelt. Für jedes Motiv baut er eigens eine Kulisse, ausgearbeitet bis ins letzte Detail. Seine Materialien: Leichtschaumplatten, Holz, Pappe, Farbe, aber ebenso alltägliche Dinge wie Tortenspitzen, die zu Gardinen werden, Watte oder Salz. Was in dieser Form schon beeindruckend ist - davon können sich die Besucher ebenfalls überzeugen, denn auch 14 dieser Modelle werden in der Ausstellung gezeigt - wird dann noch eindrucksvoller in Szene gesetzt und fotografiert. Mit der richtigen Perspektive und dem passenden Licht werden die ohnehin schon realistisch anmutenden Miniaturenfotos der realen Welt schließlich nahezu zum Verwechseln ähnlich.Wären da nicht besagte Details, die stutzen lassen. Selten wurde vermutlich bei einer Ausstellungseröffnung auf Schloss Fasanerie so viel gelacht und sich gemeinsam gewundert, denn wir erkennen diese Welt wieder und sind ihr doch so fern. Sie ist menschenleer und sieht gleichzeitig so aus, als hätte der Mensch den Raum gerade erst verlassen oder trete gleich wieder in der Szene in Erscheinung. Und dann, stellt man sich vor, steht er dort vermutlich und ist ebenso überfragt, fassungslos, wie wir. Denn was soll er nun anfangen mit der gemütlichen Designerliege im perfekten Zuhause, die in "Zimmer mit Aussicht" (2020) so verlockend, aber auch erschreckend nahtlos in ein Sprungbrett in den Himmel übergeht? Oder vermutlich staunt auch er über die Jägerstube, in deren Mitte, zwischen all den urigen Esstischen, durch einen Hochsitz aus dem Restaurant tatsächlich die "gute Stube" des Waidmanns wird.
Führung mit dem Künstler im Juli
Der Besuch der Sonderausstellung "Miniaturwelten - Räume des Unmöglichen" dürfte vermutlich jeden auf eigene Weise berühren. Sei es, dass sie die Lachmuskeln kitzelt, den Denkapparat anregt oder dazu verleitet, die eigene Welt einmal wieder auf andere Weise zu betrachten. Es ist jedoch angeraten, genügend Zeit mitzubringen, denn ganz fertig mit dem Entdecken wird man hier vermutlich nie. Zu sehen ist die Ausstellung vom 18. April bis 5. Juli 2026, immer freitags bis sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr im ehemaligen Badehaus von Schloss Fasanerie. Der Eintritt kostet regulär 3,50 Euro bzw. 2,50 Euro (ermäßigt). Für Kinder unter 14 Jahren ist der Eintritt kostenfrei. Zudem bietet der Künstler Frank Kunert am Sonntag, 5. Juli 2026, um 15 Uhr eine Führung durch die Ausstellung an. (Sabrina Ilona Teufel-Hesse) +++