Ein "DENKmal!"
Wichtiges Projekt: Den Gefallenen und den Opfern des Holocaust Namen geben
Wichtiges Projekt: Den Gefallenen und den Opfern des Holocaust Namen geben.
Fotos: Hartmut Zimmermann
26.03.2026 / KALBACH -
Die Idee ist klar und vergleichsweise einfach: "Den Gefallenen und den Opfern des Holocaust einen Namen geben". Was die Menschen aus dem Sinntaler Ortsteil Sterbfritz aus diesem Ansatz machen, ist hingegen außerordentlich und einzigartig: Sie haben ein Konzept erarbeitet, um in einem gemeinsamen Projekt der gefallenen Soldaten, aber auch der in der Shoa ermordeten Sterbfritzer Juden zu gedenken.
Natürlich ist dies keine Sache, an der alle 2000 Sterbfritzer pausenlos und gemeinsam arbeiten: Getragen wird es vom Dorfverein "Starwetz lebt", dessen Gründung nach der 1200-Jahr-Feier des Dorfs im Jahr 2015 vom Ortsbeirat angeregt wurde, um die Dorfgeschichte weiter zu erforschen und unter anderem in einer online-Chronik (https://www.sterbfritz-chronik.de/) zu dokumentieren. Die Kernarbeit leistet das achtköpfige Chronik-Team um den Vereinsvorsitzenden und Ortsvorsteher Willi Merx und Carsten Kirst. Kirst, von Beruf Architekt, hat die Ideen gebündelt und das Konzept erarbeitet.
Weil die Idee hinter diesem DENKmal!-Projekt weit über Osthessen hinaus ungewöhnlich ist, hatte jetzt der Förderverein Landsynagoge Heubach die Initiatoren aus Sterbfritz eingeladen, bei einer Veranstaltung in der einstigen Dorfsynagoge über ihre Arbeit zu berichten. Fördervereinsvorsitzender Hartmut Zimmermann hieß das Team aus dem Nachbarort – Heubach und Sterbfritz liegen rund 15 Kilometer auseinander - vor einem überschaubaren, aber diskussionsfreudigen Publikum willkommen. Für die Gäste betonte Willi Merx, es sei wichtig, gerade auch im Bereich der Gedenk-Arbeit über den eigenen Ort hinauszuschauen und sich zu vernetzten.
"Es gibt bei uns in Sterbfritz vor der evangelischen Kirche zwar ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, aber kein Denkmal, das an die Kriegsopfer und Gefallenen der Jahre 1939 bis 1945 erinnert", berichtet er. Nach längeren Verhandlungen mit der politischen Gemeinde sei 2004 auf dem Kirchengrundstück eine Gedenktafel platziert worden, die der 1926 geborene und in die USA emigrierte Heinz (Henry) Schuster gestiftet hatte. Schusters Mutter und Schwester waren im Holocaust umgebracht worden, und im Text der Gedenktafel erinnert er auch an das über Jahrhunderte funktionierende und gute Miteinander von Juden und Christen in Sterbfritz, das in der Nazi-Zeit zerstört wurde. Doch eine Tafel mit den Namen der Gefallenen – 89 Menschen aus dem Dorf mit damals rund 1000 Menschen waren gefallen – gibt es derzeit nicht. Und nirgends im Ort werden bislang die Namen der 32 Jüdinnen und Juden genannt, die in der NS-Zeit umgebracht wurden. Das sei die Ausgangssituation gewesen, aus der das DENKmal!-Projekt erwachsen sei.
Was es damit auf sich hat, schilderte Carsten Kirst. Das Chronik-Team hat in einem schon seit einigen Jahren laufenden Prozess Ideen entwickelt, um gleichermaßen der Gefallenen wie auch der ermordeten Juden aus Sinntal zu gedenken. Weil die Grundidee, – scharf formuliert – das Erinnern an die Täter und an die Opfer zu verbinden, gerade auf jüdischer Seite nicht zwangsläufig auf Zustimmung stoßen müsse, habe man frühzeitig Kontakt zu Dr. Josef Schuster, dem derzeitigen Präsidenten des Zentralrats der Juden, gesucht. Das war wohl auch deswegen nicht ganz schwierig, weil Vorfahren Schusters aus Sterbfritz stammen. Schuster habe das Konzept, so berichtete Kirst, ohne Vorbehalte befürwortet, berichtete Kirst. Daher habe man inzwischen sowohl mit der Kirchengemeinde als auch mit der politischen Gemeinde Sinntal Vereinbarungen darüber getroffen, dass ein Teil des Kirchenvorplatzes von der Kommune in Erbpacht übernommen werden kann. Dort soll der neue Gedenkort entstehen.
Kirst erläuterte anhand verschiedener Folien die Entwicklung des Projekts, das nach Wunsch der Initiatoren ein "DENKmal!" und damit auch ein Ort der gesellschaftlichen und historischen Bildung werden soll. Denn es wird sich aus drei Elementen zusammenfügen, die jeweils die Situation im Dorf und der Gesellschaft in unterschiedlichen Zeiten beschreiben: Da ist – angelegt um das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, der "Platz der Gemeinsamkeit". Denn auf den Namenstafeln des alten Monuments werden die Namen der jüdischen und christlichen Soldaten einfach in der Reihe ihres Todesdatums aufgeführt – alle waren eben Männer aus Sterbfritz.
Daneben wird, die Zeit der Nazi-Diktatur in den Blick nehmend, der "Platz der Zerstörung" entstehen, an dem dann in einer Kreisform an Metallstäben die Tafeln angebracht werden, auf denen einerseits die Namen der Gefallenen und gegenüber die Namen der in der Shoa umgebrachten Sterbfritzer Juden zu lesen sein werden. Dieser Kreis dieser Stäbe wird durchbrochen durch einen Stein, auf dem die von Henry Schuster gestiftete Platte einen neuen, würdigen Platz findet. Von dort aus führt eine Reihe von hölzernen Schwellen – eine bewusste Erinnerung an die Züge, die damals die Juden in die Vernichtung und die Soldaten in den todbringenden Krieg transportierten – zum "Platz der Annäherung" führen. Dort findet sich der nun leere Stein, auf dem bislang Henry Schusters Gedenkplatte eher aus Verlegenheit montiert ist – als ein Appell, darüber nachzudenken, was man besser machen kann im Zusammenleben, im Umgang mit anderen, in einer vielfältigen Gemeinschaft.
Am Denk- und Mahnort selbst soll jeweils ein Zitat aus einem Feldpostbrief des bei Stalingrad vermissten Heinrich Euler und des aus Sterbfritz stammenden jüdischen Autors Max Dessauer zu lesen sein. QR-Codes sollen zu weiteren Informationen führen – auch ein Anreiz, diesen Ort mit Schülerinnen und Schülern zu erkunden. So soll die Anlage ein Ort des geschichtlichen Lernens, ein Ort gegen den Krieg und für den Frieden sein.
Wann der Gedenk- und Mahnort nicht nur digital, sondern auch an seinem Standort vor der Kirche betrachtet werden kann, ist noch offen - und hängt an der Finanzierung. "Wir rechnen mit Kosten von rund 135.000 Euro", erläutert Kirst. Die Gemeinde Sinntal würde aber die Betreuung der Anlage übernehmen. Etwa zehn Prozent der Summe wurden bereits gespendet. "Es gibt vielversprechende Kontakte zu möglichen Geldgebern und auch zu Unternehmen – wir sind da zuversichtlich" sagt Kirst. Die Planungen seien abgeschlossen - "wir können sofort loslegen, wenn die Finanzierung steht." (ems/pm) +++