Kritische Lage in der Psychotherapie
Ein Jahr hoffen, ein Jahr leiden - und ein System, das Menschen im Stich lässt
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29.03.2026 / KOMMENTAR -
Zwölf ganze Monate lang hat meine beste Freundin auf einen Therapieplatz gewartet. In dieser Zeit war sie psychisch am Ende, kaum wiederzuerkennen und nur ein Schatten ihrer selbst. Sie so zu sehen, hat mir wirklich wehgetan. Es schien, als hätte sie sich aufgegeben und als wäre ihr das Leben gar nichts mehr wert. Das Schlimme an der Sache: Sie ist nicht die Einzige, der es so schlecht geht. Millionen von Menschen kämpfen mit Angstzuständen, Panikattacken, Depressionen und Traumata. Fast jeder dritte deutsche Erwachsene leidet an einer diagnostizierbaren psychischen Krankheit und nur ein geringer Teil von ihnen erhält die Hilfe, die er eigentlich so dringend braucht.
Woran das liegt? An der veralteten und begrenzten Bedarfsplanung, die die erhöhte Nachfrage an Plätzen einfach nicht deckt. Die Zahl der Psychotherapeuten, die mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen dürfen, ist begrenzt. Laut NDR fehlen bundesweit schätzungsweise rund 7.000 Sitze. Unfassbar, oder?
Die Krise ist nicht neu – aber sie spitzt sich zu
Aber eigentlich ist diese Thematik nichts Neues, denn das Problem haben wir ja nicht zum ersten Mal. Die Situation bei der Suche nach Therapieplätzen in Deutschland war schon immer angespannt und mit langen Wartezeiten verbunden. Im Schnitt warten Patienten nämlich rund 20 Wochen auf einen Therapieplatz – auf ein Erstgespräch oft schon sechs Wochen. Und es kommt noch dicker: Im Jahr 2026 hat sich die Lage durch Honorarkürzungen für Psychotherapeuten drastisch verschärft. Ab dem 1. April 2026 kürzen Krankenkassen die Vergütung für ambulante Psychotherapie um 4,5 Prozent.
Was das für die psychische Gesundheitsversorgung bedeutet
Wir wissen alle, was das heißt: Betroffene müssen noch länger auf einen Therapieplatz warten, weil Praxen weniger Termine anbieten können und zugleich wirtschaftlich unter Druck geraten. Dadurch verliert der Beruf für den Nachwuchs an Attraktivität und die ohnehin angespannte Versorgungslage rutscht weiter ab. In der Folge nehmen unbehandelte psychische Erkrankungen zu, was langfristig höhere gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgekosten nach sich zieht, weil viele Menschen später oder gar nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.Sie fragen sich, wieso das Ganze? Grund dafür sind die Sparmaßnahmen der gesetzlichen Krankenkassen, die unter einem enormen Finanzdruck stehen. Die Honorare für Psychotherapeuten sind seit 2013 um rund 52 Prozent gestiegen – deutlich mehr als in anderen Facharztgruppen. Mit diesen Anpassungen wollten die Krankenkassen die Vergütung modernisieren, die Versorgung stärken und frühere Jahre mit geringeren Steigerungen ausgleichen.
Sparen am falschen Ende
Ich verstehe die Intention dahinter – aber die Umsetzung ist ein echtes Problem. Die Krankenkassen sparen an falscher Stelle und wieder einmal trifft es den kleinen Mann und die kleine Frau, die sich eine Privatversicherung nicht leisten können. Die Praxen werden sich nämlich wohl oder übel gezwungen sehen, weniger Kassenpatienten zu behandeln. So viele Menschen stehen da, brauchen eigentlich ganz dringend Hilfe, aber nichts passiert. Stattdessen wird die Situation immer schlimmer, aber niemand macht irgendwas. Vielmehr scheitert es an den hohen Tieren der Politik, die das Problem irgendwie immer noch nicht sehen wollen.
Wenn der Weg in den Beruf blockiert wird
Denken wir an all die Studierenden, die Psychotherapeuten werden wollen. Nach der Reform im Jahre 2020 besteht das Studium nun aus einem polyvalenten Bachelor, dem neuen Master "Klinische Psychologie und Psychotherapie" (inklusive Approbationsprüfung) und einer anschließenden vergüteten Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten. Die Ausbildung soll akademischer, schneller und früher bezahlt sein. Problem: Es fehlen Plätze für den klinischen Teil. Studierende geraten in Sackgassen.Hinweis: Es gibt einige Hotlines und Anlaufstellen für psychisch belastete und erkrankte Menschen. "Nummer gegen Kummer - Kinder- und Jugend-Telefon" erreichen Sie unter 116 111 (Kinder und Jugendliche) sowie 0800 111 0 550 (Eltern). Die Telefonseelsorge können Sie unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 und 116 123 anrufen. Das "Info-Telefon Depression" erreichen Sie unter 0800 3344 533. In akuten Krisen können Sie auch die 112 anrufen.