Widerstand gegen Demokratie-Attacke

Dr. Andreas Etges warnt auf Point Alpha: "Die Lage in den USA ist dramatisch"

Den Widerstand gegen Donald Trumps Autoritarismus in den USA beleuchtete der Historiker Dr. Andreas Etges auf Point Alpha.
Fotos: Johannes Schneider

25.03.2026 / RASDORF/GEISA - Seit 1776 leben die Einwohner der USA in einer Demokratie. Doch wie lange noch? Dr. Andreas Etges registriert seit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump klare Anzeichen für einen Umbau des Staates in Richtung Autokratie. In seinem Vortrag "Von "No Kings" bis "ICE out"" inklusive lebendiger Fragerunde im Haus auf der Grenze von Point Alpha lieferte der Historiker Fakten und Hintergründe zum massiven Angriff auf die freie, liberale Ordnung.



Etges macht aber auch einen Hoffnungsschimmer am Horizont aus: Die Zwischenwahlen im November 2026 sind für ihn entscheidend für das Überleben der amerikanischen Demokratie.

Zu Beginn hatte Jan Ludwig Antoni die Besucher und den Referenten im Namen der Point-Alpha-Stiftung begrüßt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter bedauerte, dass viele Werte, für die die Amerikaner jahrzehntelang standen und die über den Geschichtsort Point Alpha vermittelt wurden, verloren gegangen seien. Es sei schwer, sich der Realität zu verschließen, angesichts der Nachrichten, die einem täglich entgegenschlagen.

250 Jahre Verfassungsstaat – Was ist davon geblieben?

"Wir werden Dinge machen, die die Leute schocken." Mit diesen Worten hatte Trump die Zerstörung angekündigt und seitdem betreibt der US-Präsident Schritt für Schritt den Umbau des Verfassungsstaates hin zu einem politischen System mit autoritären Zügen. Trump schütte das Land mit einer Flut von bisher 249 Dekreten, Mittelkürzungen und anderen Bedrohungen, Maßnahmen zu, verdeutlichte Etges. Ein Fahrplan, der in den konservativen Denkfabriken formuliert worden sei und in kürzester Zeit ohne Rücksichten umgesetzt werden solle.

"Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die USA 250 Jahre Verfassungsstaat feiern, steht das System nun mehr denn je unter Druck – durch Schwächung der Gewaltenteilung, ideologische Kontrolle von Bildung und Medien, juristische Umdeutung von Machtbefugnissen, Missachtung von Urteilen und Gesetzen sowie der Einschüchterung politischer Gegner", erklärte der wissenschaftliche Mitarbeiter am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München dem Publikum in der Gedenkstätte. Dazu komme das teilweise brutale Vorgehen gegen Migranten.

Gespaltene Gesellschaft und laute Stimmen

Die Lage ist explosiv, die Gesellschaft gespalten, Vertrauen verloren und die Schäden immens. Außenpolitisch treten die USA aggressiv auf, wirtschaftlich setzt Trump auf ein schwer zu kalkulierendes System von Strafzöllen. Entgegen seiner Versprechungen im Wahlkampf steigen die Preise. Dazu verstricken sich die USA tief in militärische Auseinandersetzungen und trotz sinkender Beliebtheitswerte folgt der größte Teil der MAGA-Bewegung Trump noch immer. Im Herbst stehen die Midterms an: "Nur wenn die Demokraten das Parlament zurückerobern, wäre das die letzte Chance, Trump auf seinem Weg in die Selbstherrschaft zumindest auszubremsen", so Dr. Andreas Etges.

Doch nicht alle Menschen stumpfen ab oder gehen aus Angst vor Repressalien und Vergeltung in Deckung. Gegen die Aushöhlung rechtsstaatlicher Prinzipien formiert sich auf breiter Front Widerstand in der Zivilgesellschaft und in demokratisch regierten Bundesstaaten. Vor allem wegen des brutalen Vorgehens und der Abschieberazzien der ICE-Behörde laufen Aktivisten Sturm.

Unmut in der Bevölkerung und Proteste häufen sich

Bereits zuvor fanden landesweit in den USA die "No Kings"-Demos statt, bei denen selbst Schulklassen den Unterricht unerlaubt schwänzten, um auf die Straße zu gehen. Die Regierung konterte mit Ausgangssperren oder entsandte die Nationalgarde. 650 Klagen gegen Trumps Erlässe sind bei den Gerichten inzwischen anhängig, dazu rund 700 Klagen in den Einzelstaaten. "Wann dazu Urteile kommen, ist offen. Auch, ob sich die Regierung an Urteile halten wird", wähnt Etges das grundlegende Prinzip der "Checks and Balances" vollständig auf der Kippe.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, liege am Kontrollversagen des Kongresses, habe strukturelle Gründe und natürlich an dem komplizierten und komplexen und für Europäer teils schwer durchschaubaren Wahlsystem und die stark auf Personen zugeschnittenen Strukturen. "Tatsächlich wollten die Gründungsväter keine politischen Parteien, sondern Männer, die das Gemeinwohl im Sinne haben. Man wählt nicht Parteien, sondern Personen eines Wahlkreises", sagte Etges und machte Ungleichgewichte, Ungerechtigkeiten, Hürden und Probleme an Beispielen im Senat, Repräsentantenhaus und in der Justiz deutlich.

Trump beharre darauf, dass ihm der zweite Verfassungsartikel das Recht gebe, alles zu tun, was er wolle. Dieser Auslegung widersprechen Kritiker vehement, denn sie befürchten aus Sorge um die Demokratie nicht zu Unrecht einen "König, der über den Gesetzen schwebt".

Das Publikum folgte den Äußerungen von Dr. Andreas Etges gebannt und stieg im Anschluss mit zahlreichen Fragen in die Diskussion ein. Ein abruptes Ende der US-Demokratie, die eigentlich nie mustergültig war, hielt Dr. Etges vorerst für ein unrealistisches Szenario, jedoch seien die Grenzübertretungen durchaus besorgniserregend. Langfristig gerate das bewährte System der gegenseitigen Gewaltenkontrolle unter Beschuss und drohe, nicht mehr oder nur in einem begrenzten Umfang zu funktionieren. (pg/pm) +++

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