"Hinter der Maske des Bösen""

Jens Söring - ein Abend über Täterbilder, Terror und Narzissmus

Jens Söring - ein Abend über Täterbilder, Terror und Narzissmus
Fotos: Marvin Hucke

29.03.2026 / FULDA - Der Saal war randvoll gefüllt, als Jens Söring mit seinem Bühnenprogramm "Hinter der Maske des Bösen – True Crime von einem Insider" in der Propstei Johannesberg in Fulda auftrat. Der Termin ist Teil seiner laufenden Deutschlandtour.



Schon der Einstieg war drastisch. "Stell dir vor, du sitzt im Gefängnis!", sagte Söring ins Publikum. "Und ein Wärter führt dich mit jemandem in die Dusche, von dem du weißt, dass er mehr als 300 Menschen auf dem Gewissen hat!" Damit war klar, worum es ihm an diesem Abend ging: nicht bloß um spektakuläre Kriminalfälle, sondern um die Frage, wie Täter wirken – und wie trügerisch diese Wirkung sein kann.

Warum True Crime so erfolgreich ist

Söring versuchte gleich zu Beginn zu erklären, warum das Genre True Crime ein so großes Publikum anzieht. "Straftäter werden als ganz anders beschrieben, als Sonderlinge, und zuletzt als abscheuliche Gestalten", sagte er. Dahinter stecke ein menschliches Bedürfnis zur Abgrenzung. "Wir alle haben das Bedürfnis, uns innerlich als gute Menschen anzusehen", formulierte er. Und weiter: "Wir empfinden das innere Bedürfnis, uns als die Guten von den Bösen abzugrenzen."

Genau diese klare Trennung wollte Söring an diesem Abend aufbrechen. Er könne sich selbst davon nicht einfach distanzieren, sagte er, weil er 33 Jahre in Haft verbracht und dort Terroristen, Massenmörder, Sexualstraftäter und Gewalttäter aus nächster Nähe erlebt habe. "Lassen Sie uns gemeinsam hinter diese Maske des Bösen blicken!", forderte er das Publikum auf. Der Abend kreiste damit zwar auch um Sörings eigene Lebensgeschichte, vor allem aber um drei Erzählstränge aus seiner Haftzeit. Zwei der Fälle schauen wir uns genauer an.

Der Terrorist, der wie ein freundlicher Vater wirkte

Besonders eindrücklich erzählte Söring von Inderjit Singh Reyat, einem Mann aus der sikhischen Gemeinschaft. Sikhs erkennt man oft am Turban, der für viele Gläubige ein sichtbares religiöses Zeichen ist; der Sikhismus entstand im Punjab, und gerade in Kanada – auch in der Region Vancouver – leben seit langem große Sikh-Gemeinden.

Söring verknüpfte Reyats Geschichte mit einem der schwersten Terroranschläge der Luftfahrtgeschichte. Am 23. Juni 1985 explodierte Air India Flug 182 vor der irischen Küste; alle 329 Menschen an Bord starben. Fast zeitgleich detonierte am Flughafen Narita in Japan eine zweite Bombe, die für einen weiteren Air-India-Flug bestimmt war; dabei starben zwei Gepäckarbeiter. Der Anschlag gilt als die schwerste terroristische Tat in der kanadischen Geschichte und war bis zum 11. September 2001 der tödlichste Luftfahrt-Terroranschlag der Welt. Reyat gilt als die zentrale, verurteilte Figur im Zusammenhang mit den Bomben.

Gerade an diesem Fall interessierte Söring weniger allein das historische Ausmaß als das persönliche Paradoxon. "Dieser Terrorist, dieser Massenmörder war … ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll … insbesondere im Kontrast zu anderen Häftlingen ein friedlicher, fast schon väterlicher Mann", sagte er. Und noch direkter: "Ich hatte das Gefühl, mit ihm immer gut reden zu können." Reyat habe im Gefängnis oft von seinen eigenen Kindern erzählt, habe stets freundlich und höflich gewirkt und sei im Alltag keineswegs als fanatischer Schreihals aufgetreten.

Gerade dieser Widerspruch beschäftigt Söring bis heute: Wie konnte ein Mann, der im persönlichen Umgang beinahe sanft wirkte, an einem Anschlag beteiligt sein, bei dem so viele Zivilisten, Familien und Kinder starben? Söring führte das auf einen moralischen Mechanismus zurück. Reyat habe immer wieder sichtlich aufgelöst von dem gesprochen, was seiner Glaubensgemeinschaft in Indien widerfahren sei; der Schmerz über Pogrome und Gewalt durch indische Hindus habe sich in seinem Denken offenbar in einen zerstörerischen Gerechtigkeitswillen verwandelt. Sörings Schlussfolgerung lautete deshalb: "Vor solchen Menschen, die bereit sind, für Rache so weit zu gehen, müssen wir uns als Gesellschaft schützen. Nicht aber, weil sie "böse" sind, sondern weil sie das Böse für gut und gerechtfertigt halten."

