Erste Rede auf dem Uniplatz
Bernd Eckart: "So eine Reaktorkatastrophe hatte ich schon lange befürchtet!"
Der Sarkophag, der den beschädigten vierten Reaktor des Kernkraftwerks Tschernobyl bedeckt, ist am 4. April 2011 hinter einem mit Graffiti besprühten Gebäude in der verlassenen Stadt Prypjat zu sehen.
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26.04.2026 / REGION -
Bernd Eckart ist ein Urgestein der Fuldaer Grünen. Der pensionierte Lehrer, der bis 2011 an der Freiherr-vom-Stein-Schule Mathematik und Physik unterrichtete, engagierte sich schon früh kommunalpolitisch. 1985, noch vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, war Eckart bei Bündnis 90/Die Grünen eingetreten und vertrat deren ökologische Politik jahrzehntelang als Vorsitzender der ersten Grünen-Fraktion im Fuldaer Kreistag. Seit 2006 ist er Abgeordneter in seiner Heimatgemeinde Künzell. Anlässlich des 40. Jahrestags des Reaktorunfalls von Tschernobyl haben wir ihn gebeten, uns zu berichten, wie er dieses einschneidende Erlebnis in Erinnerung hat.
"Es gibt nur wenige so lang zurückliegende Ereignisse, an die ich so klare Erinnerungen habe. Es war der 1. Mai 1986 und wir waren mit Kindern und Freunden auf der 1. Mai-Kundgebung der Gewerkschaften am Gerloser Häuschen. Das Wetter war frühsommerlich warm, die Kinder spielten im Gras und wir genossen den Frühjahrstag. Abends erfuhren wir dann aus dem Fernsehen, dass in der Nacht vorher radioaktiver Niederschlag über Deutschland niedergegangen war. Natürlich fand auch gleich die Abwiegelung durch den Innenminister Zimmermann (CSU) statt mit der Aussage: Für die Bevölkerung bestehe keine Gefahr.
Es war das eingetreten, was ich schon lange befürchtet hatte, ein Super-GAU, eine Kernschmelze mit der Freisetzung großer Mengen an Radioaktivität. Wie bei den Sowjets üblich hatte man versucht, den Unfall vom 26. April zu verschweigen. Erst als in Schweden die radioaktive Belastung vor einem AKW größer war als im Inneren, konnten sie die Katastrophe nicht mehr vertuschen. Die radioaktive Wolke verteilte sich dann über Europa und in der Nacht zum 1. Mai kam sie nach Deutschland. Bayern war am stärksten betroffen, da es dort geregnet hatte und der radioaktive Niederschlag auf den Boden kam.
Die nächsten Wochen waren dann bestimmt durch die Berichterstattung über den Unfall und die Umsetzung einer Reihe von Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung. Bei der Berichterstattung wurde deutlich, wie hilflos in Tschernobyl versucht wurde, der Katastrophe und der Ausbreitung der Radioaktivität Herr zu werden. Man verheizte hunderte von sogenannten Liquidatoren, die mit Schippen versuchten, den Schutt in den Reaktor zurückzukippen. Noch heute verschweigt man die Zahl der Todesopfer. Lediglich die etwa zehn Personen der ersten Stunden, die binnen weniger Tage an der Strahlenkrankheit verstarben, werden genannt. Die Hunderte oder Tausende, die danach erkrankten und binnen weniger Monate und Jahre starben, werden offiziell nicht bekannt gegeben.
In Deutschland wurde zunächst das Isotop Jod 131 zum Aufreger. Kinder sollten nicht mehr draußen spielen. Lebensmittel aus dem Garten sollten nicht genutzt werden. Die Milch von Kühen, die im Freien weideten, durfte nicht verwendet werden. Um diese nicht zu vergeuden, ließ man in Bayern Milchpulver daraus produzieren. Da auch dieses nicht verwertet werden konnte, kam es in einen Güterzug und stand dann noch jahrelang an einem Bahnhof, bevor es entsorgt wurde. Die Phase mit dem Jod ging schnell vorbei, da seine Halbwertszeit nur acht Tage betrug. Andere Isotope wie das Caesium spielen noch heute eine Rolle, da es wegen seiner Halbwertszeit von circa 30 Jahren in manchen Regionen im Fleisch von Wildschweinen weiterhin nachgewiesen werden kann. Auch ich als jemand, der gerne Pilze isst, hat sich damit dann viele Jahre zurückgehalten.
