Schamlos frech
Jürgen von der Lippe erweist sich als Meister der kessen Lippe - drei Zugaben
Fotos: privat
04.04.2026 / BAD ORB -
Jürgen von der Lippe in Bad Orb (Main-Kinzig-Kreis): Das bedeutet eine Comedy-Lesung aus dem Neuesten seiner Bücher, "Sextextsextett". Das bedeutet aber auch Pointen und Bonmots zum aktuellen Weltgeschehen, Wissen, das das Publikum vermutlich nie wieder brauchen wird – und viel zu Lachen. Jürgen von der Lippe erweist sich als der gewohnt zungenfertige Entertainer, den die Gäste in der ausverkauften Konzerthalle erwartet haben.
Stattfand die Veranstaltung am Abend nach der Zeitumstellung, was nicht unkommentiert blieb. Laut einer Umfrage spüren Frauen die Zeitumstellung deutlich stärker als Männer. "Männer gelten ja als wehleidiger als Frauen. Auch das wird uns jetzt weggenommen", wie Lippe augenzwinkernd klagt. Überhaupt ging es in den knapp drei Stunden, die das Programm inklusive einer Pause am Stand der Spessart-Buchhandlung und eventuell einem Cocktail von der wunderBAR-Eventgastronomie füllt, zu einem großen Teil um "das Spannungsfeld zwischen Mann und Frau". Manchmal zotig, manchmal schlüpfrig, auch mal doppeldeutig, sodass es einen Moment dauert, bis bei den Gästen der Groschen fällt. Dafür fällt dann das Gelächter umso lauter, das Giggeln noch eine Note kreischender aus. Drei Zugaben sind es schließlich, die der Meister der kessen Lippe geben muss, bevor sich das Publikum zufrieden gibt.
Sprachliche Fehlleistungen sind dem Autor, von dem die FAZ schreibt: "Jürgen von der Lippe durchwandert die deutsche Humorwüste, um wortwitzspuckend den Eindruck zu widerlegen, der Esprit habe hierzulande keine Advokaten", ein Gräuel. Zugleich sind sie aber ein immerwährender Quell der Heiterkeit fürs Publikum. Etwa, wenn Lippe den Weserkurier zitiert, in dem in einer Meldung die "Kastrationspflicht für Menschen, die Katzen mit Freigang halten" gefordert wird. Dass Paraskavedekatriaphobie, die Angst vor Freitag, dem 13., also, unverständlich sei, lässt Lippe wissen: Schließlich gäbe es am 1. Mai viel mehr Unfälle, sei es durch Steinwürfe oder wegen der Herumfahrerei von Besoffenen. Auch Weihnachten, "das Fest der Familienkräche", sei schlimmer. Da wird schon Wochen vorher überlegt: "Will ich wirklich mit dieser Knalltüte unterm Bäumchen sitzen." Und auch der Meteorit in Koblenz sei dieses Jahr nicht an einem Freitag, dem Dreizehnten, herabgestürzt – sondern am Weltfrauentag.
Das hat dagegen die Gästeschar, die erfährt, dass "Sex an und für sich" nicht nur eine Sache für einsame Menschen ist, oder wie Woody Allen in "Die Stadtneurotiker" sagte: "Liebe mit einem Menschen, den ich sehr schätze." Oder wie Michelle Hunziker wissen ließ: Masturbation als ihr Jungbrunnen. "Mir fallen da einige Politikerinnen ein, die sich ruhig mal Zeit nehmen könnten", kalauerte Lippe.
Aus seiner Zettelsammlung bringt er Spannendes über "den Hubschrauberlandeplatz auf meinem Kopf" zu Gehör, lässt sich vom Publikum im Chor danach fragen, ob er "nicht früher volles Haar" gehabt habe (eine der Antworten: "Ja, aber dann habe ich die Synästhesie für mich entdeckt. Ich kann jetzt im Winter die Schneeflocken auch hören."). Überhaupt macht dem "großen alten Mann der Zwerchfellerschütterung" die Interaktion mit den Gästen Spaß. Etwa, wenn sie abstimmen dürfen, wer bei einem imaginären Streitgespräch unter Eskimos (die Bezeichnung wählt er absichtlich) als Sieger vom Platz geht. Oder beim Mitsingen von "Liebeskummer lohnt sich nicht", das offenbar nur die Frauen kennen. Die Lachstürme nach einem Witz kommentiert er mit "Mein Gott, so beruhigen Sie sich doch... Kann ich jetzt weitermachen..."