"GiGi" und der große Raub: Wenn Ruhm wichtiger ist als Beute

Der zweite Fall, den Söring ausführlich ausbreitete, galt dem italienischen Bankräuber Valerio Viccei, den er "GiGi" nannte. Gemeint war der Kopf hinter dem berüchtigten Knightsbridge Safe Deposit Raub in London. Der Überfall ereignete sich am 12. Juli 1987 und gilt als einer der größten Raubzüge der britischen Kriminalgeschichte. Die Täter gelangten unter einem Vorwand in den Tresorbereich, überwältigten Mitarbeiter, hängten ein "geschlossen"-Schild an die Tür und plünderten zahlreiche Schließfächer. Später führte ein blutiger Fingerabdruck zu Viccei; nach seiner Flucht wurde er bei seiner Rückkehr nach Großbritannien festgenommen.

Söring schilderte Viccei als das völlige Gegenteil zu Reyat. "Er sagte, die Beute war ihm gar nicht wichtig. Er wollte der größte Bankräuber werden und weltberühmt sein." Geld sei für ihn nie nur Mittel gewesen, sondern Bühne. Der Raub selbst wurde von Söring fast filmisch beschrieben: Helfer unter dem Wachpersonal, falsche Kunden, ein schlichtes Schild an der Eingangstür, Brechstangen, Hämmer, Drähte, gefesselte Angestellte. "Vor Gier merkten die Räuber nicht, wie die aufgerissenen Schließfächer ihre Hände bluten ließen", sagte Söring. Gerade dieser blutige Fingerabdruck von GiGi sei später der entscheidende Hinweis geworden.

In der Haft habe Viccei mit seinen Taten regelrecht geprahlt. "GiGi war es wichtig, mit besonderen Details zu prahlen", sagte Söring. "Ich interpretierte es als tiefe Minderwertigkeitskomplexe." Aus seiner Sicht war Viccei getrieben von Narzissmus, Angeberei und der Sucht nach Bewunderung.

Für Söring war er gerade deshalb besonders bedrohlich. "Ich hatte in Haft Angst vor GiGi. Ich hielt ihn für überaus gefährlich und unberechenbar." Er habe ständig erzählt, ständig überhöht, ständig neue Details eingeflochten – auch solche, die nie an die Öffentlichkeit gelangt seien. Söring deutete das nicht als souveräne Stärke, sondern als Symptom. Der Bankräuber sei "durch und durch gefährlicher Narzisst, kaltblütig und rücksichtslos" gewesen, so Söring zum Publikum.

Zwei Täter, zwei völlig unterschiedliche Gesichter

Gerade im Kontrast zwischen Reyat und Viccei gewann der Abend seine eigentliche Wucht. Söring stellte den Vergleich selbst auf den Punkt: Der eine habe mehr als 300 Leben ausgelöscht, sei ihm aber persönlich als nahbarer, väterlicher Mensch erschienen. Der andere habe deutlich weniger unmittelbare Opfer hinterlassen, sei aber im persönlichen Eindruck sehr viel kälter, eitler und gefährlicher gewesen. Daraus leitete Söring den Gedanken ab, dass das Monströse sich eben nicht zuverlässig an Auftreten, Höflichkeit oder Charisma erkennen lasse.

Sein stärkster Satz an diesem Abend kam deshalb ganz am Ende dieses Vergleichs: "Ich weiß ganz genau, mit wem von beiden ich heute eine Tasse Kaffee trinken würde!" Dieser Satz wirkte nach, weil er die moralische Erwartung des Publikums gänzlich umkehrte: Nicht der Massenmörder erschien ihm im persönlichen Umgang zwingend furchteinflößender – sondern der Narzisst, der seine Gewalt und Eitelkeit mit Stolz vor sich hertrug.

Mehr als bloße Kriminalgeschichten

Der Fuldaer Auftritt war damit kein klassischer True-Crime-Abend, der nur auf Schockmomente setzt. Söring nutzte reale Verbrechen und reale Täter, um über Selbstbilder, Gerechtigkeitsfantasien, Rache, Narzissmus und moralische Täuschung zu sprechen. Er wollte nicht nur zeigen, wie Täter handeln, sondern wie sie sich selbst dabei sehen.

Gerade darin lag die eigentliche Wirkung des Abends. Söring berichtete nicht einfach nur von spektakulären Fällen aus seiner Haftzeit. Er erzählte davon, dass das Böse oft ganz anders aussieht, als wir es gern hätten – freundlich, höflich, kontrolliert, manchmal sogar sympathisch. Und genau deshalb war "Hinter der Maske des Bösen" in Fulda weniger ein Krimiabend als ein Vortrag über eine unbequeme Wahrheit: dass die Grenze zwischen dem, was wir als menschlich und unmenschlich empfinden, oftmals viel schwerer zu ziehen ist, als man denkt. (Marvin Hucke) +++

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