Bis heute bestehendes Problem der Endlagerung von Atommüll
Die von Helmut Schmidt als Kanzler favorisierte Atomenergie war mir seit den 70er Jahren suspekt. Allerdings schien mir das Hauptproblem die Endlagerung der radioaktiven Abfälle, die für hunderttausende von Jahren sichergestellt werden muss. Dass ein solcher Atom-Unfall passieren könnte, war mir theoretisch zwar bewusst, hielt ich aber doch für eher unwahrscheinlich. Natürlich schob die Bundespolitik den Unfall auf die unsichere Technologie des Ostblocks. In Deutschland könnte so etwas nicht passieren, war die Parole. Dabei verschwieg man natürlich, dass ein ähnlicher Unfall schon Jahre vorher beinahe in Harrisburg (USA) passiert wäre.
In Fulda organisierten wir dann eine Podiumsdiskussion und eine Demonstration, bei der ich erstmals als Redner auf dem Uniplatz in Fulda auftrat. Nur wenige Menschen hatten zu dieser Zeit Kenntnisse zu diesem Thema. Ich als Physiklehrer hatte mich schon länger damit beschäftigt.
Die deutsche Atompolitik war einer der zwei Gründe, wegen denen ich in die Politik ging. Zwar konnten wir als Grüne dann ab 1989 in der hiesigen Kommunalpolitik nicht viel bewegen, hier gab und gibt es keine AKWs. Allerdings erhielten wir von PreussenElektra, dem damaligen Hauptlieferanten der ÜWAG einen hohen Anteil Atomstrom. Um ihm zu entgehen, hatte man als Verbraucher nur die Möglichkeit, zu alternative Anbietern zu wechseln. Aber wer die AKWs abschalten will, muss die Alternativen dazu, die Erneuerbaren aus Wind und Sonne, voranbringen. Das versuchten wir auch in Osthessen, mit mäßigem Erfolg. Die Errichtung von Windkraftanlagen wurde hier sogar fanatisch bekämpft.
Erst mit Rot-Grün im Bund ging es dann voran und 2000 konnte ein Ausstiegskonzept aus der Atomenergie verabschiedet werden, das allerdings bis in die 2020er Jahre dauern sollte. Eine so lange Frist war schwer zu ertragen, aber wegen der benötigten Mehrheit mit der SPD alternativlos. Die Merkel-Regierung vollzog dann 2011 den Ausstieg aus dem Ausstieg, auf den dann kurz danach die nächste Katastrophe in Fukushima folgte. Immerhin kapierte dann die Physikerin Angela Merkel, dass das Risiko der Atomtechnik auch mit westlicher Technik zu groß ist, und so erfolgte mit großer Mehrheit kurz danach der neue Ausstiegsbeschluss, der dann 2023 endgültig vollzogen wurde.
Wiedereinstieg viel zu teuer und unrealistisch
Nicht nur 1986 war die Endlagerfrage ungeklärt, sie ist es auch heute noch. Den radioaktiven Abfall mehrere hunderttausend Jahre sicher aufzubewahren, ist ein nahezu unlösbares Problem. Es übersteigt bei Weitem die Planungs- und Vorstellungsmöglichkeiten der Menschen, die selber erst auf eine Kulturgeschichte von etwa 10.000 Jahren zurückblicken können.
So ist das aktuelle Gerede mancher Politiker wie Merz und Söder über den Wiedereinstieg in die Atomtechnologie nur ein Beleg dafür, dass sie von der Angelegenheit keine Ahnung haben. Aus Trotz laufen sie alten Vorstellungen nach. Hinzu kommen die langen Planungs- und Bauzeiten solcher Anlagen und ihre enormen Kosten. Wer sich wirklich mit den Energiekosten beschäftigt, weiß, dass die Erneuerbaren heute schon deutlich wirtschaftlicher sind. Auch der Traum von den Mini-AKWs ist unrealistisch, da es dergleichen bisher nicht gibt.
Schon zu meiner Studienzeit vor über 50 Jahren träumten manche Physiker von Fusionsreaktoren wie der Sonne. Man nannte damals 30 Jahre bis zur Realisierung. Vergangen sind mehr als 50 Jahre und von einem Durchbruch kann bisher nicht die Rede sein. Zur Vermeidung der Klimakatastrophe benötigen wir eine Energiepolitik, die schnell Wirkung erzielt, und keine populistischen Träumereien. Noch vor wenigen Jahren wurde es belächelt, wenn man die Erneuerbaren als die Lösung ansah. Heute erzeugen sie schon über die Hälfte des Stromes, der in Deutschland benötigt wird. Baut man sie weiter aus und dazu die Speichermöglichkeiten mit Batteriespeichern, so kann man auch die Dunkelflauten überbrücken. Die Fortschritte bei den Akkus sind zudem in den letzten Jahren wesentlich schneller als bei allen Atomforschungen.
Wenn man sich anschaut, wie schon 40 Jahre nach Tschernobyl und 15 Jahre nach Fukushima die Erinnerungen bei den Verantwortlichen so verblasst sind, wie soll es da gelingen den Atomabfall bis in alle Ewigkeit sicher zu verwahren?" (Bernd Eckart)+++